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Genießt Anwalt Max Schmeler (Mathieu Carrière, Mitte), unter den Geschwistern „das Schwein“ genannt, die Situation? Jakob (Dominic Raacke) und Joschi (Joachim Król) fühlen sich provoziert.

„Die Auferstehung“, Das Erste

Vier Geschwister und ein Todesfall

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Im prominent besetzten Mittwochs-Film des Ersten wartet eine Akademikersippschaft gierig auf ihr Erbe.

Das Ehepaar Linda und Fred (Leslie Malton und Herbert Knaup) erreicht das Ziel im Ulmer Villenviertel. Sie haben es eilig, sind besorgt. Das Tor muss geöffnet, das Auto hineingefahren werden. Ein simpler, alltäglicher Vorgang. Kameramann Michael Schreitel macht ihn zu etwas Besonderen, fängt ihn ein in einer spiraligen, ununterbrochenen Einstellung.

Die Kameraführung in dem Fernsehfilm „Die Auferstehung, der auf dem gleichnamigen Roman von Karl-Heinz Ott basiert, ist ein Gedicht. Die Handlung bleibt auf die Räume eines gutbürgerlichen Anwesens beschränkt, und doch gerät die Inszenierung durch Niki Stein nie statisch. Bemerkenswert auch deshalb, weil Michael Schreitel keine großflächige Einheitsbeleuchtung einsetzt. Man könnte meinen, er habe nur mit natürlichem Licht und den in den Dekors vorhandenen, eher trüben Lampen gearbeitet.

Familientreffen

An diesem Abend gesellen sich zu Linda und Fred noch die Geschwister Joschi (Joachim Król), Jakob (Dominic Raacke), Uli (Michael Rotschopf) mit seiner Frau Franziska (Brigitte Zeh). Spät in der Nacht trifft der Anwalt Max (Mathieu Carrière) ein. Denn es gilt, einen Nachlass zu regeln. Linda und Fred haben den Vater (Peter Maertens) leblos vorgefunden. Sein Ableben kommt nicht unerwartet. „Euer Vater war 89, er hatte Parkinson – da darf man schon mal sterben“, stellt Fred nüchtern fest.

Wenn überhaupt eines der Familienmitglieder trauert, dann währt dieser Zustand nicht lange. Bald richtet sich alles Streben und Streiten auf das Erbe. Denn der Papa hatte auf seine alten Tage noch ein reges Sexualleben entwickelt, eine Affäre mit der ungarischen Haushälterin Anna (Tatiana Nekrasov) begonnen und ihr das Ferienhaus in Arona überschrieben. Jetzt ist Anna, im nicht immer feinen Sprachgebrauch der Geschwister „die ungarische Hure“, verschwunden, und mit ihr der Oldtimer des Vaters, der schon von Roland Barthes besungene Citroën DS. Hatte der verliebte Greis sie womöglich auch noch zur Alleinerbin ernannt?

Personalien

Statt einen Arzt zu rufen, um den Totenschein ausstellen zu lassen, wird die jüngere Vergangenheit aufgearbeitet – wer hat den Vater wie oft und wie lange besucht –, dann geht es weiter zurück, bis in die Jugend und Kindheit. Die von Romanautor Ott bereitgestellten Figuren haben Stellvertreterfunktion und grenzen häufig ans Stereotyp. Linda und Fred haben sich in der provinziellen Kulturszene ein solides Dasein geschaffen – kunstbeflissen, aber im Zweifelsfalle kleinmütig und kompromisslerisch. Joschi ist der ewige Rebell, immer noch strikt links, ohne Rentenansprüche und stolz darauf. Biertrinker, während die anderen standesgemäß am Rebsaft hängen. Auch auf Gefängniserfahrungen kann Joschi zurückblicken. Er hatte, so will es das Drehbuch, mit Geldern des Heidelberger Studentenwerks spekuliert und war betrogen worden. Jakob kommt gerade aus Paris, wo er an einem Filmbericht über Blaise Pascal arbeiten wollte. In seinem Jugendzimmer zeugt das Kinoplakat von Ingmar Bergmans „Das siebente Siegel“ von seinen früheren Ambitionen. Heute ist Jakob laut eigenen Worten „Beiträgemacher fürs Fernsehen“. Uli beteiligt sich noch am wenigsten am verbalen Ringen. Ihm macht genug zu schaffen, dass sich Franziska von ihm trennen will. Und unverhohlen mit seinem Bruder Jakob flirtet, der arg prahlerisch seine Intellektualität zur Schau stellt.

Ungereimtheiten

In diesen Figuren werden unterschiedliche Lebensentwürfe und Anschauungen der heute Fünfzig- bis Sechzigjährigen verdichtet. Eher demonstrativ denn subtil, mit überdeutlichen Merkmalen. Pink Floyd müssen mal wieder als musikalische Markierung herhalten, als ob es sonst nichts gegeben hätte in den Sechziger-, Siebziger-, Achtzigerjahren.

Die Handlung vollzieht sich merklich konstruiert. Die Schlusspointe verlangt, dass der Tote nicht medizinisch untersucht wird. Alle gieren auf die Eröffnung des Testaments; der Rechtsanwalt Max pocht auf Einhaltung des Verfahrens und verweist auf das Nachlassgericht. Das aber würde ohne Sterbeurkunde gar keine Entscheidung treffen. Ein Jurist wüsste das.

Auch an anderen Stellen machen Ungereimtheiten stutzen. Joschi soll durch sein Ungeschick in monetären Angelegenheiten das Geld eines Studentenwerks verschleudert haben. Studentenwerke sind gemeinnützige Anstalten öffentlichen Rechts. Dem Zusammenhang nach erscheint unwahrscheinlich, dass sich der unbeugsame Klassenkämpfer Joschi dort verdungen hätte.

Durch solche Momente erhält das Stück, ohnehin ein bestenfalls ausschnitthaftes Generationenporträt, eine übertrieben gekünstelte, realitätsferne Anmutung. Auch die eingangs angesprochenen filmischen Qualitäten helfen nicht darüber hinweg.

„Die Auferstehung“, Mittwoch, 5. Juni, 20:15 Uhr, Das Erste

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