Gabriel (Timo Dierkes), Merkel (Imogen Kogge), Steinmeier (Walter Sittler, v.l.n.r.)
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Gabriel (Timo Dierkes), Merkel (Imogen Kogge), Steinmeier (Walter Sittler, v.l.n.r.)

TV-Kritik 

„Die Getriebenen“ (ARD): Die Kanzlerin ist keine „Eiskönigin“

  • Daland Segler
    vonDaland Segler
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Ein Spielfilm als Blick durchs Schlüsselloch in den inneren Zirkel der politischen Macht während der Krise im Sommer 2015.

  • Die Flüchtlingskrise im Jahr 2015 verlangte der Regierung einiges ab. 
  • Dieser Zeit widmet sich das Buch „Die Getriebenen. Merkel und die Flüchtlingspolitik“.
  • Nun folgt eine filmische Umsetzung unter gleichem Titel in der ARD

Robin Alexander ist ein konservativer Redakteur der „Welt“ und gern gesehener Gesprächspartner in Talkshows, wo er als Kritiker aus dem eher rechten Spektrum eingesetzt wird und diese Rolle dann tüchtig ausfüllt. Zu solcher Prominenz kam er auch, weil er allem Anschein nach gute Kontakte zu Regierungskreisen hat. Sein Wissen über die Berliner Polit-Zirkel hat er vor einiger Zeit genutzt für ein Buch über die Ereignisse um den Sommer 2015 und den Versuch der Kanzlerin und ihrer Minister, mit der zunehmenden Zahl an Schutzsuchenden umzugehen: „Die Getriebenen. Merkel und die Flüchtlingspolitik“ ist gleichsam ein Blick durchs Schlüsselloch ins Zentrum der politischen Macht.

„Die Getriebenen“ (ARD): „Nur eine Annäherung an das wirkliche Geschehen“

Nun haben Stephan Wagner (Regie) und Florian Oeller (Drehbuch) einen Fernsehfilm aus Alexanders Buch gemacht, und sie bedienen dabei die voyeuristischen Bedürfnisse des Publikums nach Kräften. Zwar wird zu Beginn der Satz eingeblendet, die Spielszenen könnten „nur eine Annäherung an das wirkliche Geschehen“ sein. Aber was folgt, lässt diese Vorsicht vergessen, zumal die Regie Fiktion und Dokumentarisches munter mischt, etwa wenn sich die reale Kanzlerin in einer berühmt gewordenen Szene einem weinenden Mädchen zuwendet: Da gelingt der Montage ein perfekt nahtloser Übergang zur Spielhandlung.

Die folgt ansonsten dem Diktat des Titels: Tempo, Hetze, Druck. Schnelle Schnitte vermitteln die Atemlosigkeit, mit der weltbewegende Entscheidungen diskutiert werden. Als Leitmotiv eilt die Kanzlerin immer wieder durch die mit Teppichboden belegten Gänge im Kanzleramt, dabei von ihrer Büroleiterin Beate Baumann „gebrieft“ über Termine im Halbstundentakt mit den Mächtigen im In- und Ausland.

TV-Kritik zu „Die Getriebenen“ (ARD): Merkel muss Fähigkeit zur Führung beweisen 

Dass sie einander die politischen Zwänge und Zusammenhänge dann erklären, ist zwar absurd, aber der Notwendigkeit geschuldet, dem Publikum die Zwänge und Zusammenhänge zu erklären. Wirklich frei, so scheint es hier, sind die Verantwortlichen nicht in ihren Handlungen. Das Geflecht aus divergierenden Interessen ist zu kompliziert: Zwischen den Ränken, die Parteifreunde, politische Gegner und Chauvinisten wie Ungarns Regierungschef Viktor Orbán schmieden, getrieben vom Schielen auf Medien und Meinungsumfragen, und zum Handeln gezwungen nicht zuletzt von den Bewegungen von Migranten und Provokationen der Rechtsextremen, muss Angela Merkel ihre Fähigkeit zur Führung beweisen (die ja nicht selten angezweifelt worden ist).

„Die Getriebenen“ (ARD): Die Kanzlerin ist keine „Eiskönigin“

Das allerdings tut sie. Alexander habe, so ist zu lesen, schildern wollen, dass die Kanzlerin zunächst eine restriktive Grenzregelung habe anordnen wollen, dann aber umgeschwenkt sei. Der Film hingegen macht Merkel zur Heldin mit ruhiger Hand: keineswegs wetterwendisch, eher gelassen, bestimmt und bisweilen genervt von den Kollegen. Und er mildert das Bild der „Eiskönigin“ (so ein Titel des „Stern“), indem er sie immer wieder bewegt zeigt vom Schicksal der Kinder der Migranten. Die wunderbare Imogen Kogge hat mit ihrer nuancierten Darstellung womöglich mehr für die Nähe der Deutschen zu ihrer Langzeit-Regierungschefin getan als viele Porträts und Interviews.

Das gilt nicht für die Männer. Josef Bierbichler verleiht als kränkelnder alter Löwe Bayerns Ministerpräsidenten Horst Seehofer zwar mehr Format als der reale CSU-Chef auszustrahlen vermag, aber die übrigen Mitstreiter sind mitunter zu nahe am Klischee. Rüdiger Vogler als nur grantelndem Wolfgang Schäuble etwa fehlt das badische Moment, Wolfgang Pregler ist als kranker Thomas de Maizière bloß zerknautscht.

„Die Getriebenen“ (ARD): Die Geflüchteten als chaotische Masse 

Vor allem die Schurken im Stück geraten zu Abziehbildern: Orbán und Sigmar Gabriel (Timo Dierkes), seinerzeit SPD-Chef. In der Zeichnung des Genossen als nur an Merkels Sturz interessiertem machtgierigen Politiker scheint dann doch wohl die unionsnahe Perspektive des Autors Alexander durch wie auch die Neigung der Filmemacher, ihren Stoff dramaturgisch als Schwarz-Weiß-Bild aufzubereiten. Zu kritisieren ist ebenfalls, dass die Geflüchteten in den dokumentarischen Schnipseln nur als chaotische Masse erscheinen, nicht als Menschen mit individuellen Schicksalen.

Gleichwohl ist eine unterhaltsame Erzählung gelungen. Das Spiel mit dem „Was-man-weiß“ – „Was-man-immer-schon-wissen-wollte“ gewinnt auch dadurch an Relevanz, dass das Land heute erneut vor einer Situation steht, in der verantwortungsvolles Handeln notwendiger denn je scheint. Und in der sich das zum Teil identische Personal bewähren muss. Als Blaupause für die Politik der gegenwärtigen Krisenbewältigung kann „Die Getriebenen“ selbstverständlich nicht dienen. Auch weil der Blick der Autoren gerade durch die Nähe zur Politik eingeschränkt war. Denn die „Flüchtlingskrise“ war eben, und das zu zeigen, ist vielleicht zugleich das größte Verdienst des Films, keine Krise von Flüchtlingen, sondern eine von Politik und Bürokratie.

„Die Getriebenen“,  ARD, 20.45 Uhr, oder in der ARD-Mediathek. Zudem liefert die „Giessener Allgemeine“ eine Übersicht über die Drehorte von „Die Getriebenen“ (ARD)*.

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