Drei Schauspielende, die Richter an einem internationalen Gerichtshof mimen sitzen auf einer Richterbank, ihnen gegenüber steht die Schauspielern Martina Eitner-Acheampong die eine gealterte Angela Merkel verkörpert. Das Bild ist ein Standbild aus dem Film „Ökozid“, welcher am Mittwoch, 18.11.2020 um 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt wird und in der ARD-Mediathek verfügbar ist.
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Ungewohnt machtlos: Bundeskanzlerin a.D. Angela Merkel (Martina Eitner-Acheampong) im Gespräch mit den Richtern

TV-Kritik

ARD-Film „Ökozid“: Der deutschen Klimapolitik wird der Prozess gemacht

  • Harald Keller
    vonHarald Keller
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Im Fernsehfilm „Ökozid“ von Andres Veiel kämpfen zwei Anwältinnen um finanziellen Ausgleich der Klimaschäden. Als Zeugin vor Gericht sagt eine alternde Angela Merkel aus – die bald Opfer einer Hetzkampagne wird.

  • Die ARD zeigt am Mittwoch (18.11.2020) das Gerichtsdrama „Ökozid“.
  • Der Film von Andres Veiel spinnt ein Szenario für das Jahr 2034: Die Klimakrise hat die Welt in den Abgrund gestürzt, jetzt wird abgerechnet.
  • Angela Merkel ist im fiktiven Prozess in „Ökozid“ (ARD) als Zeugin geladen. Die TV-Kritik lobt die aktuellen Bezüge des Films.

Gerichtsverfahren haben dramatische Qualitäten. Schon Heinrich von Kleist arbeitete mit diesem Format, in seinem Erfolgsstück „Der zerbrochne Krug“. Besonders ausgeprägt ist das theatralische Potenzial im US-amerikanischen Rechtssystem. Unzählige Filme zeugen davon und auch Fernsehserien, die Gelegenheit bieten, nicht nur Kriminalfälle, sondern Konflikte jeglicher Art in eine fesselnde Pro-und-Contra-Konstellation zu kleiden. Wobei nicht selten Gesetzbuch und Ethik in Widerspruch geraten.

TV-Kritik zum Film „Ökozid“ (ARD): Mörderische Wetterlage im Deutschland der Zukunft

Diesem Muster folgt der von RBB, NDR und WDR anlässlich der ARD-Themenwoche „#Wie Leben“ mit Star-Besetzung für Das Erste produzierte Film Ökozid“ (ARD). Die Autoren Andreas Veiel, auch Regie, und Jutta Doberstein greifen zu einem überzeugenden dramaturgischen Kniff: Der Prozess findet im Jahr 2034 statt. Während draußen eine im Wortsinne mörderische Sonne brennt, in den Wäldern Brandenburgs und Berlins ein Jahrhundertfeuer wütet, Den Haag unter Wasser steht und ein Zyklon bislang ungekannter Stärke auf die bengalische Küste zurast, werden vor dem nach Berlin ausgewichenen Internationalen Gerichtshof Ereignisse aus dem Zeitraum zwischen den 1990er-Jahren und der jetzigen Gegenwart, die im Film (ARD) der Vergangenheit angehört, verhandelt. 31 Staaten des globalen Südens, von Afghanistan bis zur Zentralafrikanischen Republik, verklagen die Bundesrepublik Deutschland auf Schadenersatz in Höhe von 60 Milliarden Dollar. Pro Jahr.

TV-Kritik: Merkel als Zeugin vor Gericht – Film „Ökozid“ zeigt in der ARD ein unerwartetes Zukunftsszenario

Aus der Anklageschrift: „Nach Auffassung der Kläger hat die Bundesrepublik Deutschland durch Abschwächung und Blockade europäischer Klimaschutzvorgaben ihre völkerrechtliche Pflicht verletzt, einer Erhöhung der weltweiten CO2-Konzentration entgegenzuwirken.“ Als Zeugen geladen sind unter anderem die achtzigjährige ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (Martina Eitner-Acheampong) und ihr Amtsvorgänger Gerhard Schröder, der jedoch fernbleibt. Nach Angaben der Verteidigung (Ulrich Turkur) befindet er sich in Russland in ärztlicher Behandlung.

