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„Vielfalt statt Artensterben“ (Arte): Selbst schuld am Klimawandel

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Von: Hans-Jürgen Linke

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In Brasiliens Pantanal, einem der größten Binnenland-Feuchtgebiete der Erde, rettet eine junge Tierärztin Ameisenbärbabys vor den verheerenden Waldbränden.
In Brasiliens Pantanal, einem der größten Binnenland-Feuchtgebiete der Erde, rettet eine junge Tierärztin Ameisenbärbabys vor den verheerenden Waldbränden. © Bild: Sendeanstalt/Copyright

Der Dokumentarfilm „Vielfalt statt Artensterben. Die Menschheit am Scheideweg“ illustriert, wie ernst der Klimawandel ist. Die Erstausstrahlung zeigt Arte.

Frankfurt – Ameisenbären sterben bei Autounfällen, Anakondas und Jaguare bei Brandrodungen, Korallen an Folgen des Klimawandels, Insekten häufig wegen einer monokulturellen Landwirtschaft und zahllose Vogelarten als Folge des Insektensterbens, in Nationalparks wird illegal geweidet und gewildert, und selbst starke Tiere wie Nashörner sind kurz vorm Aussterben. Ja, wissen wir schon lange, da kann man wohl wenig machen.

„Vielfalt statt Artensterben. Die Menschheit am Scheideweg“ (Arte): 75 Prozent aller Arten gingen verloren

Trotzdem kann man noch einmal kurz innehalten bei der Aufzählung der Fakten und ihrer Größenordnungen: Wir befinden uns mitten in einem kaum aufhaltbaren Prozess des globalen Artensterbens, das in Punkto Geschwindigkeit und Umfang durchaus mit dem mithalten kann, was vor 66 Millionen Jahren nach dem Asteroiden-Einschlag in Yucatán geschah. Etwa 75 Prozent aller lebenden Arten – also Pflanzen und Tiere, Dinosaurier inklusive – gingen verloren und kamen nicht zurück.

Es begann das Zeitalter der vehementen Ausbreitung der Säugetiere. Eines dieser Säugetiere, das evolutionsbiologisch noch sehr jung ist und von sich selbst Homo sapiens genannt wird, ist die Ursache des aktuellen Artensterbens.

„Vielfalt statt Artensterben. Die Menschheit am Scheideweg“ (Arte): Keine Schwarzmalerei

Lourdes Picaretas Dokumentation sieht offenbar keine Möglichkeiten, diesem Prozess ohne eine mäßige Dosis an warnendem Untergangs-Pathos zu begegnen. Andererseits übertreibt sie es auch nicht mit hoffnungslos düsterer Schwarzmalerei. Statt dessen zeigt sie Beispiele von Menschen und Initiativen, die sich gegen das Artensterben zu stemmen versuchen: Landwirte und Landbesitzer, Tierärzte, Naturpark-Ranger. Der Film steift über den Globus und sucht auf mehreren Kontinenten Projekte auf, die Hoffnung vermitteln sollen: in Deutschland, in Frankreich, in Brasilien, in China, auf dem afrikanischen Kontinent, an der US-amerikanischen Atlantikküste.

Die Wirkungen dieser honorigen Einzelinitiativen sind vergleichsweise gering. Und zwar, weil auf der anderen Seite die Vernichtungs-Potenziale so verheerend sind und ihre Betreiber, Unterstützer und Befürworter so mächtig, dass kein Kraut dagegen gewachsen scheint. Zum Beispiel ist die global bedrohliche Vernichtung der Regenwälder, wie sie seit etlichen Jahren mit zunehmendem Tempo im Amazonas-Gebiet stattfindet, direkte Folge einer mörderisch ignoranten Politik der brasilianischen Regierung, die vom Konsumverhalten reicher Länder unterstützt wird.

„Vielfalt statt Artensterben. Die Menschheit am Scheideweg“

Dokumentarfilm, Regie: Lourdes Picareta, 19. April, 20.15 Uhr, Arte (Erstausstrahlung) oder in der Arte-Mediathek.

Ob Bäumepflanzen dagegen hilft, wenn man berücksichtigt, dass es Jahrhunderte dauert, bis aus gepflanzten Bäumen wieder ein artenreiches Biotop entstehen kann? Natürlich geht es immer um wirtschaftliches Wachstum durch rücksichtslose Ausbeutung natürlicher Ressourcen. Seit wann tun wir das und warum?

„Vielfalt statt Artensterben. Die Menschheit am Scheideweg“ (Arte): Allzu viel Zeit haben wir nicht mehr

Matthias Glaubrecht vom Centrum für Naturkunde und Sébastien Bohler und der Neurowissenschaftler Sébastien Bohler sehen die Ursachen in unserer Hirnstruktur, die einen Konstruktionsfehler enthält: Die Intelligenzleistungen der Großhirnrinde finden statt im Dienste älterer Teile unseres Gehirns, in denen unsere Wünsche und unser Begehren ihren Ort haben. Diese Wünsche haben nun mal die Tendenz einer unausrottbaren Unzufriedenheit, oder einfacher ausgedrückt: die Tendenz, immer mehr zu wollen als das, was schon erreicht ist. Das verhindert Verhaltensstrategien, die man bei einer Gattung, die sich selbst „weise“ (sapiens) nennt, eigentlich erwarten sollte. So aber sägen wir den Ast, auf dem wir sitzen, bedenkenlos ab, weil wir mehr von den Früchten wollen, die an ihm wachsen.

Tja: Klimawandel und Artensterben verlangsamen oder gar stoppen – ob das klappt? Allzuviel Zeit haben wir nicht mehr. Immerhin kann nach einem Film wie diesem niemand, der oder die ihn gesehen hat, sagen, er habe vom Ausmaß der Bedrohung nichts geahnt. (Hans-Jürgen Linke)

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