Friedrich Merz bei Anne Will
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Im ARD-Talk von Anne Will wird die Frage „Wie wollen wir leben?“ diskutiert.

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Anne Will (ARD): Friedrich Merz ist Gendern egal - „Haben andere Probleme“

  • vonAstrid Theil
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In der TV-Talkshow von Anne Will (ARD) wird die Frage „Wie wollen wir leben?“ erörtert. Genervte Blicke erntet besonders Friedrich Merz.

  • In der ARD-Talkshow „Anne Will“ wird die Frage „Wie wollen wir leben?“ diskutiert.
  • Zu Gast Bei Anne Will sind Olaf Scholz (SPD), Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen) und Friedrich Merz (CDU).
  • Die Aussagen von Friedrich Merz sorgen überwiegend für genervte Reaktionen.

Berlin - Wie wollen wir leben? Diese Frage sollte im Mittelpunkt der gestrigen Sendung von Anne Will stehen. Anlass für diese Frage, die auch das Motto der ARD-Themenwoche bildet, ist die Corona-Pandemie und ihre tiefgreifenden wirtschaftlichen, politischen und sozialen Auswirkungen. Angesichts dieser nie dagewesenen Krise stellt sich verstärkt die Frage, wie eine Zukunft nach der Pandemie aussehen soll und wird. Antworten hierauf sollten die Gäste der gestrigen Sendung liefern: Vizekanzler und Finanzminister Olaf Scholz, die Parteivorsitzende der Grünen Annalena Baerbock und CDU-Politiker Friedrich Merz, der aktuell für den Parteivorsitz kandidiert.

Damit diskutierten gleich drei potenzielle – beziehungsweise mit Olaf Scholz als Spitzenkandidat der SPD bereits ein feststehender Kanzlerkandidat - Bewerber für das Kanzleramt in der ARD-Talkshow. Ein Vorgeschmack auf den anstehenden Bundestagswahlkampf 2021 blieb deswegen natürlich nicht aus. Während Olaf Scholz bemüht war, sein Vorgehen als Finanzminister zu erläutern, stellte Baerbock weitgehende Forderungen. Friedrich Merz war vor allem damit beschäftigt, Kritik zu üben und sich zu rechtfertigen – und löste mit seinen Beiträgen mäßige Begeisterung bei seinen Diskussionspartnern aus. 

Anne Will in der ARD (TV) – „Wir müssen das System auf neue Füße stellen“ 

Anne Will stieg mit einem Zitat des Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble ein, der vor wenigen Tagen geäußert hat, dass der „Schock der Pandemie“ genutzt werden müsse, damit „das unglaubliche Schwungrad des Kapitalismus und der Finanzmärkte nicht weiter überdreht“. Dementsprechend konzentrierte sich die Diskussion zunächst vor allem auf die Frage, inwiefern das Eingreifen der Politik in die Wirtschaft während der Pandemie angemessen war und wie enorme wirtschaftliche Schäden abgewendet werden können. Auch die Frage nach der langfristigen Gestaltung der Wirtschaft wurde aufgeworfen. Der Fokus auf die Wirtschaft diente in der ARD als Diskussionseinstieg, entwickelte sich jedoch zum Schwerpunkt des gesamten Gesprächs.

Wirklich einigen konnten sich die Gäste der ARD-Talkshow in diesem Themenkomplex nicht. Dass es zu Veränderungen kommt, sahen alle Diskussionspartner bei Anne Will ein. Inwiefern diese Veränderungen aber von der Politik befördert werden und vor allem in welche Richtung diese gehen sollten – dazu gingen die Meinungen auseinander. Während Merz darauf hinwies, dass die Krise die Finanzmärkte ausgebremst habe, stellte Baerbock weitgehende Forderungen: „Wir müssen das System auf neue Füße stellen“.

