Was mag in ihr stecken? Martina Gedeck als Caroline. Foto: Felipe Kolm/FR/LOTUS-Film/ORF
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Was mag in ihr stecken? Martina Gedeck als Caroline. 

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Martina Gedeck in „Herzjagen“ (ARD): Ein Kunststück für sich

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Elisabeth Scharang präsentiert Martina Gedeck im ARD-Mittwochsfilm „Herzjagen“ als Patientin, die nach vorzüglich gelungener Operation außer Rand und Band gerät.

  • Herzjagen“ läuft als außergewöhnlicher Beitrag in der ARD*. 
  • Martina Gedeck ist in einer intensiven Rolle zu erleben. 
  • Der Beitrag ist ein Kunststück für sich. 

Elisabeth Scharangs „Herzjagen“ läuft heute als außergewöhnlicher Beitrag in der Reihe der ARD-Mittwochsfilme. Martina Gedeck ist in einer für alle Beteiligten auf beiden Seiten des Bildschirms geradezu anstrengend intensiven Rolle zu erleben, aber es liegt nicht nur an ihr, dass die Erzählung meisterlich ausfällt.

Die Österreicherin Scharang, die auch das Buch schrieb, angelehnt an die „Herznovelle“ der Wiener Schriftstellerin Julya Rabinowich, und ihr Kameramann Jörg Widmer arbeiten mit Sparsamkeit, mit Auslassungen in Bild und Handlung. 

„Herzjagen“ (ARD): Ein Kunststück für sich 

Der Blick des Publikums wird extrem sorgfältig geführt hin zu Details, zu Gesichtern und seltenen Totalen, mit eigensinnigen Schnitten und dem kecken Überspringen erwartbarer Szenen, dazu und vor allem mit einem rigiden Verzicht auf das Auskosten der Schönheit wie auch des Schreckens. Nur selten, in für die Protagonistin besonders quälenden Momenten, harrt die Kamera aus. Nichts davon wirkt manieriert, ein Kunststück für sich, wenn man bedenkt, dass Gedeck als Traum-Astronautin auftritt. Was zu sehen und zu hören ist, kann in seiner Vagheit direkt in der Phantasie, nun in unserer, weiter wirken.

Dazu gehört auch Thomas Jarmers zurückhaltende, passgenaue Musik, und wenn der Evergreen „Killing Me Softly“ eine Spur überstrapaziert wird, so ist das nichts gegen die Strapazen, die die Hauptfigur erleidet.

„Herzjagen“ (ARD): Friedliches Einrichten mit der Krankheit 

Die Geschichte klingt mit Blick auf Fernsehfilmkonventionen herkömmlicher, als sie dann ist. Gedeck spielt Caroline, eine Frau, die seit vielen Jahren herzkrank ist und sich mit der Krankheit friedlich eingerichtet hat. An der Seite des sympathischen Sebastian, Rainer Wöss, führt sie ein ruhiges Leben in dem – so weit es zu sehen ist – höchst begehrenswerten Haus, das sie einst als Architektin selbst entworfen hat. Längst ist an Arbeit nicht mehr zu denken und seit neuestem ist der Befund so schlecht, dass der Arzt zu einem Eingriff rät. Caroline zögert, kein logisches, aber verständliches Zögern. Die Operation gelingt prächtig. „Sie werden sich wundern, was alles in Ihnen steckt“, so der zufriedene Arzt, der nicht ahnt, wie recht er hat.

Herzjagen“ erzählt nun nämlich, wie Caroline aus dem Tritt gerät. Unter anderem läuft sie penetrant dem Arzt hinterher, der ihr Herz berührt hat. Die Szenen zwischen Martina Gedeck und dem leicht verärgerten und verlegenen Mann, Anton Noori, sind fabelhaft in ihrer Sprödheit. Eine wie von ungefähr ständig anwesende Psychiaterin – krankenhäusliche Abläufe interessieren hier wenig, obwohl die Atmosphäre stimmig ist – versucht zu helfen. Sie, die Psychiaterin, gespielt von der reizenden Ruth Brauer-Kvam, hat ihre eigene Geschichte, man hört sie husten.

„Herzjagen“ (ARD): Die Frau, deren Herz berührt wurde

„Herzjagen“, Mittwoch, 17. Juni 2020, 20.15 Uhr, ARD

Die meisten anderen Figuren bleiben flüchtig, aber sie sind als Menschen vorhanden. Caroline kann sich nur nicht mit ihnen beschäftigen, nicht jetzt, vielleicht nie mehr. Gedeck spielt so hingegeben das Weggleiten, dass sie ungeniert peinlich wird. In einer Szene ist sie einfach die Verrückte, die einem auf der Straße leid tut.

Dass im guten Ausgang etwas Galliges liegt, erinnert daran, dass der Blick der österreichischen Kunst auf die Welt oft etwas durchtriebener ist, als wir es hier gewohnt sind. Außerdem unterscheidet Scharang scharf zwischen existenziellen und nichtexistenziellen Problemen. Caroline begreift nicht, dass ihr Problem nicht existenziell ist. Nicht mehr. Aber sie ist so furchtbar verzweifelt.

Dazu einige Sentenzen, die sich zum Hinter-die-Ohren-Schreiben eignen. „Liebe ist ein Geschenk, keine Aufgabe, die man zu erfüllen hat.“

Von Judith von Sternburg

*fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

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