Da hat er noch mächtig viel Boden unter den Füßen: Richard Dreyfuss, hier mit Richie Lawrence.
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Da hat er noch mächtig viel Boden unter den Füßen: Richard Dreyfuss, hier mit Richie Lawrence.

Kino

„Astronaut“ mit Richard Dreyfuss: Die Esel und das All

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Altstar Richard Dreyfuss träumt von noch einmal vom Weltraumfliegen im Familiendrama „Astronaut“.

Als im Juli die ersten Kinos in der Pandemie wieder öffnen durften, gab es auch eine schöne Hoffnung: Würden die Verleiher vielleicht gerade jetzt ihre anspruchsvollsten Filme in die platzreduzierten Kinos schicken? Jene, die auch sonst nicht richtig voll werden? Christian Petzolds himmlische „Undine“ machte den Anfang und wurde unter den Umständen fast zum Blockbuster. Als dann sogar noch der Großverleiher Warner Brothers mit Christopher Nolans „Tenet“ einen echten Blockbuster (und ein Kunstwerk noch dazu) in die dürstenden Multiplexe schickte, schien deren Überleben gesichert.

007 James Bond: „No Time to Die“ ins nächste Jahr verschoben

Leider aber gilt dieses Experiment inzwischen als wirtschaftlich gescheitert; der für den 13. November erwartete James-Bond-Film „No Time to Die“ wurde auf den März verschoben. Wenn es denn dann überhaupt noch Kinos gibt. Andere große Kinofilme wie Pixars „Soul“ wandern direkt in die Streaming-Kanäle. Dafür sieht man nun wiederum eine Menge Filme im Kino, die nicht gerade seltene Juwelen aus der Schatztruhe sind und die man sonst vielleicht eher im Fernsehen erwarten würde. Filme wie „Astronaut“.

Richard Dreyfuss, der schon in Steven Spielbergs „Unheimliche Begegnung der Dritten Art“ sehnsuchtsvoll in den Sternenhimmel blickte, träumt abermals vom Weltraumfliegen. Die Außerirdischen mit den Wasserköpfen sind ihm diesmal allerdings nicht mehr behilflich. Schließlich hat das 21. Jahrhundert mit Persönlichkeiten wie Richard Branson und Elon Musk jenen Typus des abenteuerlustigen Milliardärs in die Wirklichkeit geworfen, den man früher eher aus Geschichten von Jules Verne oder Carl Barks gekannt hat. Hier übernimmt die Initiative ein schwerreicher, dünner Glatzkopf, von seinem Darsteller Colm Feore deutlich Amazon-Gründer Jeff Bezos nachempfunden.

„Astronaut“ mit Richard Dreyfuss: Best Ager Movie

Als dieser einen Platz für seinen ersten touristischen Weltraumflug verlost, kommt der Senior unter die 12 Finalisten. Dass der 75-Jährige nach dem Tod seiner Frau gerade in ein Pflegeheim eingezogen ist, bremst seinen Eifer wenig. Im Gegenteil: Höher und weiter wäre noch niemand über das Kuckucksnest geflogen. Man spricht in der Branche von „Best Ager Movies“, wenn Altstars scheinbar für ein mit ihnen gealtertes Publikum agieren. Ob das wohl auch für eine Verfilmung von Shakespeares „King Lear“ gelten würde?

Als hätten sich immer nur alte Leute für Geschichten mit älteren Protagonisten interessiert. Dabei ähneln die Ergebnisse ironischerweise oft den „Coming of Age“-Filmen, die man für Jugendliche produziert; denn die Alten wollen es in diesen Geschichten ja noch mal wissen. Und wenn man es genau betrachtet, ist so ein Altersheim ja auch nicht anders organisiert als ein College-Internat: Schnell hat man als Außenseiter mit verschworenen Cliquen zu kämpfen und muss den Ausbruch wagen.

„Astronaut“ im Kino: Schöner Gastauftritt von Graham Greene

Richard Dreyfuss’ Filmfigur mit dem eingängigen Namen Angus Stewart hat offenbar genug Teenagerfilme gesehen, um sich im Heim erst einmal mit einem noch größeren Sonderling anzufreunden, der ihm dies mit ergebener Treue dankt. In dieser fast stummen Rolle hat Graham Greene, Kevin Costners unvergessener Partner als „Strampelnder Vogel“ in „Der mit dem Wolf tanzt“, einen schönen Gastauftritt. Denn in Wirklichkeit wurden Best-Ager-Filme ja schon immer ebenso gerne von jüngeren Filmfans angeschaut, die sehen möchten, was aus den Idolen ihrer Jugend geworden ist.

Der futuristische Weltraumgleiter, von dem es leider nur unscharfe Computeranimationen zu sehen gibt, ist leider wirklich so ein strampelnder Vogel. Allein Angus Stewart, der natürlich aus dramaturgischen Gründen erst einmal aus dem Wettbewerb fliegt, ist es vorbehalten, den entscheidenden Knackpunkt zu finden. Immer wird in diesem sympathischen, aber auch recht didaktischen Lehrstück über den Zusammenhalt der Generationen der Erfahrungsschatz der Älteren beschworen. Und seien es nur die Computerpioniere, die, wie es einmal heißt, bei der Jahrtausendwende globale Ausfälle in den digitalen Netzwerken verhindert hätten.

Da hätte man vielleicht auch ganz gut daran getan, bei dieser Produktion nicht ausgerechnet die Funktion der Autorin und Regisseurin mit einer Debütantin zu besetzen. Die kanadische Schauspielerin Shelagh McLeod entfesselt im erfreulich multiethnischen Ensemble zwar ein angenehm warmherziges Zusammenspiel, lässt sich jedoch nichts einfallen, um die Sehnsucht nach dem All sinnfällig zu machen. Ab und zu ein Blick ins Amateurteleskop, mehr verbindet das Erdenvolk nicht mit den endlosen Weiten über seinen Köpfen.

Noch weniger gelingt es ihr, die erzählerischen Versatzstücke zusammenzunieten. Der Einzug ins Pflegeheim auf Initiative eines übereifrigen Schwiegersohns stammt aus derselben Schublade wie die Verklärung von Demenz als poetische Wunderlichkeit. So hat die verstorbene Frau des Protagonisten diesen in Armut gestürzt, weil sie sich eine Herde Esel samt Grundstück verkaufen ließ. Als der trauernde Witwer davon erfährt, reagiert er so, wie sich Hollywood die wahre Liebe vorstellt: Er verkauft sein Haus und behält lieber die Esel. Warum bei so viel irdischer Idylle noch in außerirdische Fernen schweifen?

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