Mit Verve tragen die Anklägerinnen Larissa Meybach (Friederike Becht) und Wiebke Kastager (Nina Kunzendorf) ihre Argumente vor, die Verteidigung hält vehement dagegen. Zeugen werden befragt, Dokumente vorgelegt, hier bildwirksam großformatig an die Wand geworfen. Ein Duell mit zahlreichen Wendepunkten nimmt seinen Lauf.

Alles, was in den Prozess eingebracht wird, basiert auf Tatsachen. Eigentlich war seitens der Redaktion kein Film für die ARD, sondern eine Dokumentarreihe geplant; die Faktentreue ist geblieben. So gelangt eine Fülle wissenswerter und teils entlarvender Informationen über die Winkelzüge von Politik und Industrie ans Tageslicht. Manches erweist sich als vorsätzliche Irreführung der Öffentlichkeit.

Film „Ökozid“ (ARD) in der TV-Kritik: Kampagne gegen Merkel mit illegitimen Mitteln

Die Verteidigung setzt außer auf Plädoyers auf eine heimliche Medienkampagne. Ein hochaktuelles Sujet. Die Autoren zeigen auf, wie man die öffentliche Meinung manipuliert. Laurenz Opalka (Sven Schelker) reagiert am Computer auf den Verlauf des Prozesses und fälscht im Sinne des Auftraggebers. Mit der Sprache fängt es an: aus „Gericht“ wird ein „Tribunal“, aus einer „Klimaaktivistin“ eine „Straftäterin“, und die Entschädigungssumme bewegt sich nun angeblich im Billionen- statt Milliardenbereich.

Und da ist noch mehr drin: Durch die digitale Bearbeitung eines Filmausschnitts werden Angela Merkels Worte ins Gegenteil verkehrt. All das gelangt über Web-Kanäle in die Öffentlichkeit. Gereizte Kommentare und Gehässigkeiten lassen nicht lange auf sich warten, steigern sich gar zum Ruf nach Gewalt. Merkels Privatadresse macht die Runde. Auf ihr Haus wird geschossen, im Gerichtsgebäude eine Bombe deponiert.

Fiktion trifft Realität: „Ökozid“ (ARD) überrascht in der TV-Kritik mit vielen aktuellen Bezügen

Bei dieser Medienkritik mussten die Autoren für den Film in der ARD nicht auf ihre Fantasie bauen. Die Verbreitung falscher Zahlen kennen wir aus der Kampagne für den Brexit, die schäumende Wut in den sozialen Netzwerken grassiert, ausgelöst durch die Corona-Vorsorgemaßnahmen, schon jetzt in Deutschland und mehr noch, befeuert von dem noch amtierenden Präsidenten Trump, in den USA. Dort blieb es, wie im Film, nicht bei verbaler Gewalt. Die Entführung und mutmaßlich geplante Ermordung der von Donald Trump wiederholt giftig angefeindeten demokratischen Gouverneurin Gretchen Whitmer konnte vom FBI knapp verhindert werden.

Film „Ökozid“ (ARD) in der TV-Kritik: Vorläufer bereits 1972 im ZDF ausgestrahlt

Man sollte also nicht der Illusion erliegen, dass hier eine ferne Zukunft beschrieben wird. Neu ist dieses Format übrigens nicht. 1972 zeigte das ZDF die siebenteilige Serie „Tribunal 1982“. Die von Hungerkatastrophen und Massenarbeitslosigkeit heimgesuchten „Südblockstaaten“ stellten die Industrienationen an den Pranger, jene vertreten durch „Männer des Staates, der Wirtschaft, der Publizistik, der Kirche“. Jede Episode widmete sich einem Verhandlungstag und jeweils einem Thema, darunter „Kolonialismus“, „Handel statt Hilfe“, „Gerechtigkeit für alle“.

„Ökozid“ (ARD) in der TV-Kritik: Buch zum Film wäre gute Idee

Auch hier basierten die Drehbücher, nach einer Idee von Heiner Michel verfasst von Reginald Puhl, auf verbürgten Fakten. Das Skript erschien im selben Jahr als Buch, begleitet von einem Materialienband für den Schulunterricht. Eine gute Idee, die sich bei dem Film Ökozid“ ebenfalls angeboten hätte. Vielleicht lässt sich die Realisierung noch nachholen. (Harald Keller)

Ökozid“, Mittwoch, 18.11.2020, 20:15 Uhr, Das Erste (ARD), sowie schon vorab in der ARD-Mediathek

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