„Das Purpurmeer“
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„Das Purpurmeer“ ist mit einer Handkamera gefilmt

Filmkritik

In „Das Purpurmeer“ zeigt eine Künstlerin ihre Flucht aus Syrien - aus einer ungewöhnlichen Perspektive

  • Daland Segler
    vonDaland Segler
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Die syrische Künstlerin Amel Alkazout hatte auf der Flucht über das Meer eine Kamera dabei – und hat ein beklemmendes Dokument geschaffen.

Da ist diese Hand. Immer wieder. Vor allem der Daumen ist zu sehen. Aber die Farbe? Die Hand ist so blaugrau, leichenblass irgendwie. Das liegt daran, dass die Hand im Wasser ist. Genauer: im ionischen Meer vor der griechischen Insel Lesbos. Und sie gehört zu einem Menschen, der auf der Flucht ist. Vor einem endlosen Krieg, vor einem gewissenlosen Schlächter im Präsidentenpalast, vor der Unmenschlichkeit.

Die syrische Künstlerin Amel Alkazout hat die Hand gefilmt. Und was sonst noch im Wasser war, Beine in Jeans, Füße in Turnschuhen, Teile eines Wintermantels – Dinge, die nicht dahin gehören. Sie hatte eine Unterwasserkamera dabei auf ihrer Flucht über das Meer, und sie hat sie angeschaltet, auch nachdem das Boot gekentert war. Deshalb konnte sie Bilder machen, die Seltenheitswert besitzen. 

„Das Purpurmeer“: Die Kamera befindet sich an Amel Alkazouts Handgelenk

Szenen, die die so oft geschilderte, so gefährliche, so oft tödliche Flucht nach Europa von anderer Perspektive zeigen: von unten. Der sparsame Text erzählt zudem von Alkazouts Heimat und der Liebesgeschichte zwischen der Filmerin und ihrem Mann, der im fernen Berlin das Warten kaum erträgt.

Das Purpurmeer“ heißt Amel Alkazouts Film, und so wichtig es ist, dass er überhaupt zu sehen ist, so bedauerlich ist die Sendezeit um 23.30 Uhr. Thema und filmische Darstellung werfen erneut die Frage auf, warum solche Beiträge zu brennenden Fragen ins Abseits geschoben werden. Vermutlicher Grund: Die Autoren (neben Alkazout auch Khaled Abdulwahed) haben sich für eine ungewöhnliche Form entschieden. Sie zeigen die gute einstündige Aufnahme allem Anschein nach ungeschnitten: Die Kamera blieb an Amel Alkazouts Handgelenk, selbst als sie in Lebensgefahr geriet. Diese Art zu filmen ist, wenn man es vergleichen wollte, Cinema verité in extremis.

Amel Alkazouts „Das Purpurmeer“ regt zur Reflexion eigener Privilegien an

Zur Sendung

„Das Purpurmeer“, Arte, Montag, 27. Juli, 23.30 Uhr. Im Netz: arte+7

Diese Dokumentation ist eine Zumutung. Das Wissen, dass diese Menschen auf der Flucht sind, dass einige ihrer Schicksalsgenoss*innen wahrscheinlich zu Tode kommen (das ist tatsächlich geschehen) kann im Kontrast mit den berückend schönen und doch zu gleich beängstigenden Unterwasser-Bildern zu einer starken Verunsicherung führen. Deren beste Folge wäre eine Reflexion über die eigene privilegierte Situation. Und ein vertieftes Bewusstsein für die Lage von Menschen, die sich aus Verzweiflung über ihr unerträgliches Dasein im Kriegsgebiet „Schmugglern“, besser: Schurken anvertrauen und Leib und Leben riskieren.

Unbedingt ansehen! (Daland Segler)

Eine andere Arte Doku – „Die Legende vom Einzeltäter“ – schildert aus aktuellem Anlass die europaweite Vernetzung des Rechtsterrorismus.

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