Symbolbild „Einsamer Wolf“, User allein am Computer in düsterer Atmosphäre.
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„Der Terror der einsamen Wölfe“: Wie Einzelgänger zu rechten Attentätern werden.

TV-Kritik

„Der Terror der einsamen Wölfe“: Vernetzt in einer Welt aus rechten Fanatikern und esoterischen Wirrköpfen

  • Harald Keller
    vonHarald Keller
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Eine Reportage in der ARD belegt: Rechtsradikale Attentäter stehen nicht so allein, wie von den Behörden oftmals angenommen. Oft gehören sie zu einer ganzen Szene.

  • Eine Reportage in der ARD ist rechtsradikalen Attentätern auf der Spur
  • In „Der Terror der einsamen Wölfe“ werden rechtsradikale Gemeinschaften im Netz näher beleuchtet – Oft werden sie von Politik und Polizei unterschätzt
  • Das Gedankengut ist rassistisch, selbstmörderisch und eine Gefahr für uns alle

„Leider kein Einzelfall“, pflegte der ZDF-Moderator Eduard Zimmermann in seiner Sendereihe „Aktenzeichen XY … ungelöst“ zu sagen, wenn er über wiederkehrende Verbrechensmuster berichtete. Bis heute gelingt es seinen Nachfolgern, bei der Lösung ungeklärter Verbrechen zu assistieren. In solchen Sendungen arbeiten Fernsehredaktionen und Behörden Hand in Hand. Aber Exekutive und Justiz bedürfen, wie sich in jüngster Zeit wieder zeigte, immer auch der journalistischen Kontrolle.

Morde live im Netz: ARD-Reportage „Der Terror der einsamen Wölfe“ berichtet über rechte Attentäter

Die Filmautoren Christian Bergmann und Florian Barth könnten Zimmermanns berühmten Satz aufgreifen und gegen die Strafverfolger wenden. Denn um „Einzelfälle“ handelt es sich bei den rassistisch motivierten Amokläufen der letzten Jahre nicht, obgleich Justizkreise und manche Politiker dies gern so sehen. Die Mörder, sogenannte „einsame Wölfe“, sind „einsam“ im Sinne fehlender sozialer Beziehungen, aber in ihrer Welt aus rechtsradikalen Fanatikern und esoterischen Wirrköpfen bestens vernetzt.

Auf den ersten Blick scheint es keinen Zusammenhang zu geben zwischen den Attentaten gegen Synagogen in Halle und Pittsburgh, gegen ein sozialdemokratisches Ferienlager auf der norwegischen Insel Utøya, gegen zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch. Es muss aber schon allein stutzen machen, dass der Mörder von Halle seine Taten per Helmkamera live ins Web leitete, wo sie von Gesinnungsgenossen sofort weiterverbreitet wurden – mit wohlwollenden Kommentaren.

„Der Terror der einsamen Wölfe“ (ARD): Datenspur führt in Foren voll von Extremisten

Die beiden Filmautoren, die bei den Recherchen mit Kollegen aus anderen Ländern zusammenarbeiteten, gehen diesen Datenspuren nach. Und gelangen zu den mittlerweile durchaus bekannten „Imageboards“, auf denen unter Pseudonym und in einer rechtlichen Grauzone rechtswidrige Inhalte verbreitet werden können. Solche Foren sind zur Anlaufstelle von Extremisten geworden, die sich dort in rassistischen, antisemitischen, frauenfeindlichen Tiraden ergehen, sich gegenseitig aufpeitschen, bis hin zum eindeutigen Aufruf zur Gewalt.

Wer Bluttaten ankündigt, wird bestärkt, wer sie ausführt, als Held gefeiert. Für jede getötete Person werden, wie in einem Computerspiel, Punkte vergeben. Besonders widerwärtig: Für tote Kinder gibt es einen Bonus.

Stephan Baillet ist der Mann, der in Halle auf Besucher einer Synagoge schießen wollte, an der massiven Tür scheiterte und daraufhin zwei Passanten ermordete und weitere verletzte. Die Autoren gehen auf Spurensuche. Baillet stammt aus einer Gegend mit schwacher Wirtschaftskraft. Privataufnahmen zeigen ihn in seiner Clique bei Saufwettbewerben und Ausflügen. Rechtes Gedankengut ist dort verbreitet, Baillet aber wurde radikal.

