Alltagsdrama im TV

„In den Gängen“ (Arte): Film hypnotisiert mit Poesie über ein Warenlager

  • Tilmann P. Gangloff
    vonTilmann P. Gangloff
    schließen

Die deutsche Produktion „In den Gängen“ kommentiert mit subtilen Mitteln die prekäre Daseinserfahrung kurz nach der Wende. Dazu lässt der Film auf Arte schon mal Gabelstapler Ballett tanzen.

  • Auf Arte läuft am 13. November 2020 der Film In den Gängen“, besetzt u.a. mit Franz Rogowski und Sandra Hüller.
  • In einem Lagerhaus irgendwo in der ostdeutschen Provinz inszeniert der Film (Arte) die Banalität des Arbeitsalltags.
  • „In den Gängen“ auf Arte: Die lakonisch vorgetragene Handlung und die überzeugenden Schauspieler:innen machen den Film stark.

Eine der berühmtesten Szenen der Filmgeschichte wäre ohne die musikalische Untermalung nur halb so wirkungsvoll: Zu den Klängen des Johann-Strauß-Walzers „An der schönen blauen Donau“ inszeniert Stanley Kubrick in seinem Science-Fiction-Klassiker „2001 – Odyssee im Weltraum“ (1968) ein Raumschiff, das an eine Raumstation andocken soll, wie einen Pas de deux.

Thomas Stubers Film In den Gängen“ beginnt mit einer ähnlichen Szene; hier ist es allerdings kein Raumschiff, das den Tanz vollführt, sondern ein Gabelstapler, der in einem riesigen Supermarkt einsam seine Runden zieht. Auch die langen Einstellungen, mit denen Stubers Kameramann Peter Matjasko die Gänge zwischen den Regalen zeigt, erinnern an die Bilder, mit denen Kubrick vor fünfzig Jahren den Standard für Raumfahrtfilme gesetzt hat.

„In den Gängen“ im TV (Arte): Sedierendes Schauspiel in den Gängen eines Lagerhauses

Ansonsten aber erzählen Stuber und sein Koautor Clemens Meyer, auf dessen gleichnamiger Kurzgeschichte das Drehbuch basiert, eine ganz und gar irdische Geschichte, die Stuber geradezu tiefenentspannt umgesetzt hat, weshalb die gut 120 Minuten eine regelrecht kontemplative Wirkung haben; wer das nicht zu schätzen weiß, wird den Film auf Arte streckenweise allerdings als zu lang empfinden.

Mit Augenmerk für die Details: „In den Gängen“ (Arte) ist teilweise ein geradezu romantischer Film

Die Autoren nutzen bei „In den Gängen“ einen Großmarkt als Mikrokosmos; abgesehen von einigen kurzen Ausflügen spielt sich die Handlung größtenteils in der Tat in den Gängen ab. Sie beginnt mit dem ersten Arbeitstag von Christian (Franz Rogowski), den Marion (Sandra Hüller) auch nach Monaten noch hartnäckig „Frischling“ nennt. Er nimmt es hin, weil es ihn auf Anhieb erwischt hat, als er die Kollegin aus der Süßwarenabteilung bei der Arbeit beobachtet hat.

Sie beherrscht, was er noch lernen muss: das Führen eines Flurförderfahrzeugs. „In den Gängen“ auf Arte ist zwar eine Alltagsromanze, die Stuber dem Leben abgeschaut hat, aber mitunter wirkt der Film, als habe der Regisseur ihn als Hommage an die Gabelstaplerfahrer dieser Welt konzipiert.

Wenn es im Kühlraum plötzlich heiß wird: Christian (Franz Rogowski) und Marion (Sandra Hüller) kommen sich im näher

TV-Kritik zu Arte-Film: In den Gängen verströmt viel Gelassenheit

Ungekrönter König des Großmarkts ist daher zumindest aus Sicht Christians sein Getränkepartner Bruno (Peter Kurth), denn der bedient das Gefährt mit traumwandlerischer Sicherheit. Auch sonst scheint Bruno, der eine ausgesprochen ruhige Kugel schiebt, alles im Griff zu haben. Er verschwindet regelmäßig für eine „Fuffzehn“ (Zigarettenpause) oder um mit einem Kollegen (Matthias Brenner) in dessen Kabuff eine Runde Schach zu spielen; Christian nimmt er fast liebevoll unter seine Fittiche.

