Abeni (Aïssa Maïga) ist mit den Kindern von Nigeria nach Italien geflüchtet.
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Abeni (Aïssa Maïga) ist mit den Kindern von Nigeria nach Italien geflüchtet.

„Tödliche Flucht“ (Arte)

„Tödliche Flucht“: Tod einer Siebzehnjährigen

  • Harald Keller
    vonHarald Keller
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Arte zeigt einen international besetzten sechsteiligen Qualitätskrimi aus irischer Produktion.

Mit etwas Glück kann man in Irland Außerirdischen begegnen. Oder zumindest Menschen, die gelegentlich Außerirdische darstellen. In Irland wurden Szenen für die „Star Wars“-Filme „Das Erwachen der Macht“ und „Die letzten Jedi“ gedreht. Aber nicht nur die Produktion der Sternensaga hat dafür gesorgt, dass in den letzten Jahren laut einer Erhebung von 2016 in der irischen Filmindustrie rund 12.000 Arbeitsplätze geschaffen wurden. Mittlerweile dürften es, nicht zuletzt dank des anhaltenden Serienbooms, deutlich mehr geworden sein. In Irland gedreht wurden oder werden unter anderem Serien wie „Vikings“, „George Gently“, „Ripper Street“, „The Tudors“ und vorneweg natürlich „Game of Thrones“. Die Produzenten kommen der Landschaft wegen, mehr noch locken aber die Zuschüsse und Steuervergünstigungen, die sich als wirksames Mittel der Produktionsförderung erwiesen haben.

„Tödliche Flucht“:  Im Original „Taken Down“

Kino- und Fernsehzuschauer bekommen viel von Irland zu sehen, dabei sind Drehorte und Handlungsschauplätze selten identisch. Ausnahmen wie die ZDF-Koproduktion „Jack Taylor“ bestätigen die Regel. Der irische Sechsteiler „Tödliche Flucht“, im Original „Taken Down“ und ein Neuzugang bei Arte, bewegt sich im heutigen Dublin und wurde auch dort gefilmt, mit Ausnahme der Ouvertüre: Schlaglichtartigen Bildern von einer gefährlichen Flucht, die den Ehemann der Nigerianerin Abeni Bankole (Aïssa Maïga) das Leben kostete. Nunmehr allein mit ihren beiden Kindern, wird sie in einer irischen Erstaufnahmeeinrichtung untergebracht. Noch acht Jahre später hat die Ungewissheit kein Ende. Die Söhne sind längst irisch sozialisiert. Abeni Bankole arbeitet heimlich, um den beiden eine Schulbildung und ein halbwegs angemessenes Leben zu ermöglichen, auch wenn sie noch immer zu dritt in einem verschimmelten Zimmer hausen müssen.

Bankoles Angst wächst, als an der Bushaltestelle vor der Unterkunft eine Tote gefunden wird – Esme (Marlene Madenge), eine siebzehnjährige Bewohnerin der Einrichtung.

Die Ermittlungen werden Inspector Jen Rooney (Lynn Rafferty) übertragen und erweisen sich als außerordentlich schwierig. Die möglichen Zeugen sind traumatisiert, verängstigt, haben vielleicht etwas zu verbergen. Rooneys Kollegen zeigen wenig Verständnis und vergreifen sich wiederholt im Ton, was ihre Arbeit nicht einfacher macht. Mühsam wirbt sie um das Vertrauen der Bewohner.

Die Krimispannung leidet nicht

Die Drehbuchautoren Jo Spain und Stuart Carolan folgen den Schritten der Kriminalpolizisten und parallel dem Alltag Abeni Bankoles. Anhand ihrer Person werden die bedrückenden Erfahrungen, die schäbige Lebenssituation und das taktlose Verhalten des betreuenden Personals nachvollziehbar, ohne dass die Krimispannung leidet. Die bekommt vielmehr mit dem Zusammenspiel der Handlungsstränge eine eigene Dynamik, da sich nach und nach herausstellt, dass Abeni tatsächlich mehr über die Hintergründe des Mordes weiß, als sich anfangs vermuten lässt.

Im Subtext sind einige Aspekte versteckt, die sich einem auswärtigen Publikum vielleicht nur bedingt erschließen, für das Verständnis der Handlung aber nicht zwingend erforderlich sind. Eines der Themen ist Spiritualität. Die Polizistin Rooney hat zu Beginn eine Abtreibung. Der Eingriff ist infolge des massiven Einflusses der katholischen Kirche erst seit 2018 legal, dem Produktionsjahr des Mehrteilers. Die heimatvertriebene Abeni Bankole ist gläubige Christin, der algerische Mitbewohner Samir (Slimane Dazi) Muslim, und die junge Flora (Florence Adebambo) ist überzeugt von der Existenz böser Geister. Unglücklicherweise gerät sie an skrupellose Gestalten, die diesen Glauben für sich auszunutzen wissen.

Regisseur David Caffrey und Kameramann Cathal Watters lassen auch auf der Bildebene über das Vordergründige hinaus Bedeutungen entstehen, ohne in selbstzweckhafte Mätzchen zu verfallen. Unter den Hauptdarstellern trägt Brian Gleeson aus der gleichnamigen irischen Schauspielerdynastie wohl den bekanntesten Namen. Der Verzicht auf prominente Gesichter aber schadet dem Sechsteiler nicht, im Gegenteil. Das Ensemble besteht aus irischen, britischen und französischen Schauspielern, die allesamt, und sei es in einer kleinen Nebenrolle, zu überzeugen vermögen. Ein weiterer Vorzug der Produktion: Das Thema ist aktuell und von hoher Relevanz.

„Tödliche Flucht“, Arte

Donnerstag, 23.1.2020, ab 21:05 Uhr drei Folgen en suite und in der Arte-Mediathek.

Wenn die Fülle der finsteren Fakten hanebüchen wirkt: Die ZDF-Mini-Serie „Die verlorene Tochter“ sieht gut aus, hat aber eine haarsträubende Konstruktion.

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