Anne Will: In der ARD diskutieren Friedrich Merz und Co. über die Klimakrise

Erwartungsgemäß betonte sie bei Anne Will (ARD) dabei wiederholt auch die Rolle der Klimakrise. Scholz, der als Finanzminister in diesem Themenkomplex direkt involviert ist, betonte die Wichtigkeit des politischen Eingreifens in die Wirtschaft zur Überwindung der Krise, die aber auch nach der Pandemie zur Umsetzung wichtiger Projekte beibehalten werden müssen.

Besonders die Vorstellungen zur Finanz- und Wirtschaftspolitik nach der Krise gingen weit auseinander. Baerbock plädierte dafür, noch mehr Geld in die Hand zu nehmen. Die Schuldenbremse müsse ausgesetzt und ein zehnjähriges Konjunkturprogramm in einer Höhe von 500 Milliarden Euro durchgesetzt werden. Friedrich Merz problematisierte hingegen bereits die beschlossene Verlängerung des Kurzarbeitgeldes bis Ende 2021.

ARD: Talkshow Anne Will - Friedrich Merz will immer aufs Geld schauen

Von einer Aufhebung der Schuldenbremse hielt er noch weniger. Seine Argumentation war eindeutig: Die Bundesregierung dürfe nicht den Eindruck erwecken, dass sie alles bezahlen könne und die Bürgerinnen und Bürger sollten sich nicht daran gewöhnen, nicht zu arbeiten. „Ich bin dafür, dass man immer aufs Geld guckt“, so Merz.

ARD-Talk von Anne Will – Fakten und genervte Blicke

Scholz verteidigte als versiertester Gesprächspartner in diesem Zusammenhang das Vorgehen der Bundesregierung. Die Tatsache, dass Deutschlands Umgang mit der Krise weltweit kopiert werde, sei ein guter Indikator hierfür. Besonders erfreulich war die Tatsache, dass Scholz die Diskussion mit konkreten Fakten bestückte: „Ich würde ganz gerne mit Fakten aushelfen“. Von denen hatte Anne Will (ARD) ihrem Kommentar zufolge noch zu wenige gehört.

Immerhin konnte sie sich die Aussage „Immer gut, ich glaube ich habe sogar ein paar gehört“ nicht verkneifen. Scholz machte auf den Umstand aufmerksam, dass das von den Grünen geforderte 500 Milliarden Konjunkturpaket ohnehin schon feststehe. Und die Schulden, die Deutschland zur Überwindung der Krise machen werde, seien bereits in ihrer Bedeutung überprüft worden.

Im ARD-Talk bei Anne Will kommt die Frage auf: „Wer bezahlt den Bums?“ - Friedrich Merz kritisiert

Auf die erfrischend direkte Frage „Wer zahlt den Bums?“ verweist Scholz auf die Vermögenssteuer und bei dieser Gelegenheit auch gleich auf das Programm der SPD. Spätestens an diesem Punkt war der Wahlkampf-Modus mehr als deutlich und wurde mit dem Kommentar „Klang so, als würden Sie das Selbstlob entdecken“ von Anne Will (ARD) quittiert. Nachdem Friedrich Merz auch an dieser Stelle Kritik äußerte, machte Will ihn darauf aufmerksam, dass er keiner der hervorgebrachten Vorgehensweisen unterstütze und sie sich frage, was sein Vorschlag hierzu wäre.

Das Stichwort Prioritätensitzung ließ offensichtlich den Geduldfaden Baerbocks reißen. Während sie darauf hinwies, dass nicht so getan werden kann, als wäre alles in Ordnung und klimaneutral gewirtschaftet werden müsse, zeigte ein Kameraschwenk Olaf Scholz und sein gewohnt seliges Lächeln und vermutlich die Freude über die Tatsache, dass er gerade nicht in der Diskussion involviert ist.