Für Kurth, der den Titelhelden in Stubers Boxerdrama „Herbert“ ausgesprochen wortkarg verkörpert hat, ist Bruno, der seinem früheren Leben als Fernfahrer nachtrauert, eine fast schon geschwätzige, wenn auch nicht minder tragische Rolle; aber das zeigt sich erst viel später. Über weite Strecken ist der auf Arte laufende Film In den Gängen“ ähnlich ruhig unterwegs wie Bruno mit seinem Gabelstapler.

TV-Kritik zum Film „In den Gängen“ (Arte): Poetischer Realismus inmitten der Lohnarbeits-Langeweile

Stuber und Meyer haben ihre 2015 mit dem Deutschen Drehbuchpreis ausgezeichnete Geschichte „In den Gängen“ episodisch strukturiert. Als Kapiteltrenner dient jeweils eine kurze Schnittfolge, wenn Christian zu Schichtbeginn seinen Arbeitskittel überstreift. Das Drama auf Arte ist in drei Akte unterteilt, die die Namen der Hauptfiguren tragen, doch im Zentrum der Handlung steht stets Christian, der die Ereignisse gelegentlich aus dem Off ergänzt und sich zum Beispiel darüber wundert, warum Marion schon länger nicht mehr zur Arbeit erschienen ist. Seine sympathisch unbeholfenen Annäherungsversuche scheinen ihr zu gefallen, was bei den Kollegen rasch die Runde macht, aber Marion ist verheiratet; wenn auch nicht glücklich, wie es heißt.

All’ das schildert der Film „In den Gängen“ auf Arte mit fast schon provokanter Beiläufigkeit. Wenn Marion den neuen Kollegen fragt, was er bisher gemacht habe, und Christian was von „Bau“ nuschelt, vermittelt Stuber auf meisterlich subtile Art, dass Marion „Baustelle“ verstehen soll, aber möglicherweise eine andere Art von Bau gemeint sein könnte. Wie schon „Herbert“, so mutet auch der poetische Realismus von „In den Gängen“ gerade durch die Bildgestaltung und den Verzicht auf eigens komponierte Musik fast dokumentarisch an; als habe Stuber den Film, welcher bei Arte läuft, nur gedreht, weil er schon immer wissen wollte, wie so ein Großmarkt logistisch funktioniert.

„In den Gängen“ (Arte) in der TV-Kritik: Film portraitiert den Alltag so fesselnd wie irgend möglich

Zwischendurch gibt es im Film auf Arte gesellige Momente, wenn sich die Belegschaft beispielsweise über die abgelaufenen Lebensmittel im Container hermacht, und natürlich gehören die kleinen und mit Meeresrauschen unterlegten Begegnungen zwischen Christian und Marion zu den Höhepunkten, doch der Rest ist Alltag; und der war selten so fesselnd.

Starke Schauspieler:innen runden das Erlebnis ab: „In den Gängen“ überzeugt in der TV-Kritik

Stuber gelingt es auch in diesem Film auf Arte, ganz normale Leute in ihrem ganz normalen Leben zu zeigen, was sich auch deshalb so authentisch anfühlt, weil seine Schauspieler ihre Rollen so gut verinnerlicht haben. Peter Kurth, für „Herbert“ als bester Hauptdarsteller 2016 mit dem Deutschen Filmpreis geehrt, ist auch als Bruno eine Bank. Über Sandra Hüller muss spätestens seit „Toni Erdmann“ ohnehin kein Wort mehr verloren werden, und der Autodidakt Franz Rogowski bestätigt nach „Victoria“ und zuletzt „Transit“ erneut, einer der aufregendsten Schauspieler seiner Generation zu sein. Diesmal war er es, der als Hauptdarsteller eines Stuber-Dramas den Deutschen Filmpreis erhalten hat.

In den Gängen“: Freitag, 09.11.2020, 20.15 Uhr auf Arte und vorab in der Arte-Mediathek.

Rubriklistenbild: © MDR/Sommerhaus Filmproduktion

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare