Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Hinrichtungen in Paris: Zehntausende waren am Ende tot, erschossen, exekutiert, massakriert – auf Seiten der Regierung und der Aufständischen.
+
Hinrichtungen in Paris: Zehntausende waren am Ende tot, erschossen, exekutiert, massakriert – auf Seiten der Regierung und der Aufständischen.

TV-Kritik

Erster Versuch der urbanen Räterepublik: „Die Verdammten der Pariser Kommune“ auf Arte

  • VonHans-Jürgen Linke
    schließen

Die Verfilmung einer Graphic Novel über die Ereignisse in Paris im Frühjahr 1871 läuft auf Arte. Die TV-Kritik.

  • „Die Verdammten der Pariser Kommune“ läuft am Dienstag, 23.03.2021, um 21.45 Uhr auf Arte.
  • Ein Comic ist die Basis eines Films, den Arte jetzt zur Erinnerung an die Pariser Commune ins Programm genommen hat.
  • Die Pariser Commune war der historisch erste Versuch einer urbanen Räterepublik.

Paris - Victorine Brocher hat es wirklich gegeben. 1839 als Marie Victorine Malenfant geboren, heiratete sie 1861 Jean Charles Rouchy, nahm 1871 an den Kämpfen der Pariser Commune gegen die Versailler Regierungstruppen teil, wurde nach der Niederschlagung der Commune zum Tode verurteilt, floh in die Schweiz (während ihr Mann deportiert wurde), wurde Mitglied der Ersten Internationale, ging wahrscheinlich nach der Amnestie 1880 zurück nach Paris und lernte 1881 in London ihren zweiten Mann Gustave Brocher kennen. 

Raphael Meyssan hat die Geschichte der Commune von 1871 aus der Perspektive von Victorine in einem Comic nacherzählt, in einem zeichnerischen Stil des späten 19. Jahrhunderts. Dieser Comic ist die Basis eines Films, den Arte jetzt zur Erinnerung an die Pariser Commune ins Programm genommen hat.

„Die Verdammten der Pariser Kommune“ (Arte): Commune liefert gute Gründe, sich an sie zu erinnern

Trotz ihres kurzen Überlebens lieferte die Commune viele gute Gründe, sich an sie zu erinnern. Sie war der historisch erste Versuch einer urbanen Räterepublik. Etwas Ähnliches (und genauso kurzlebiges) gab es ein halbes Jahrhundert später in München. 

Die sechste Strophe von Bert Brechts Gedicht „Resolution der Kommunarden“, das Hanns Eisler als proletarisches Marschlied vertonte, fasst die Motivation der Kommunarden prägnant zusammen: „In Erwägung, dass wir der Regierung / was sie immer auch verspricht, nicht trau‘n / haben wir beschlossen, unter eig‘ner Führung / uns nunmehr ein gutes Leben aufzubau‘n .“ 

„Die Verdammten der Pariser Kommune“ (Arte): Lebenserzählung Victorine Brochers

Die Commune begann mit einer freien Wahl am 26. März 1871 und wurde Ende Mai des gleichen Jahres in einem entsetzlichen und langwierigen Blutbad niedergeschlagen. Vor allem davon handelt die Lebenserzählung Victorine Brochers. Die politischen Wegmarken werden schnell und chronologisch abgehandelt, Victorines Erzählung ergänzt die Ebene der historischen Fakten durch Impressionen aus dem eigenen Leben, vom Sohn, von der Mutter, vom Ehemann, und dann zunehmend vom Gemetzel der Regierungstruppen, von der mörderischen Allianz der Sieger und der Verlierer im Preußisch-Französischen Krieg gegen die demokratischen Bemühungen des, sagen wir, Volkes.

Am 2. April schlägt die monarchistische Exil-Regierung von Versailles aus los, während die Preußen 50.000 französische Kriegsgefangene entlassen und sie verpflichten, auf der Seite der Versailler Regierungstruppen an den Kämpfen teilzunehmen. 

Wie in allen europäischen Revolutionsversuchen des 19. Jahrhunderts ist am Ende der Sieg der jeweiligen Machthaber ein militärischer, illegitimer und blutiger. Und in Paris muss bis zur nächsten Weltausstellung 1878 einiges wieder aufgebaut werden.

„Die Verdammten der Pariser Kommune“ (Arte): Sentimental eingefärbten Rückblick

Abgesehen von dem zuweilen sentimental eingefärbten Rückblick (und ein bisschen viel Fahnenschwenken und Beschwörung von Leiden und Leidenschaft) auf die wichtigsten Fakten dieses ohnmächtig revolutionären Ereignisses – das zusätzlich für Deutschland noch den Aspekt hat, dass dies die Präliminarien der Gründung des zweiten Reichs mit Krönungs-Höhepunkt im Versailler Spiegelsaal war – erfährt man auch einiges über jenes Paris, das Walter Benjamin die „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“ genannt hatte. Denn die Entwicklung einer chaotisch überquellenden, über viele Jahrhunderte gewachsenen europäischen Residenzstadt zur Kapitale der Moderne war das Ergebnis einer planenden, zerstörenden und neu aufbauenden Arbeit fast eines ganzen Jahrhunderts. 

Zur Sendung

„Die Verdammten der Pariser Kommune“, Arte, Dienstag, 23. März, 21.45 Uhr. Im Netz: arte+7

Genau wie die Entstehung einer neuzeitlichen Nation – die in Frankreich, und nicht nur dort – eher eine Zeit des permanenten Bürgerkriegs war als ein einheitliches staatliches Gebilde. Beide Entwicklungen sind stark geprägt von Gewalt und durchzogen von machtlosen Rebellionen, die wir heute heroisch stilisieren können. 

Der Refrain des oben zitierten Brecht-Eisler-Liedes lautet denn auch „In Erwägung, dass ihr uns dann eben / mit Gewehren und Kanonen droht / haben wir beschlossen, nunmehr schlechtes Leben / mehr zu fürchten als den Tod.“ Und der wartete schließlich auf eine unbekannte, aber immer viel zu große Anzahl der Kommunarden. (Hans-Jürgen Linke)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare