TV-Kritik

Arte-Doku: „Das Toiletten-Tabu“ mit Bill Gates und WCs macht Laune

  • Harald Keller
    vonHarald Keller
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Die Arte-Doku „Das Toiletten-Tabu“ zeigt den Zusammenhang zwischen Armut und den Zugang zu einem sauberen WC auf. Zudem geht es um das „stille Örtchen“ und kulturelle Unterschiede.

  • Arte-Doku „Das Toiletten-Tabu“: Bill Gates will Menschen den Zugang zu sauberen WCs ermöglichen.
  • „Das Toiletten-Tabu“: ARTE-Doku erklärt den Zusammenhang zwischen WCs und Gesundheit.
  • Kulturelle Unterschiede des „stillen Örtchens“: ARTE zeigt „Das Toiletten-Tabu“.

Frankfurt - Jetzt steht fest: Bill Gates ist in eine weltweite Verschwörung verwickelt. Da posiert Bill Gates vor einer Leinwand voller wimmelnder Viren, vor sich ein Glas mit menschlicher Fäkalien, und zählt auf, wie viele gesundheitsschädliche Stoffe darin enthalten sind. Bill Gates und seine Komplizen haben sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 allen Menschen Zugang zu einer Toilette zu verschaffen. Das zeigt die Doku „Das Toiletten-Tabu“ auf Arte.

Arte-Doku „Das Toiletten-Tabu“: Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung wollen Situation verbessern

Absurd? Leider nicht. Denn „Das Toiletten-Tabu“ zeigt, dass allein in Indien müssen 800 Millionen Menschen ohne WC auskommen. Sie verrichten ihre ‚Geschäfte’ im Freien. Die Folge: Wasserverschmutzung, Krankheiten. Schon bei kleinen Kindern. Ähnlich in vielen Teilen Afrikas. Die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung arbeitet daran, diese Situation zu verbessern

Ein Pionier im Einsatz für die nötige Infrastruktur ist in der Arte-Doku „Das Toiletten-Tabu“ Jack Sim, gebürtig Shěn Ruìhuá. Er trommelt schon seit 1998 für die Verbesserung der hygienischen Verhältnisse. Und hat Spaß dabei. Mit clownesken Aktionen macht er auf sein Anliegen aufmerksam, denn er möchte das Thema enttabuisieren. Er stellt eine aufblasbare WC-Schüssel vor die UNO, stülpt sich Klosettbrillen über den Kopf oder albert mit Pümpeln, steckt seine Propagandisten in WC-Kostüme oder lässt sie öffentliche ‚Sitzungen’ abhalten. Natürlich nur dem Anschein nach.

Das stinkende Zeitalter und Bill Gates: Doku auf Arte „Das Toiletten-Tabu“ über den Zugang zu einer Toilette

Bei den Römern war dergleichen üblich, wie Thierry Berrod in seiner Reportage „Das Toiletten-Tabu“ auf Arte in einem historischen Rückblick ausführt. Man traf sich an öffentlichen Örtchen, saß dort ohne Trennwand nebeneinander und tauschte den neuesten Klatsch und Tratsch.

Im europäischen Mittelalter und noch lange danach landeten die Fäkalen auf oder am Rande der Straße, zeigt die Doku „Das Toiletten-Tabu“ auf Arte auch. Entweder direkt ausgestoßen oder durch Leeren des Nachttopfes. Kurzerhand zum Fenster hinaus. Man könnte vom stinkenden Zeitalter sprechen. All jenen zu bedenken gegeben, die sich gern in ein idealisiertes Mittelalter zurückträumen. In London verströmte die Themse ein einschlägiges Odeur. Weil das Parlament direkt am Ufer liegt, rümpften die Abgeordneten die Nase und gaben Abwässerkanäle in Auftrag. Damals eine Pionierleistung.

„Das Toiletten-Tabu“ auf Arte über Bill Gates und kulturelle Gepflogenheiten

Aber der Film „Das Toiletten-Tabu“ auf Arte blendet nur deshalb zurück zu früheren Gepflogenheiten, um kulturelle Unterschiede darzulegen. In Japan geht man offener mit der Defäkation um. Es gibt sogar einen „Gott der Toiletten“, der dem Glauben nach für das Wohlbefinden des menschlichen Darmbereichs sorgt. Japan ist, neben Südkorea, das Land, in dem an neuen Varianten des guten alten WCs gearbeitet wird. Denn jede Spülung verbraucht kostbares Wasser. In Südkorea steht auch das frühere Wohnhaus von Sim Jae-duck, des verstorbenen Bürgermeisters von Suwon, der dem Gebäude die Form einer riesigen WC-Schüssel gab. Der Mitbegründer der World Toilet Association – in Deutschland gibt es die German Toilet Organization – setzte sich seinerseits dafür ein, unterentwickelte Regionen mit Sanitäranlagen zu versorgen. Heute beherbergt das Bauwerk ein Museum.

Bill Gates glaubt, dass der Zugang zu Toiletten die menschliche Gesundheit verbessern kann.

Bill Gates und der unverzichtbarer Lokus: Arte-Doku „Das Toiletten-Tabu“ über moderne WCs

Thierry Berrod und seine Doku „Das Toiletten-Tabu“, die Arte am Samstag zeigt, hat noch so manche Kuriosität rund um den unverzichtbaren Lokus zu bieten. Launig führt er durch die Geschichte, die Gegenwart und vielleicht auch Zukunft der Latrine, denn es gibt allerlei Möglichkeiten, die gewohnte Sanitäranlage umweltfreundlicher zu gestalten. Beispielsweise die Nano-Membran-Toilette. Wissenswert nicht nur für angehende Bauherren. Den einen oder anderen Kalauer – „Bill Gates ist also vom PC zum WC übergegangen“ – kann man angesichts der sonstigen Qualitäten dieses in internationaler Koproduktion entstandenen Programmbeitrags gerade noch mal verzeihen. (Von Harald Keller)

„Das Toiletten-Tabu“, Samstag, 14.11.2020, 21:45 Uhr, Arte

Die deutsche Produktion „In den Gängen“ kommentiert mit subtilen Mitteln die prekäre Daseinserfahrung kurz nach der Wende. Dazu lässt der Film auf ARTE schon mal Gabelstapler Ballett tanzen.

Rubriklistenbild: © Gian Ehrenzeller

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