Der Notar Philippe (Philippe Jeusette, li.) hat einen Goldfisch gekauft, dieser ist seinem besten Freund Olivier (Mathieu Amalric, re.) jedoch noch nicht ganz geheuer.
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Der Notar Philippe (Philippe Jeusette, li.) hat einen Goldfisch gekauft, dieser ist seinem besten Freund Olivier (Mathieu Amalric, re.) jedoch noch nicht ganz geheuer.

Arte

„Mein sprechender Goldfisch“: Schwarzer Slapstick

  • vonD.J. Frederiksson
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Mathieu Amalric brilliert in einer skurrilen Miniserie, die unter ihrem herrlich beiläufigen Humor viele tiefe, tragische Themen versteckt.

Eine Inhaltsangabe ist eigentlich keine gute Grundlagen, um eine Film kennenzulernen oder zu bewerten. Der gleiche Plot kann in den Händen eines virtuosen Filmteams ebenso zum Meisterwerk werden wie in den Händen von Stümpern zum Schundstreifen. Aber manchmal, nur manchmal, liest man eine Zusammenfassung und man weiß genau, worauf man sich einlässt.

Bei der französisch-belgischen Miniserie „Mein sprechender Goldfisch“ ist genau das drin, was außen draufsteht. Und was draufsteht zugleich irrwitzig, tragisch und vor allem absurd und originell. Der abgebrannte Immobilienmakler Olivier steckt tief im Dreck: Seine Frau fordert Alimente, seine Tochter hält ihn für eine Versager, sein Vater ist genauso ein Tunichtgut wie er selbst – und er selbst ist so pleite, dass er heimlich in seinen Vermittlungswohnungen übernachtet. 

Als er nach dem Tod seiner Mutter unerwartet ein Mehrfamilienhaus am Stadtrand von Paris erbt, hofft er auf die den großen Reibach, erntet stattdessen aber die Katastrophe: Das Haus ist eine Bruchbude, die einzige Bewohnerin ist ein störrische Rentnerin, die sich weigert, auszuziehen, und bei der ersten Besichtigung stirbt sein einziger Freund im Fahrstuhlschacht. Von diesem Trauma ist nur der Goldfisch des Freundes übriggeblieben; und während Olivier versucht, das Haus zu Geld zu machen, die renitente Altmieterin loszuwerden und sich wieder mit seiner Tochter zu versöhnen, beginnt dieser Goldfisch, mit ihm zu sprechen, gibt ihm allerhand Lebens und Aktientips – und Olivier bemerkt, dass er mit dem Fisch durch die Zeit reisen kann.

„Mein sprechender Goldfisch“: Extrem unterhaltsame Miniserie

Zuviel versprochen? Und all diese absurden Volten schlägt die Serie nur in der ersten ihrer vier hintereinander ausgestrahlten Folgen, die diese Miniserie in bester belgischer Manier zu einem einzigen, extrem unterhaltsamen Fernsehabend machen. Tatsächlich warten in dieser Produktion um jede Ecke absurde Sprüche, trockener Humor, herrlicher Slapstick, dunkle Tragik um Tod und Familie, aber eben auch herrliche visuelle Neben-Gags wie der Mann, der mit einem Messer im Rücken in der Notaufnahme sitzt und sich am Telefon bei seiner Frau beschwert, dass er so lange auf Behandlung warten muss - und immer wieder versichert, dass er ganz bestimmt nicht mit der Ärztin geflirtet hat.

Die Vision der israelisch-stämmigen und verheirateten Autoren und Regie-Teams Etgar Keret und Shira Geffen wirkt wie eine leicht makabere „Amélie“-Variante (wobei „Amélie“ klammheimlich auch ganz schön makaber war): überbordend mit visuellen, thematischen und narrativen Ideen, bevölkert von unerklärlich liebenswerten Chaoten und Ganoven, getragen von einem sturen magischen Realismus und garniert mit einer crème de la crème-Performance des unübertrefflichen Mathieu Amalric. Wie er den moralisch und menshclich äußerst zweifelhaften Protagonisten im Zentrum erst anschauens- und dann liebenswert macht, das ist eine große Freude.

Leichtfüßig springen wir mit ihm durch Zeiten und Häuser, durch Realitäten und Relationen – selten haben sich vier Stunden so kurzweilig angefühlt. Eine zweite Staffel ist bereits abgedreht, man kann sich also freuen auf mehr davon.

Zur Sendung

„Mein sprechender Goldfisch“, arte, Donnerstag ab 21.45 Uhr. Die Folgen in der arte-Mediathek.

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