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Asta Nielsen schreibt vor 111 Jahren Filmgeschichte- Das Starsystem als Frankfurter Erfindung

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Von: Daniel Kothenschulte

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Asta Nielsen im „Liebes-ABC“, 1916.
Asta Nielsen im „Liebes-ABC“, 1916. © imago

Hier schrieb der Stummfilmdiva Asta Nielsen vor 111 Jahren Filmgeschichte – Hollywood ziehtnach

Die Geburt des Starsystems – wer denkt dabei nicht zuerst an Amerika? Ein Forschungsprojekt, das die Frankfurter Kinothek Asta Nielsen am kommenden Sonntagvormittag im Deutschen Filmmuseum vorstellen wird, kommt zu einem anderen Schluss, wie schon der Titel nahelegt: „Asta Nielsen – der internationale Filmstar und die Einführung des Starsystems 1911-1914“. Zwar waren Ruhm und Marktmacht der großen Dänin, die ganz überwiegend in deutschen Produktionen auftrat, allgemein bekannt. Was das forschende Kollektiv um Yvonne Zimmermann, Marin Loiperdinger und Friederike Grimm in einem Gemeinschaftsprojekt der Universitäten Trier und Marburg allerdings jetzt beweisen kann, ist schon eine Sensation: „In Frankfurt lancierten deutsche Filmhändler vor 111 Jahren das Starsystem – Hollywood zog nach.“

Das Melodram „Abgründe“ hatte die Nielsen Ende 1910 berühmt gemacht. Ihr Auftritt als Klavierlehrerin, die mit einem Varietékünstler durchbrennt, den sie auf der Bühne in einen erotischen Lassotanz verwickelt, fesselte das Publikum nicht minder. Am 27. Mai entsteht in den Frankfurter Büros der Pagu-Filmgesellschaft ein historisches Foto: Nielsen, ihr über Jahre exklusiver Regisseur Urban Gad und vier Filmgeschäftsleute besiegeln damit einen Millionenvertrag.

Ein wegweisendes Modell

Der ist zwar verschollen, aber eine Anzeige vermeldet mit Stolz die Vertragssumme von 1,4 Millionen Mark: „Die internationale Film-Vertriebsgesellschaft hat keine Furcht, dieses Quantum zu platzieren. Weshalb? Sie besitzt den Star Asta Nielsen, die Duse der Kinokunst. Sie besitzt den Autor und Regisseur Urban Gad… Diese beiden Namen sind den Kinobesuchern in Fleisch und Blut übergegangen und garantieren volle Häuser!“ Die dreijährige Laufzeit umfasste 30 Langfilme – und ein in der Tat wegweisendes Modell: Die Kinos buchten blind eine Serie von Filmen allein aufgrund der Popularität eines Stars und der erwarteten Synergien aus Leinwandpräsenz und Autorenschaft.

Diese Idee sollte in den USA in der Tat Schule machen und gilt als Grundpfeiler des Starsystems. Tatsächlich gelang es auch dort große weiblichen Stars wie Mary Pickford und Lillian Gish eine hohe künstlerische Kontrolle über ihre Produktionen durchzusetzen – wogegen die mächtigen Filmstudios später mit restriktiven Sieben-Jahres-Verträgen vorgehen sollten.

Was den Frankfurter Deal für die Filmvertriebsgesellschaft besonders attraktiv machte: Nachdem man seine Kosten im Inland eingespielt hatte, bedeuteten Auslandsverkäufe sichere Gewinne. Auch das eine Regel, mit der man in Hollywood noch lange kalkulieren sollte. Aber kann es sein, dass man in den USA nicht schon ähnliche Ideen hatte?

Für Yvonne Zimmermann ist „Vorsicht immer geboten“ wenn von Erstmaligkeit die Rede sei. Als unumstritten gilt Max Linders Pionierrolle als erster Filmstar. 1909, noch fünf Jahre vor Chaplins Siegeszug, feierte der französische Komiker ähnliche Erfolge. In den USA gilt gemeinhin Florence Lawrence als erster Filmstar, die 1910 so populär war, dass ihr Fans bei einem öffentlichen Auftritt die Knöpfe vom Mantel rissen.

Ruhm, Ehre, Profit

Allerdings weigerte sich ihr Arbeitgeber, das Filmstudio Biograph, ihren Namen bekannt zu geben – die Presse nannte sie nur das „Biograph Girl.“ Das Starsystem war also etwas, was man in den USA durchaus schon kannte – nur wollte man eben nicht teilen, was Asta Nielsen in Frankfurt vor 111 Jahren so erfolgreich unter Dach und Fach gebracht hatte: Ruhm, Ehre – und einen angemessenen Teil am Profit.

Zu welcher Kunst Nielsen und Gad die noch junge Form des langen Filmmelodrams führten, zeigt ihr fünfter Film für die Firma Bioscop, „Der fremde Vogel“ (1911). In der Matinee des Deutschen Filmmuseums wird die Pianistin Maud Nelissen die wunderbaren Landschaftsfotografien Guide Seebers begleiten. Gedreht im Spreewald, alarmierte eine Szene des Films den Jugendschutz wohl besonders: Asta Nielsen zieht sich Schuhe und Strümpfe aus, um den in der Auenlandschaft festgefahrenen Nachen anzuschieben. Ihre Karriere befand sich längst in voller Fahrt.

Deutsches Filmmuseum, Frankfurt: Die Kinemathek Asta Nielsen stellt den Stand der Forschung und den Stummfilm „Der fremde Vogel“ vor, eingeführt von Heide Schlüpmann. Sonntag, 20. November, 11 Uhr.

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