Er zog sich zurück, besuchte regelmäßig einschlägige Foren, versorgte sich mit schweren Waffen. Vor Gericht sagt er aus, er habe für das „Überleben der weißen Bevölkerung“ kämpfen wollen. Die Motive anderer „einsamer Wölfe“ klingen ähnlich, oft wortgleich. Sie führen die „westliche Zivilisation“ im Munde und schießen sie dann zuschanden.

Ein zentraler Treffpunkt ist die Computerspiel-Plattform „Steam“. Der Name des dort ansässigen „Anti-Refugee Club“ spricht für sich. Kritik an gewissen Computerspielen wird gern als kulturpessimistisch abgetan. Eine blauäugige Sichtweise, vergleicht man das Verhalten der Extremisten mit der Ästhetik der sogenannten „Egoshooter“-Spiele, die das Geschehen aus subjektiver Perspektive der Protagonisten wiedergeben. Eine Generalisierung verbietet sich, aber zumindest eine kleine Zahl von Nutzern lässt sich verleiten, den mörderischen Kugelhagel in die Realität zu übertragen.

„Der Terror der einsamen Wölfe“: Vernetzte Rechtsextreme in den USA und Deutschland

Zu den Gesprächspartnern der Autoren zählen der Kölner Cyber-Staatsanwalt Christoph Hebbecker und der Extremismusforscher und Politikberater Florian Hartleb. Hartleb veröffentlichte bereits 2018 das Buch „Einsame Wölfe. Der neue Terrorismus rechter Einzeltäter“ und entdeckte die Kontakte des Amokläufers David S., der 2016 am Münchner Olympia-Einkaufszentrum neun Menschen tötete, zu US-amerikanischen Gleichgesinnten. In den USA kam es zu Nachahmungstaten.

Nach Meinung örtlicher Juristen hätten sie verhindert werden können, wenn Polizei und Staatsanwaltschaft dem politisch-extremistischen Hintergrund der Münchner Morde früher nachgegangen wären. Dort aber war man der Ansicht, dass persönliche Motive und eine entsprechende psychische Disposition die Tat ausgelöst hatten.

Die Recherchen des Autorenteams führen noch in eine andere Richtung. Über das „Steam“-Profil des Attentäters von Christchurch, das perfiderweise von Unterstützern noch immer weiterbetrieben wird, finden sie Gesinnungsgenossen. Explizite Mordaufrufe kommen von einem Nutzer aus Estland. Die Person ist mittlerweile verhaftet. Es handelt sich um einen dreizehnjährigen Schüler.

„Der Terror der einsamen Wölfe“ (ARD): Wahnidee der Brandstifter

Zur Sendung

Der Terror der einsamen Wölfe“, Montag, 3.8., 22:45 Uhr, Das Erste

Nicht die einzige Überraschung, die diese sehenswerte Reportage bereithält. Das Phänomen der „einsamen Wölfe“ wird umfassend aufgearbeitet und verständlich. Auch Lösungsvorschläge haben die Autoren eingeholt. Politik und Polizei sind gefordert, zu handeln. Grenzübergreifend.

Immer eingedenk der Erkenntnis, dass es sich bei rechtsradikalen Mordattacken eben nicht um Taten einzelner Soziopathen mit vergiftetem Bewusstsein handelt, sondern dass sie in frei zugänglichen, teils autoritär organisierten Gemeinschaften initiiert werden. Die dort tätigen Brandstifter vertreten die Wahnidee, das System sei nicht mehr zu retten und müsse daher zum Einsturz gebracht werden. Selbstmörderisch. Gefährlich für uns alle. (Harald Keller)

ZDF Neo zeigt mit „Deutscher“ eine vierteilige Mini-Serie über den Rechtsruck in Deutschland. Die Erzählung beginnt, als eine fiktive Version der AfD die Bundestagswahl gewinnt. Doch „Deutscher“ entwickelt mit seiner Geschichte politisch kaum Relevanz.

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