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München-Tatort „Kehraus“ heute im Ersten - Die Geschichte von Prinzessin Silke II.

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Von: Judith von Sternburg

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Szene im Tatort „Kehraus“: Rotkäppchen, vormals Silke II., gespielt von Nina Proll, muss kurz nachdenken.
Szene im Tatort „Kehraus“: Rotkäppchen, vormals Silke II., gespielt von Nina Proll, muss kurz nachdenken. © BR/Lieblingsfilm GmbH/Peter Nix

Heute kommt uns der München-Tatort „Kehraus“ (ARD) allen Ernstes mit einer Faschings-Ausgabe und, siehe da: Es funktioniert trotz allem.

Zuerst ist das Verrückteste, dass hier Fasching gefeiert wird, als wäre nichts weiter vorgefallen. Das hängt damit zusammen, dass der München-Tatort „Kehraus“ der ARD schon 2020 vorbereitet wurde, offenbar mit intensiven Vorortrecherchen der Drehbuchautoren Stefan Betz und Stefan Holtz. Man wusste schon, was Corona war, aber man hatte keine Vorstellung davon, dass zwei Jahre später ein coronafreier Karneval wirken würde, als sei er völlig aus Zeit und Raum gefallen. Die Frage, ob TV-Filme nicht überhaupt einen Fehler machen, wenn sie den Corona-Alltag so weitgehend außen vor lassen, steht im Raum.

Dann kommen jedoch noch ganz andere Verrücktheiten und man ist sehr abgelenkt.

Heute in der ARD: Tatort „Kehraus“ zeigt für Außenstehende traurige Dauerparty

Ohnehin findet die Tatort-Saison 2022, von den vergangenen Tagen endgültig erledigt, im Buch wie auch in der dunkel-beschwingten Inszenierung von Regisseurin Christine Hartmann ein melancholisches Echo. Obwohl die Feierlichkeiten in vollem Gange sind, die Polizei mittenmang und die Protagonistin kein Kind von Traurigkeit, zeigt „Kehraus“ doch eine für Außenstehende traurige Dauerparty. Für die, die dabei sein, verschliert das alles vorerst im Alkoholrausch, aber besonders voll ist es „Bei Irmi“ (Johanna Bittenbinder lakonisch hinterm Tresen) auch nicht.

Hier hat sich unter anderem das Rotkäppchen volllaufen lassen und mit einem nur im Fasching noch so genannten „Indianer“ angebandelt (und da ruft ein anderer Gast auch gleich „amerikanischer Ureinwohner“ dazwischen, jedenfalls handelt es sich um den Bademeister Manfred). Da nachher ein Toter in der Nähe liegt und der „Indianer“ mit dem Mann zuvor gestritten haben soll, muss das Rotkäppchen mit aufs Präsidium, als Zeugin und um seinen Rausch auszuschlafen. Während sich das Publikum allmählich darauf einstellen sollte, dass es seine Geschichte ist, die hier erzählt wird, die Geschichte vom Rotkäppchen, weiland Faschingsprinzessin Silke II. Und vom Wolf, aber die beiden begegnen sich nicht.

„Tatort: Kehraus“, ARD, Sonntag (27.02.2022)., 20.15 Uhr.

Silke II.: Das wird nachher noch wichtig sein. Wenn sie den alten Prinzen wiedertrifft in einer so schönen, sanften Szene, dass man den Glauben an die Menschheit zurückgewinnen will.

Tatort „Kehraus“ heute im Ersten: Dreiste Hochstaplerin weckt doch Sympathien

An sich hat sie aber gravierende Probleme, Wohnung verloren, geschäftliche Pläne zum wiederholten Mal futsch. Der Ex-Ehemann will das volle Sorgerecht für den pubertierenden Sohn, den er lieber als künftigen Steuerberater sieht, während die Mutter den Sprühkünstler in ihm kennt und fördert. Das ist die Konstellation aus „Der Vater“ von August Strindberg, solche Dinge haben sich mit dem liberalen Scheidungsrecht nicht erübrigt. Familie, die Hölle, die man sofort vermisst, wenn sie auseinanderfliegt.

Nina Proll spielt im Tatort „Kehraus“ die ehemalige Silke II. mit Würde und Aplomb, der Tatort wirft sich im munteren Katz-und-Maus-Spiel gewissermaßen auf ihre Seite: indem er ihren Spuren folgt und indem er gegen alle Vernunft Sympathien für sie weckt. Es ist die Sympathie, die man nur mit ausschließlich im Hier und Jetzt lebenden Hochstaplerinnen haben kann. Bedenkenlos versucht sie, die Herrn Kommissare zu bestechen. In der Sekunde, in der es für sie läuft, mietet sie sich im Luxushotel auf der Maximilianstraße ein und legt sich ins Schaumbad. „Für Sie ist das alles nur ein Spiel“, sagt der Kommissar. „Das Leben ist ein Spiel“, sagt Silke. Und: „Wer um viel spielt, kann auch viel verlieren.“ Ihr gehört das Finale. So etwas hat man noch nicht gesehen, glaubt man auch nicht, ist trotzdem beeindruckt.

München-Tatort heute in der ARD: Leitmayr und Batic macht eine ausgezeichnete Figur

Leitmayr und Batic, Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec, haben unterdessen unterschiedliche Verhältnisse zu den Narreteien. Leitmayr repariert sein Fahrrad und schimpft aus dem Fenster, wo es lärmt und albert. Batic geht als Pilot und lernt einige Bienen aus dem Landkreis Mühldorf am Inn kennen. Er ist heute etwas schwer von Begriff. Auch nach dem allmählichen Überschreiten der gängigen Altersgrenzen für Kriminalbeamte macht das Münchner Duo eine ausgezeichnete Figur, Scherzworte fliegen hin und her. Kalli, Ferdinand Hofer, zieht stoisch sein Kostüm über. Ist das eine Bockwurst? Das eigentliche kriminalistische Problem ist klassisch und rabiat.

Fürstenfeldbruckerinnen und Fürstenfeldbrucker könnten sich kurz ärgern, aber vielleicht sind sie es gewohnt.

Ein bisschen muss man sich auch konzentrieren. Von „Deshalb bistadaglant“ zu „Deshalb bist du auch da gelandet“ ist es ein Weg. (Judith von Sternburg)

Der Tatort „Liebe Mich“ erzählt von Gefühlskälte und ihren Verheerungen.

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