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Pro Jahr vermarktet das Unternehmen Landkost-Ei rund eine Milliarde Eier. Den Großteil dieser Eier legen Hühner, die in Bodenhaltung in Volieren leben.

TV-Kritik

„Armes Huhn – armer Mensch“ (Arte): Wir brauchen Eier

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Diese Agrar-Doku zeigt nüchtern und präzise die globalen Auswirkungen der heimischen Hühnerzucht – und hat eine klare Lösung parat.

Als Dürrenmatt „Romulus der Große“ schrieb, seine böse Satire über den Untergang des Abendlandes, ging es eigentlich nur um Hühner. Die Titelfigur züchtet und pflegt sie, anstatt sein untergehendes Reich zu retten. Und als der Barbar in Form des westgermanischen Feldherrn Odoaker auftritt – siehe da, er ist ein noch enthusiastischerer Geflügelzüchter. Der letzte römische Kaiser und der germanische Eroberer, sie sprechen erst mal über Eier.

Von Mutter Beymer bis Loriot: Frühstücks-Ei ist Stück deutscher Kulturgeschichte

Die Deutschen lieben ihre Hühner und ihre Eier. Von Mutter Beymer bis Loriot ist Frühstücks-Ei ein Stück deutscher Kulturgeschichte – und die Deutschen waren schon immer empfänglich für die Sorge, gleich mit der ersten Mahlzeit des Tages Tierquälerei zu begehen. Mit entsprechend großer Fanfare wurde vor einigen Jahren die Käfighaltung in Deutschland verboten, die rabiatesten Formen sofort, die mildesten werden in den nächsten Jahren auslaufen, aber schon heute findet man kaum noch Eier mit der gefürchteten Anfangsnummer 3 im Regal.

Und nun? Es ist Zeit, Bilanz zu ziehen. Jens Niehuss und Simone Bogner machen das in konzentrischen, nach außen größer werdenden Kreisen. Sie beginnen mit einem Biobauernhof in Thüringen, mit glücklichen, freilaufenden Hühnern in mobilen Auslaufställen. Dann der Kontrast zu den deutschen Massentierhaltungsanlagen, wo Hühner in „Bodenhaltung“ festsitzen, zu mehreren Tausend in einem dunklen Stall, vollgepumpt mit Medikamenten und Antibiotika. Die Grenze des deutschem und EU-Rechts ist hier nicht besonders schön anzusehen und garantiert nicht artgerecht, aber es ist nur die Spitze des Eisberges – eine Tierschützerin kann bezeugen, dass zumindest die schlimmsten Tierquälereien wie mangelnde Streu, Verletzungen oder gegenseitiger Kannibalismus hier nicht zu sehen sind.

Die Deutschen konsumieren noch jede Menge Eier aus der berüchtigten Käfighaltung

Ein Kreis weiter außen sind wir im EU-Ausland, wo die nötigen Inspektionen ausbleiben und die Agrar-Lobby ein Käfighaltungsverbot wenn nicht verhindern, dann doch zumindest endlos hinauszögern wollen. Und die Schlupflöcher nach Deutschland bestehen weiterhin: Es gibt keine Kennzeichnungspflicht für Fertiggerichte wie Eiernudeln oder Mayonnaise, aus welcher Art Haltung die benutzten Eier kommen – die Deutschen konsumieren also doch noch jede Menge Eier aus der berüchtigten Käfighaltung. Denn ein Blick nach Polen, Litauen und in die Niederlande zeigt Nachbarn, die nicht ganz so aufgeschlossen sind für die Leiden der Hühner wie die Frühstücks-Ei-Deutschen. Spätestens hier werden dann auch die Nachteile für die Menschen spürbar: Antibiotikaresistenzen, Hygienemangel und klare Verbrauchertäuschung. Auch im Stall tot herumliegende, verletzte und verstümmelte Hühner, die in der Käfighaltung nur noch ein Viertel ihrer ursprünglichen Lebenserwartung haben, bevor sie ihre Federn verlieren und elendig eingehen, sind nicht mehr so leicht hinzunehmen.

Und noch einen Ring weiter außen sieht man dann die globalen Effekte der europäischen Hühnerzucht: Um die Millionen an Mast- und Legehennen möglichst billig zu ernähren, greifen die EU-Länder auf billiges Soja zurück, das in Südamerika angebaut wird und dort zu Urwaldvernichtung durch Glyphosat und Brandrodung führt. Und da die Europäer nur Brustfleisch und Eier von den Hühnern konsumieren wollen, überschwemmt die EU vor allem den afrikanischen Markt mit absurd billigem, weil hochgradig subventioniertem Hühnerfleisch aus ausrangierten Legehennen und Keulenfleisch und Innereien von Masthühnern. Das wiederum ruiniert die afrikanischen Hühnerzüchter, die sic übrigens wesentlich besser um ihre Tiere kümmern.

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Dieser erst lokale und schließlich globale Blick gehört inzwischen zum Standardrepertoire der Agrar-Dokumentation und kann praktisch baugleich in aktuellen Beiträgen zur Milchwirtschaft und der Fleischproduktion bewundert werden – teils mit den gleichen Auswirkungen auf die gleichen Ökosysteme in Südamerika und Wirtschaftssysteme in Westafrika. 

Das heißt nicht, dass der Ansatz nicht effektiv ist: In der EU-subventionierten Landwirtschaft gibt es immerhin klare und einfache Lösungen: Wir müssen bewusster und sorgfältiger einkaufen und essen. In diesem Fall heißt das: Die Bürger müssen nur endlich ihren eigenen Umfragen entsprechend handeln, in denen sie versichern, wie viel ihnen am Tierwohl und an der Qualität ihrer Lebensmittel liegt. Das Bio-Ei mit der Anfangsziffer 0 erfährt schon einen Aufschwung. Und siehe da: Selbst in Afrika setzt sich mit der Zeit die einheimische Ware mit besserer Qualität trotz leicht höherem Preis gegen das europäische Dumping-Fleisch durch. Der römische Kaiser Romulus und der deutsche Barbar Odoaker sind längst nicht die Einzigen, die ihre Hühner lieben.

„Armes Huhn - armer Mensch: Vom Frühstücksei zur Wirtschaftsflucht“, Lebensmitteldokumentation, Erstausstrahlung Dienstag, 30. April 2019 um 20.15 Uhr bei arte, weitere Sendetermine: Dienstag, 30. April 2019 um 20.15 Uhr Freitag, 10. Mai 2019 um 09.40 Uhr Donnerstag, 16. Mai 2019 um 09.20 Uhr

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