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ARD-Tatort aus Köln: „Hubertys Rache“ - ein Geiselnehmer als Labertasche

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Von: Judith von Sternburg

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Stephan Kampwirth verkörpert Daniel Huberty im Köln-Tatort „Hubertys Rache“ in der ARD.
Stephan Kampwirth verkörpert Daniel Huberty im Köln-Tatort „Hubertys Rache“ in der ARD. © WDR/Bavaria Fiction GmbH/Thomas

Der Köln-Tatort „Hubertys Rache“ im Ersten bietet statt eines herkömmlichen Geiseldramas eine unheimlich interessante psychologische Studie.

Nach „Vier Jahre“ im Februar ist auch der nun dicht folgende nächste Kölner ARD-Tatort, „Hubertys Rache“, mit Vergehen der Vergangenheit und den Folgen ihrer Ahndung befasst. Diesmal verbunden mit einem zunächst einmal recht klassisch wirkenden Rache- und Geiselnahmedrama.

Wer Rachedramen liebt und Geiselnahmedramen hasst, kann sich bald damit beruhigen, dass der Geiselnehmer in der ARD eine Labertasche ist. Leute, die reden, schießen nicht, darauf beruhte schon das Überleben John Waynes und James Bonds in Dutzenden von Filmen. Und auch wenn man sich darauf natürlich nicht völlig verlassen kann, zeigt sich doch, dass der Mann – man ahnt, dass er Huberty heißt – nicht direkt gewalttätig ist. Es gibt bereits einen Toten, aber: Das hat er nicht gewollt. Das sind einem die Richtigen, die es dann nicht gewollt haben. Und während der Geiselnehmer und Akademiker nach Art von Narzissten noch irgendwie um Restniveau bemüht ist, findet der Kapitän des Ausflugsdampfers klare Worte für ihn. Ein klares Wort, ein zusammengesetztes. Guter Typ, der Kapitän, schade, dass er dann völlig aus dem Blick gerät.

Köln-Tatort in der ARD: Starke klaustrophobe Szenen bei „Hubertys Rache“

Denn die Konstruktion der Geiselnahme ist gewissermaßen nicht der springende Punkt. Es gelingen starke klaustrophobe Szenen beim ARD-Tatort, weil auch ein angetrunkener Junggesellenabschied an Bord ist und der Bräutigam die Nerven verliert, sein Kumpel aber nicht – bitte trinkt doch auch bei einem Junggesellenabschied nicht zu viel, denn man kann nie wissen, was als nächstes passiert!

Huberty ist kurzum vor einigen Jahren ins Gefängnis gekommen, weil er ein Verhältnis zu einer 14-jährigen Schülerin hatte. Es war offenbar ein harter Prozess, Berufs-, Ehe- und Familienleben Hubertys sind dadurch zertrümmert worden, Stephan Kampwirth zeigt uns einen zutiefst gekränkten Mann, der jetzt, wie er erklärt, auf seine öffentliche Rehabilitierung aus ist. Auf dem von ihm mit einer Bombe versehenen und gekaperten Ausflugsschiff befindet sich bereits die damalige Staatsanwältin, Christina Große, mit ihrer Tochter, Anna Bachmann. Weitere Personen, die damals eine Rolle spielten, soll die Polizei nun beischaffen, und dass die Drohung, sonst Geiseln zu erschießen, für das Publikum mäßig triftig ist, kann sie, die Polizei, nicht wissen. Sie platziert Scharfschützen, die wieder zeigen, dass sie die Probleme der Welt selten lösen können (man lobt sich am Ende das konzertierte Wortgefecht, den gepflegten Faustkampf). Sie schleust außerdem Ballauf ein.

Darsteller:innen im Köln-Tatort „Hubertys Rache“ in der ARD
Darsteller:in:Rolle:
Klaus J. BehrendtMax Ballauf
Dietmar BärFreddy Schenk
Joe BauschDr. Roth
Roland RiebelingNorbert Jütte
Tinka FürstNatalie Förster
Renan DemirkanMelanie Novak
Stephan KampwirthDaniel Huberty
Christina GroßeDr. Svenja Poulsen
Anna BachmannAmelie Poulsen
Mathilde BundschuhJana Künitz
Antje HamerSimone Retzlaff
Enno KalischIngo Retzlaff
Xenia SnagowskiIra Beckmann
Quelle: DasErste (ARD)

Köln-Tatort in der ARD: „Hubertys Rache“ zielt auf das Kammerspielhafte hin

Schenk findet das unmöglich, aber beide, Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär, gehen wieder cool und dezent mit ihren Rollen um. Seit 20 Jahren, sagt der zagende Schenk, arbeite man doch schon zusammen, und da waren wir gerührt. Angestellte suchen sich die nicht aus, mit denen sie irre viel Zeit verbringen. Es kann die Strafe für alle Sünden, aber, ja, es kann auch ein Geschenk sein.

Nicht an Bord – und die Polizei bedrängt sie auch nicht – will Jana, das Mädchen von einst, dem Mathilde Bundschuh in kurzen Szenen im Ersten eine immense Präsenz verleiht. Das Buch von Eva Zahn und Volker A. Zahn lässt hier früh spüren, dass die Autorin und der Autor etwas Besonderes vorhaben, und sie lösen es auch ein. Denn so einfach ist das alles nicht.

Zur Sendung

„Tatort: Hubertys Rache“, ARD, Sonntag, 27.03.2022, 20.15 Uhr.

Im Zentrum von „Hubertys Rache“ steht Huberty selbst. Darum sorgt man sich irgendwann auch nicht mehr um die Geiseln. Marcus Weilers Inszenierung macht das deutlich, alles zielt auf das Kammerspielhafte hin, wenige Gesichter bekommen wir in Ruhe geboten, die aber wirklich. Die anderen sind Staffage, Huberty braucht und der ARD-Tatort macht ihm Platz für seinen großen Auftritt. Routiniers auf dieser Seite des Bildschirms kennen den Topos des zu Unrecht verurteilten Rächers zur Genüge und erwarten angesichts von Hubertys Verve den größten Justizirrtum der Saison. Aber die Zahns haben noch Pfeile im Köcher. Dass diese Pfeile weniger kriminalistisch als psychologisch sind, macht „Hubertys Rache“ zu einem ungewöhnlichen Sonntagabend-Krimi.

In Köln kann ein Schiff Agrippina heißen, eine Braut Bine. Bine, Jahrzehnte nicht gehört, schön. (Judith von Sternburg)

Zuletzt feierte der ARD-Tatort aus Münster seinen 20. Geburtstag.

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