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Max von der Groeben (v.l.n.r.) als Frieder, Luna Wedler als Vera, Devrim Lingnau als Cäcilia, Damian Hardung als Höppner in einer Szene des Films „Auerhaus“.

„Auerhaus“

„Auerhaus“ im Kino: Windjacken und Widerstand

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Neele Leana Vollmars Verfilmung des Coming-of-Age-Romans „Auerhaus“ sucht vergeblich nach dem Kultigen.

Wer die Geschichte eines Erwachsenwerdens mit dem Tod eines Protagonisten einleitet, braucht sich über die melancholische Stimmung keine Sorgen mehr zu machen. Wahrscheinlich war es schon damals so, als Erich Segals Liebesroman „Love Story“ durch seinen ersten Satz zum Bestseller wurde: „Was soll man über ein Mädchen sagen, das mit 25 Jahren starb?“

So alt wird der depressive Frieder (Max von der Goeben) nicht einmal werden. Gleich zu Beginn ihrer Romanverfilmung lässt Regisseurin Neele Leana Vollmar die Schicksalswürfel fallen. Ein Handlungsstrang ist damit bis zum Ende vorgegeben: Der Jugendliche wird mit seinen Suizidversuchen schließlich erfolgreich sein. Dabei waren sein Freund Höppner, der Erzähler der Geschichte, dessen hübsche Freundin Vera und die als Streberin verschriene Geigenschülerin Cäcilia ja nur mit ihm in das alte Haus gezogen, um seinem angekündigten Tod ein Schnippchen zu schlagen. Verloren ist die Liebesmüh dennoch nicht: In seinem Abschiedsbrief dankt ihnen Frieder für die schönste Zeit seines Lebens.

Den Verlauf begradigt

Wahrscheinlich muss in einem Coming-of-Age-Film immer jemand von der „schönsten Zeit seines Lebens“ schwärmen. Jedenfalls, wenn man amerikanische Vorbilder zum Maßstab nimmt. Die Filmemacherin hat es sich bei der Adaption von Bov Bjergs Roman einfach und schwer zugleich gemacht. Indem sie auf sein Ende vorgreift, hat sie den Verlauf begradigt. Dennoch verzettelt sie sich immer, wenn eine Szene Kultwert verspricht: Gleich dreimal muss deshalb ein liebevoll auf 80er Jahre dekorierter Supermarkt als Kulisse für eine Anleitung zum Ladendiebstahl herhalten.

Unterlegte Popsongs aus der Zeit, allen voran natürlich „Our House“ von Madness, umwerben die Überlebenden im Publikum. Ausstattung und Kostümbild tun ein Übriges, um wohlig-gruselige Erinnerungen zu wecken: Mit scheußlichen Tapeten, wie sie schon damals nur noch bei den Großeltern zu besichtigen gewesen wären. Und der hässlichsten Windjacke, die je ein Protagonist durch einen ganzen Film getragen hat. Gut möglich, dass es dem nonkonformistischen Außenseiter Höppner wirklich nicht darauf angekommen wäre, was er angehabt hätte. Aber er hätte vielleicht doch noch ein Kleidungsstück zum Wechseln gehabt.

Wenn man schon eine Art „Generation Golf“ aus der Vorlage destillieren wollte, hätte man andererseits den politischen Zeitgeist nicht völlig fernhalten müssen. Weder Nachrüstungsgegner, noch Öko- und Antiatomkraftbewegung finden in dieser jugendlichen Aussteigergeschichte Erwähnung. So bemüht mitteilsam die Ausstattung ist, so prominent das Dekor mitspielt, so leer wirkt die ortlose Provinz in ihrer Allgemeingültigkeit – im Bemühen, dieses Provinznest zum identifikationsstiftenden „Jederdorf“ zu machen.

Vier Jahre nach Erscheinen ist „Auerhaus“ auf dem Weg zum Klassiker. Der Film wird es schwer haben, den Fans des Romans etwas dazu zu geben. Ebenso wenig wird es ihm gelingen, Nichtlesern eine Vorstellung von dessen Qualitäten zu vermitteln. Dennoch ist immer noch genug daran zu bewundern, um ihn als einen der besseren deutschen Filme der Saison in Erinnerung zu behalten. Und das sind vor allem die Hauptdarsteller: Damian Hardung fühlt sich als Höppner phantastisch ein in eine Lebensphase, in der man keine Vorstellung von seinen eigenen Qualitäten hat. Luna Wendler, seit „Das schönste Mädchen der Welt“ als Sensation bekannt, steht als seine abtrünnige Freundin Vera für das Gegenteil, die heimliche Neugier am Ich. Max von der Groeben als Frieder beschränkt seine Darstellung nie auf den Phänotyp der psychischen Erkrankung. Vielleicht spielt ihnen der Hang zur Vereinfachung um sie herum doch in die Hände und lässt ihre Kunst nur noch mehr strahlen.

Auerhaus.D 2019. Regie: Neele Leana Vollmar. 104 Min.

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