Wie gut ist die TV-Dokumentation „Lettlands weiße Küste“ bei Arte? (Symbolbild).
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Wie gut ist die TV-Dokumentation „Lettlands weiße Küste“ bei Arte? (Symbolbild).

Doku

TV-Kritik (Arte): „Lettlands weiße Küste“ zeigt heute eine Idylle - und einen Konflikt

Die TV-Dokumentation „Lettlands weiße Küste“ bei Arte ist eine Mischung zwischen Reisetipp und Ethnolgie. Wie gut ist die Doku, die heute anläuft?

  • „Lettlands weiße Küste“ spielt nördlich von Riga.
  • Dort leben die Liven, von denen es heute nur noch wenige gibt. 
  • Wie schneidet die Dokumentation bei Arte in der TV-Kritik ab?

Der Osten ist im Westen weniger vertraut als der Süden, um es mal auf eine kurze Himmelsrichtungsformel zu bringen. Aktuell übersetzt: Der durchschnittliche Westdeutsche fühlt sich mit Mallorca oder Südfrankreich oder Norditalien stärker verbunden als beispielsweise mit Lettland. Übrigens hieß die Region des heutigen Lettland nördlich von Riga, wo der Film spielt, früher „Livland“. Das erinnert an die Liven, von denen es heute nur noch wenige gibt. 

Sie waren mit den Esten verwandt, ihre Sprache gehörte zur finno-ugrischen Sprachfamilie. Die Letten dagegen verständigen sich seit je in ihrer ostbaltischen Sprache, viele Einwohner des Landes sprechen auch Russisch, Polnisch, Litauisch, Ukrainisch. Dabei hat Lettland weniger Einwohner als Berlin. Weil also die Region an der nordöstlichen Ostsee ein für Zentraleuropäer weitgehend unbekanntes und sprachverwirrtes Gelände ist, kommt dieser kleine Film des für solche Themen optimal zuständigen MDR („Mitteldeutscher Rundfunk“) fast wie eine ethnologische Studie daher. 

TV-Kritik (Arte): „Lettlands weiße Küste“ feiert die Sommersonnenwende

Thema: „Archaische Feiern einer fast verschwundenen ethnischen Minderheit im Baltikum“. Gefeiert wird die Sommersonnenwende, die aktuell bevorsteht. Dezeneta Marinska und Santa Feldmane bereiten sich vor, wie das traditionsbewusste Livinnen (von denen es nur noch wenige gibt) eben tun: Sie pflücken Blumen für die Kränze, die sie tragen werden (Blumen sind, wie man erfährt, Energieträger). Sie schaffen Ordnung und Sauberkeit in Haus und Garten und bereiten die kleinen Strömlinge und mit viel Kümmel den Johanniskäse zu. Dazu erzählen sie ein wenig von den Resten alter Traditionen, die ihnen geblieben sind. 

Nachts wird dann am weißen Strand neben einem Feuer in bunten Trachten volkstümlich getanzt und gesungen. Zuvor hört man auch einem Fischer zu, der von der Härte des Lebens berichtet. Aber die ländliche und maritime Schönheit am Kap Kolka, der nördlichen Spitze des ehedem so genannten Kurland, entschädigt sie doch auch, oder? Ach ja, das alte Baltikum, hier mal nicht als Kriegsschauplatz („Kesselschlacht von Kurland“), sondern als Kulturraum, in dem es Spurensicherungs-Arbeit zu tun gibt und nur noch wenige authentisch erhaltene Spuren. 

TV-Kritik (Arte): „Lettlands weiße Küste“ - zwischen Reisetipp und Ethnologie

Galina Breitkreuz siedelt den Film in der Mitte zwischen Reisetipp und sanfter ethnologischer Bestandsaufnahme an. Vermutlich gibt es viel Interview- und Filmmaterial, das in diesen Film nicht gepasst hat. Daraus einen Film herzustellen, der die – für westdeutsche Verhältnisse erhebliche – Sprachverwirrung der Region und ein wenig von der Brutalität der historischen Ereignisse würdigen könnte, wäre vielleicht auch ein spannendes Unterfangen. Immerhin war etwa eine urdeutsche Geistesgröße wie Johann Gottfried Herder, geboren 1744 in Mohrungen im damaligen Ostpreußen, etliche Jahre lang Lehrer in Riga, und Riga war eine vergleichsweise reiche Hafenstadt im baltischen Kulturraum. 

TV-Kritik: „Lettlands weiße Küste“ zeigt eine Idylle - und einen Konflikt

Dort mischten sich auf engem Raum Sprachen und Kulturen, und ostelbische Junker und hanseatische Kaufleute hielten eine mühsame und oft wenig lukrative Herrschaft aufrecht. „Lettlands weiße Küste“ zeigt eine Idylle. Dagegen ist wenig einzuwenden, denn eine Idylle ist vor allem ein friedlich gewordener Ort beendeter Konflikte. Und wenn man von der traulichen Trachtenseligkeit genug hat, kann man sich ja auch einmal den dahinter verborgenen Konflikten zuwenden. Lettlands weiße Küste. 

Arte, 20. Juni, 19.30 Uhr. Im Netz: arte +7: „Lettlands weiße Wüste“

Von Hans-Jürgen-Linke

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