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Nach dem Anschlag in Hanau herrschen Wut und Trauer bei einer Kundgebung in der Stadt.

TV-Kritik

„Die Legende vom Einzeltäter“ auf Arte: Allzeit bereit – zum Mord

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Eine Arte-Dokumentation schildert aus aktuellem Anlass die europaweite Vernetzung des Rechtsterrorismus.

Dokumentarfilme zu aktuellen Themen laufen bisweilen Gefahr, zu spät zu kommen. Das liegt gewissermaßen in der Natur der Sache, da von Dreh und Produktion bis zur Veröffentlichung notwendigerweise einige Zeit vergeht. Das gilt nicht für den Film „Die Legende vom Einzeltäter“ von Ulrike Bremer, Adrian Oeser und Martin Steinhagen. 

Arte-Dokumentation: Fall des ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke im Mittelpunkt

Die Autoren greifen den Fall des aller Wahrscheinlichkeit nach von einem Neonazi ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke auf. Dabei ist ihre Arbeit auch deshalb aktuell, weil demnächst der Prozess gegen den als Täter angeklagten Stephan Ernst beginnen soll, und der Mord liegt nur acht Monate zurück.

So beginnt der Film mit einer Würdigung des Opfers und dessen Verdienste um die Integration von Schutzsuchenden. Im hessischen Lohfelden hatte er bei einer Versammlung die Planung für eine Flüchtlingsunterkunft erläutert und war dabei von Protestierenden angepöbelt worden, darunter auch Stephan Ernst und ein Komplize, den Ernst nun als Täter beschuldigt.

Arte-Dokumentation: Autoren schildern Vernetzung der Szene

Der Film zeigt, dass Ernst (dessen Nachname hier nicht genannt, dessen Gesicht aber gezeigt wird) nicht zufällig zum (wahrscheinlichen, muss hinzugefügt werden) Mörder geworden ist. Er hatte schon als 19-Jähriger einem anderen Mann extrem brutal ein Messer in den Körper gerammt (und dafür sechs Jahre Jugendstrafe bekommen) und war auch danach Polizei und Staatsschutz immer wieder aufgefallen. Erst nach Fertigstellung des Films fanden Ermittler Indizien dafür, dass Ernst auch einen Mordanschlag auf einen Lehrer im Jahre 2003 begangen haben könnte.

Doch dieser Rechtsextreme war eben kein „Einzeltäter“. Mit dieser Kategorisierung verharmlosten ja Polizei und Verfassungsschutz jahrzehntelang Mordanschläge von Rechtsextremen. Nun schildern die Autoren mit einer aufwändigen europaweiten Recherche die Vernetzung der Szene. Bei der Ermordung der britischen Abgeordneten Jo Cox, dem Anschlag auf Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker, den Morddrohungen gegen Abgeordnete und Lokalpolitiker in Frankreich oder Deutschland: Stets mischten Rechtsextremen mit, vor allem ein Zusammenschluss namens „Combat 18“, der erst vor ein paar Wochen von Innenminister Horst Seehofer verboten worden ist.

„Die komplette Ideologie der rechten Szene beinhaltet das Ermorden von Menschen (...)“

Die Aufnahmen der Hetz-Demonstration gegen Journalisten wie David Janzen, bei der sich 120 Faschisten offen zeigten, machen sprachlos: Wie kann es in einem Land, das historisch für die Ermordung von sechs Millionen Juden verantwortlich ist, möglich sein, dass diese Neonazis frei herumlaufen und provozieren dürfen?

Dass Gefahr von ihnen ausgeht, ist offensichtlich. Verfassungsschutz-Chef Holger Münch spricht im Film von 12700 „gewaltbereiten“ Rechtsextremen und mehr als 50 potenziellen Terroristen. Das scheint, wenn man diesen Film sieht, deutlich zu wenig und lässt den Begriff „gewaltbereite“ Neonazis so tautologisch erscheinen wie ein weißer Schimmel... Die Landtagsabgeordnete der Linken, Katharina König-Preuss, fasst es bündig zusammen: „Die komplette Ideologie der rechten Szene beinhaltet das Ermorden von Menschen, die als Feinde von ihnen markiert werden.“

TV-Kritik: Rolle von Polizei und Staatsschützern kommt zu kurz

Das müssten die Staatsschützer selbstverständlich auch wissen, die all zu lange geschlafen haben. Aber wenn ein ehemaliger Verfassungsschutzpräsident heute selber rechtsextreme Parolen verbreitet, wundert einen die Untätigkeit der Behörde nicht mehr so sehr.

Das ist dem Film vielleicht als Schwäche anzulasten: Dass er sich zu sehr auf den Fall Lübcke einerseits und auf die Aufzählung von rechtsextremen Gruppierungen und Untaten andererseits konzentriert. Doch dabei kommt die Rolle von Polizei und Staatsschützern zu kurz. Noch immer weigern sich die Behörden zuzugeben, dass der „NSU“, der zehn Jahre lang morden konnte, weil die Ermittler die Täter unter den Angehörigen der Opfer statt im rechten Milieu suchten, aus mehr als drei Personen bestand, noch immer werden Akten des Verfassungsschutzes darüber für 30 Jahre unter Verschluss gehalten (nachdem es zunächst 120 Jahre waren...). 

Wem das nützen soll außer der Behörde und ihrem Verschleiern von Fehlern, ist fraglich. Das Netzwerk und die ideologischen Verbindungen der Rechtsextremen werden präzise dargelegt, doch geht das ein wenig auf Kosten tiefergehender, vor allem historisch unterfütterter Analysen. Aber das Thema ist leider auch längst nicht erschöpft.

Dokumentation

„Die Legende vom Einzeltäter“, Arte, Dienstag, 3. März, 20.15 Uhr. 

Im Netz: arte+7

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