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Sonntagskrimi in der ARD: Polizeiruf 110 „Hildes Erbe“ bringt viel Neues

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Von: Judith von Sternburg

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Vincent Ross (l.) und Raczek lernen sich kennen.
Vincent Ross (l.) und Raczek lernen sich kennen. © Hans-Joachim Pfeiffer/rbb

„Hildes Erbe“: Der deutsch-polnische Polizeiruf 110 heute in der ARD ist neu sortiert und startet verheißungsvoll. Funktioniert der Krimi?

Frankfurt – Liegt es daran, dass Adam Raczek im Schatten von Olga Lenski stand? Liegt es daran, dass Lucas Gregorowicz anders wirkt, wenn man endlich „Der Pass“ (Gregorowicz als penetranter Boulevardreporter), außerdem kürzlich „Mord in der Familie“ (Gregorowicz als verdruckster Sohn) gesehen und insgesamt eingesehen hat, dass er ein facettenreicher Darsteller ist? Im ersten deutsch-polnischen rbb-Polizeiruf der neuen Zeit ist er ziemlich interessant, um Jahre gealtert und nicht ganz so schlaflos wie Al Pacino in „Insomnia“, aber fast.

Sein beklagenswerter Zustand wird einerseits befeuert, andererseits gemildert durch den Kommissarsanwärter Vincent Ross, André Kaczmarczyk, abgesehen von der Frisur ein echtes Gegenstück und der erste markant genderfluide Ermittler in einem ARD-Sonntagabendkrimi.

Polizeiruf 110 in der ARD: Ein Kommissar, der sagt, wo es lang geht

Genderfluid ist nicht sein Wort, er hat nicht vor, sich zu erklären, er ist, der er ist, trägt Rock oder Hose, schminkt sich dezent die Augen im Look der 80er, tanzt anmutig, fährt sehr bedacht Auto – der ARD-Hauptkommissar fährt derweil wie eine gesengte Sau – und umarmt andere Menschen, wenn er es will. „Wehr dich nicht, komm.“ Er ist selbstbewusst, fix und vorlaut, und wie viele naseweise Leute auch rasch eine Spur beleidigt. Er hat Psychologie studiert, damit hält er allerdings nicht hinterm Berg. Er sagt gerne, wo es lang geht, im Großen wie im Kleinen. „Wie kanalisierst du denn den ganzen Schmerz?“, sagt er zu Raczek. „Hä?“, sagt Raczek. Und wenn der Hauptkommissar „Indianer“ und „Macke“ sagt, sagt der Kommissarsanwärter: Man sage „Indigene“ oder „First Nations“ und „unbewältigtes Trauma“.

ARD-Krimi der neuen Zeit: Polizeiruf 110 „Hildes Erbe“ erzählt eine erfrischende Geschichte

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Vincent Ross auf dem Stand der Dinge ist und Raczek nicht so. Raczek behält aber die Ruhe, lernt ihn auch schätzen. Und wenn er ihn am Ende nicht doch noch zusammenfalten würde, sähe man die beiden schon gemeinsam ins Abendrot reiten. So ist es besser.

Das Erfrischendste am ersten deutsch-polnischen ARD-Polizeiruf der neuen Zeit ist aber, dass Anika Wangard und Eoin Moore, der auch Regie führt, in ihrem Buch trotz des obligatorischen Anfangsgedudels eine gute Geschichte erzählen. Vincent Ross tritt darin zunächst als Zeuge auf, zu Rückblenden hört man nur seine Stimme, originell. Sein neuer Nachbar, ein hedonistisch wirkender Student, ist ermordet worden – wer sich nicht vorab informiert hat, stolpert in die Situation. Wer ist wichtig, wer ist eh gleich tot?

Polizeiruf 110 „Hildes Erbe“ in der ARD: Unausgeglichene Menschen am Steuer

Vincent Ross wollte seinen Umzugskleintransporter zurück nach Berlin bringen, jetzt aber soll er direkt mitermitteln. Der Kleintransporter kommt noch mehrfach vor, überhaupt motorisiertes. Ein Wohnmobil älteren Datums rast in ein Plantschbecken, ein Senioren-Scooter fährt ein Motorrad um, der Hauptkommissar segelt mit seinem Auto ins Feld. Unausgeglichene Menschen am Steuer sind eine Gefahr für sich und andere.

Schauspieler:inRolle
Lucas GregorowiczAdam Raczek
André KarczmarczykVincent Ross
Ada Philine StappenbeckEmma Grutzke
Lars RudolphUlf Grutzke
Tatja SeibtHilde Grutzke
Isabel SchosnigSandra Böttcher

Polizeiruf 110 zum Mitdenken: „Hildes Erbe“ in der ARD ist eine Rarität

Aber kommen wir zur Sache. Im Zentrum von „Polizeiruf 110: Hildes Erbe“ in der ARD stehen nicht der freche Voss und der übermüdete Raczek, sondern die Grutzkes. Eine Studie aus der Hölle des Familienlebens, mehr Genrebild als realistische Milieudarstellung, glanzvoll gespielt.

Die Titelheldin ist die Großmutter, Tatja Seibt, die mit Sauerstoff und Porzellanzoo (womöglich wertvoll) in ihrem abgewrackten Haus hellwach und eiskalt auf den Tod wartet. Der Tote war ihr Enkel, dessen Schwester Emma von Ada Philine Stappenbeck abgrundtief traurig als verlorener Mensch gespielt wird. Sie ist so verloren, dass man es erst nicht unbedingt merkt. Dass sie keine Macke, sondern ein unbewältigtes Trauma hat, liegt dann aber auch jenseits der Wortwahl auf der Hand. Der Vater Ulf, Lars Rudolph, tritt erst später auf, man hat ihn sich inzwischen anders vorgestellt. In Raczeks Gesicht sieht man, dass auch er ihn sich anders vorgestellt hat. Etwas zu zeigen, ohne es zu erklären: ein Vertrauen ins Bild und ins Mitdenken des Publikums, das am Sonntagabend eine Rarität ist.

Die patente Pflegerin Sandra, Isabel Schosnig, mit grandios dosiertem Dialekteinschlag, bringt unterdessen auf den Punkt, worum es faktisch (vielleicht) geht. „Sobald bei den Alten die Uhr tickt, da tauchen die Verwandten auf, da schleimen die sich ein und dann fangen die an, sich ums Erbe zu streiten. Das ist makaber, aber das ist so.“ Man glaubt ihr sofort, die Gier, logisch. Nachher ist die Sache nicht mehr so klar.

„Polizeiruf 110: Hildes Erbe“

ARD, So., 20.15 Uhr.

Polizeiruf 110: „Hildes Erbe“ am Sonntag in der ARD

Kriminalistisch liegt in der ARD einiges auf der Hand, anderes nicht. Hier ein Logikproblem, das Vincent Ross auffällt, da ein reizvoll schauriger Tathergang. Das ist sehr fein und sehr schrecklich. Beim Schlussbild fragt man sich zwar, ob das von Amts wegen tatsächlich so einfach geht, aber vor allem erschauert man angesichts der brutalen Traurigkeit. Und darüber, wie das schamlos kurze Leben den Menschen dann auch noch abspeisen kann. (Judith von Sternburg)

Erst vor Kurzem zeigte die ARD den letzten Polizeiruf 110 mit Charly Hübner. An Düsternis und Action wurde dabei nicht gespart.

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