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„Arm trotz Arbeit“ (Arte): Unsicherheit ist schlimmer als Armut

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Von: Tilmann P. Gangloff

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Die Dokumentation „Arm trotz Arbeit“ erzählt von der großen Krise der Mittelschicht. (Screenshot)
Die Dokumentation „Arm trotz Arbeit“ erzählt von der großen Krise der Mittelschicht. (Screenshot) © Arte

Die allzu lang geratene Arte-Dokumentation befasst sich anhand konkreter Fälle mit der Krise der Mittelschicht – der Ansatz ist durchaus interessant.

Wenn die Flut, wie es heißt, alle Boote hebt, ist natürlich auch der Umkehrschluss korrekt: Bei Ebbe sinken sie wieder. Die Soziologie glaubte daher lange an einen ökonomischen Fahrstuhleffekt: Geht’s der Wirtschaft eines Landes gut, profitieren davon alle Schichten, weil sich sämtliche Mitglieder der Gesellschaft im selben Aufzug befinden; alle fahren gemeinsam nach oben oder nach unten.

Seit geraumer Zeit stimmt diese Regel jedoch nicht mehr: Menschen mit Vermögen können angesichts explodierter Energiepreise auf Rücklagen zurückgreifen, aber wer schon zuvor nur knapp über die Runden kam, hat bereits mit einer höheren Nebenkostenabrechnung Probleme; von den gestiegenen Lebensmittelpreisen ganz zu schweigen. Selbst die Mittelschicht kann sich ihrer Existenz nicht mehr sicher sein; und davon erzählt die Dokumentation „Arm trotz Arbeit“, die mit einer Länge von knapp neunzig allerdings viel zu lang ausgefallen ist.

„Arm trotz Arbeit“ auf Arte: Redundanz ist ein großes Manko

Der dramaturgische Ansatz, den Katharina Wolff und Valentin Thurn gewählt haben, ist durchaus interessant: Quer durch Europa haben sie mit Menschen gesprochen, denen die diversen Krisen der letzten Zeit langsam, aber sicher den Boden unter den Füßen weggezogen haben. Clou des Films ist die Idee, die Betroffenen nach drei Jahren nochmals zu besuchen. Auf diese Weise sind die Schlaglichter nicht bloß Momentaufnahmen, weil sich Entwicklungen und Tendenzen nachvollziehen lassen.

Leider geben die Erkenntnisse wenig Anlass zur Zuversicht. Gerade bei den Älteren, die ihr Leben lang gearbeitet haben und trotzdem auf Hilfe vom Sozialamt angewiesen sind, ist der Trend eher negativ. Abgesehen vom Beispiel einer Spanierin, die gemeinsam mit anderen einen kooperativen Lieferservice gegründet hat, sind die meisten Aussichten alles andere als rosig. Vermutlich stellen Wolff und Thurn die junge Katalanin deshalb erst am Ende vor, damit die Dokumentation wenigstens einen versöhnlichen Schluss hat.

Ein weiteres Manko des Films ist seine Redundanz: Die Lebensläufe mögen unterschiedlich sein, aber die Analysen gleichen sich. Überall hatte die Liberalisierung des Arbeitsrechts zur Folge, dass immer mehr Menschen in prekären Beschäftigungsverhältnissen landen; die entsprechenden Stichwörter sind Minijob, Zeitarbeit, befristete Arbeitsverträge. Die Digitalisierung sorgte in diesem Segment zudem für einen Turboeffekt, weil immer mehr Menschen als Scheinselbstständige ohne soziale Absicherung beschäftigt werden.

„Arm trotz Arbeit“ hätte ein guter Film werden können

Dennoch hätte „Arm trotz Arbeit“ theoretisch ein fesselnder Film werden können, weil das Regieduo die anonymen Arbeitsmarktstatistiken mit Leben füllt und die Gesichter hinter den Zahlen zeigt. Die Umsetzung mutet jedoch wie eine allzu lang geratene Radioreportage an, die notdürftig mit Bildern versehen worden ist: Die Informationsvermittlung findet ausschließlich akustisch statt; es wird tatsächlich knapp neunzig Minuten lang ununterbrochen geredet. Das Schema ist dabei stets das gleiche: Der Kommentar beschreibt die jeweiligen beruflichen und sozialen Rahmenbedingungen, die Männer und Frauen schildern ihren Lebensalltag, die Expertinnen und Experten (darunter seltsamerweise auch ein Geograf) betten das Gehörte in einen größeren Zusammenhang.

Die optische Ebene vermittelt dagegen keinerlei Erkenntnisgewinn. Oftmals sind die Aufnahmen völlig beliebig. Dass der Film eine sechzigjährige Französin Patricia auf einen Flohmarkt begleitet, hat im Rahmen des Themas keinerlei Aussagekraft, schließlich machen auch Menschen mit gesichertem Einkommen gern ein Schnäppchen.

„Arm trotz Arbeit“

Dienstag, 10. Januar, 20.15 Uhr auf Arte

Dokumentation auf Arte: „Arm trotz Arbeit“ zeigt lobenswerte Ansätze

Lobenswert ist immerhin der Ansatz, die Entwicklungen aus der Perspektive der Betroffenen zu beschreiben; auf diese Weise sind sie nicht Objekt, sondern Subjekt, selbst wenn das natürlich nichts daran ändert, dass gerade die Älteren ihrer jeweiligen Situation mehr oder weniger hilflos ausgeliefert sind. Wirklich sehenswert ist die Dokumentation jedoch vor allem wegen des britischen Wirtschaftswissenschaftlers Guy Standing, dessen Ausführungen als eine Art Appell ans mutmaßlich gutsituierte Arte-Publikum verstanden werden können: Unsicherheit, zitiert er Konfuzius, sei schlimmer als Armut; eine Feststellung, die auch in den Aussagen der Betroffenen immer wieder zu hören ist.

Europa, so lässt sich Standings Analyse auf den Punkt bringen, sitzt auf einem Pulverfass. Die sogenannte Gelbwestenbewegung in Frankreich war demnach nur ein Vorgeschmack: Wenn sich nicht bald etwas ändert, droht großen Teilen der Mittelschicht ein Abrutschen in die Armut. Gebe es keine fundamentalen Änderungen, prognostiziert der Ökonom, werde Europa in Richtung Neofaschismus driften. (Tilmann P. Gangloff)

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