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Polizeiruf 110 „Hexen brennen“ heute im Ersten: Jetzt werden wir mal sachlich

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Von: Sylvia Staude

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Eine Frau wird nach dem Halloween-Fest am Fuße des Brockens tot aufgefunden: „Hexen brennen“, ein Polizeiruf, der einiges könnte, aber zu viel will.

Frankfurt – Eine zufällige, aber doch auffällige Ballung hat sich diesen Herbst ergeben: Der ARD-Sonntagabendkrimi scheint sein Heil im Mystischen, Horrorspektakeligen, raunend Jenseitigen zu suchen – als sei die Realität schon abgegrast. Es gab das Tor zur Hölle in Wien, den teuflischen Trip in Frankfurt, nun raunt der Polizeiruf „Hexen brennen“ mit Claudia Michelsen von Schwarzer Magie, Marterinstrumenten, Abwehrzauber gegen das Böse, raunt von einem Ort, der dem Untergang geweiht ist, der eine „merkwürdige Energie“ hat, wie selbst Kriminalrat Lemp findet, der stoische Felix Vörtler.

Hauptkommissarin Brasch kann nicht durch dieses namenlose Dorf unterhalb des Brockens gehen, ohne dass sie ein Wispern und Flüstern hört, ohne dass sie an den Hauswänden Hexen-Zeichen und Abwehr-Zeichen sieht. Eine Krähe ist tot und fliegt weg. Ein Hund ist tot und steht wieder auf. Aber die Frau, die gequält, getötet und verbrannt wurde, wird nicht wieder aufstehen. „Das hier übertrifft alles“, sagt der Pathologe.

Polizeiruf 110: Hexen brennen
Doreen Brasch (Claudia Michelsen) ermittelt wieder. ©  MDR/filmpool fiction/Conny Klein

Polizeiruf 110 „Hexen brennen“ heute Abend im Ersten: Weder Fisch noch Fleisch – oder Ratatouille

Aber ein Krimi hat schon das erste Problem, wenn er den Das-hier-übertrifft-alles-Kitzel aufbieten zu müssen glaubt. Und ein weiteres, wenn er sich nicht entscheiden kann, welchen Ton er anschlagen möchte.

Da sind die zwei reizenden rothaarigen Mädchen, die regelmäßig wie von Zauberhand auftauchen und wieder verschwinden und Brasch zuflüstern: „Wir helfen dir“. Kleine Hexen, ganz klar. Da ist der „Frauenheilkreis“, der sich im Wald und an Felsen trifft, die Göttin und die Mutter beschwört und mit Fackeln und in seltsamen Kutten durch den Ort marschiert. Die Männer sprechen vom „Humbug-Club“, man ist versucht, sich diesem Urteil anzuschließen. Keine Hexen, ganz klar.

Wolfgang Stauch, Buch, und Ute Wieland, Regie, können sich wie ihre Tatort-Vorgänger nicht richtig entscheiden, ob „Hexen brennen“ Fisch oder Fleisch oder doch Ratatouille sein soll. Die Bäume sterben, der Schnee bleibt weg, die Geflügelpest kommt: Ein Ort, in dem jeder jeden kennt, verliert die Zuversicht, verliert sein Gleichgewicht. Aber nach einer hastigen Aufzählung sind der kahle Brocken und die Klimakatastrophe kein Thema mehr.

RolleDarsteller:in
Hauptkommissarin Doreen BraschClaudia Michelsen
Kriminalrat Uwe LempFelix Vörtler
Reiko EdlerPit Bukowski
Paul KoppHelgi Schmid
Doris PetersenBirgit Berthold

Polizeiruf 110 heute Abend im Ersten: Durchaus nicht wenige starken Momente

Die starken Momente dieses Polizeirufs – und er hat durchaus nicht wenige – zeigen, dass er prima hätte auskommen können ohne den Hexen-Hokuspokus, die Kuriositäten des „Frauenheilkreises“, ohne die grausigen Folter-Details.

Starke Momente: Die Mutter des Opfers, eine Kneipenwirtin namens Edler, drückt Zigaretten auf ihrem Arm aus – sie will wissen, sagt sie der Kommissarin, wie es ihrer Tochter ging, als sie brannte. Der Mann, dessen Frau ihre Sachen packt und geht, schlägt sie dann doch nicht, sondern wird zum Häufchen Elend. Brasch hat ein Gespräch der anderen Art mit dem Arzt des Dorfes. Brasch führt überhaupt geduldige Gespräche, einem Verdächtigen bringt sie dazu eine Pizza mit. Und auch die heillose Familiengeschichte der Edlers hätte man ausführlicher erzählen können: die Geschichte von der erfolgreichen Tochter, die nach zehn Jahren zurückkommt ins Dorf, dem etwas dummen Sohn, der wegen dieser Rückkehr wieder auf dem Abstellgleis landet, der harten, aber auch heftig trauernden Mutter.

„Polizeiruf 110: Hexen brennen“ heute Abend im Ersten

Sonntag, 30. Oktober, 20.15 Uhr, Das Erste

Braschs Chef Lemp taucht plötzlich auf, säuft mit den Männern vom Stammtisch, sagt „jetzt werden wir mal sachlich“ – es bleibt bedeutungslos. Brasch nimmt die Hexen-Erscheinungen und Tier-Wiederauferstehungen mit einer skeptischen Falte zwischen den Augenbrauen und einem Achselzucken. Am besten, man schließt sich ihr an. (Sylvia Staude)

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