Anne Will (ARD): Friedrich Merz spricht sich für Ende der Kurzarbeit aus

Schließlich verwies Anne Will in der ARD auch auf die deutsche Gesellschaftspolitik und zog dafür die Aussage von Friedrich Merz heran, in welcher er sich für ein Ende der Kurzarbeit ausspricht, da er die Gefahr sehe, dass sich die Leute daran gewöhnen würden, nicht zu arbeiten. Merz fühlte sich deswegen offensichtlich unfair behandelt und verwies – nun schon zum zweiten Mal im Laufe der Sendung – darauf, dass der Kontext seiner Aussage nicht berücksichtigt worden sei. Scholz nutzte die Gelegenheit, um seiner Empörung über diese Aussage Ausdruck zu verleihen: „Wenn man so einen Satz spricht, dann fühlen sich Millionen Menschen schwer verletzt.“ Warum das Kurzarbeitsgeld verlängert wurde, begründete er bei dieser Gelegenheit stichhaltig, wovon Merz aber herzlich wenig wissen wollte und ihm Verdrehung von Aussagen vorwarf.

SendungAnne Will
Erstausstrahlung16. September 2007
SenderARD
SpracheDeutsch
GenreTalkshow
NominierungenDeutscher Fernsehpreis für die beste Information

Diskussion bei Anne Will (ARD): Friedrich Merz will von gendergerechter Sprache nichts wissen

Um vom Thema „Geld“ abzukommen, lenkte Anne Will (ARD) die Sendung – ziemlich abrupt – schließlich auf ein anderes Thema: Gendergerechte Sprache und deren Bedeutung für eine gleichberechtigte Gesellschaft. Ein anderes Thema hätte sich für den Themenkomplex „Wie wollen wir unsere Gesellschaft zukünftig gestalten?“ durchaus angeboten, aber wohl weniger polarisiert – darüber war sich Anne Will sicherlich bewusst.

Als vorrangiges Beispiel für die Thematik wurde der komplett in der weiblichen Begriffsform eingebrachte Gesetzesentwurf der Justizministerin Christine Lambrecht (SPD) genannt. Scholz stimmte Lambrecht in ihrem Vorgehen zu und plädierte dafür, dass man für mehr Gleichberechtigung sorgen müsse. Friedrich Merz wollte hingegen wenig von dieser Thematik hören und ließ erkennen, dass er die Diskussion darüber im Vergleich zu anderen Themen – er nannte in diesem Zusammenhang die Schaffung des größten zusammenhängenden Wirtschaftsraumes mit China als Zentrum am Tag der Sendung – geradezu lächerlich findet.  

Anne Wills Kommentar in der ARD, dass dieser Gesetzesentwurf ein gutes Beispiel dafür sei, wie sich Gesellschaften verändern und Baerbocks lange Ausführung über die Problematik der strukturellen Diskriminierung, die durch den Gesetzesentwurf und seine Ablehnung sichtbar geworden sei, machten Merz offensichtlich noch wütender. „Wir haben andere Probleme“, sagte der Kandidat für den CDU-Vorsitz und beweist damit, dass ihn Fragen der Geschlechtergerechtigkeit einfach nicht interessieren.

Anne Will lässt sich in der ARD einen Seitenhieb auf die CDU nicht nehmen

Erneut plädierte er auf Prioritätensetzung und verwies darauf, dass er geglaubt habe, man würde sich über die Zukunftsgestaltung in dieser Sendung unterhalten und nicht über Gesetzesentwürfe. Außerdem säßen Scholz und Baerbock im Bundestag – sie könnten ja etwas an der Problematik ändern. Könnten Sie, wenn die CDU es nicht blockieren würde, wie Baerbock erwähnt.

Ein Verweis auf die Tatsache, dass die Unionsfraktion nur einen Frauenanteil von zwanzig Prozent hat, konnte sich Anne Will in dieser Situation nicht nehmen lassen. Auf die Ausführungen von Friedrich Merz, dass man dieses Problem versuche aktiv zu lösen, kommentierte Will, dass man noch lange darüber diskutieren könnte. Die Zeit dafür hat aber nicht mehr gereicht, weswegen Will – gemessen an ihrem genervt, gleichgültigen Blick – wohl nicht übermäßig enttäuscht war. 

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