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Die 50er Jahre.

ARD-Dokumentation

Wer bin ich?

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Die anregende ARD-Dokumentation „Als Mutti arbeiten ging“.

Der Alte, der sagt, Frauen gehörten an den Kochtopf. Der Burschi, der erklärt, Frauen sollten sich aus der Politik heraushalten, da sie dafür viel zu unselbstständig seien. Die Firmenchefin, die geduldig lächelnd die Frage verneint, ob die Arbeit auf Kosten ihrer Weiblichkeit gehe: „Das eigentlich Weibliche ist ja das Mütterliche, und das ist mir erhalten geblieben.“ Später der junge Dachs, der sagt: „Ich würde ein Mädchen, das die Pille nimmt, nicht heiraten.“ Wieder später die Frau, die sich entschlossen hat, zu Hause bei ihren drei Kindern zu sein, und die nachdenklich zu Protokoll gibt, wie sie den Draht zu den Dingen verliere. „Draußen bin ich eine Null“, sagt die Frau.

Wir sind bereits im Jahr 1970, und jetzt kommt der feiste Mann, der erläutert, dass die deutsche Frau von heute sich zu Tode fresse (er macht keine gute Figur, der feiste Mann, wer immer hinter der Kamera steht, hat darauf bereits geachtet). Und die FDP-Abgeordnete Helga Schuchardt blickt zurück und erzählt, wie ein CSU-Fraktionskollege ihr beim Gang zum Rednerpult über den Rücken gestrichen habe, um festzustellen, ob sie einen BH trage (in der CSU-Fraktion sei eine entsprechende Wette gelaufen). Man sieht Schuchardt und ihren Mann auch bei einer Veranstaltung mit Wählern. Auf die Frage, ob sie beide keine Kinder wollten, erklärt der Mann, die Erziehung würde an ihm hängenbleiben und das sei doch etwas zu viel verlangt. Ein älterer Zuhörer beschimpft die Kinderlosen (er selbst hat fünf Jungs), das Ehepaar lächelt. Die Filmemacherin fragt die Schuchardt von heute, 79, wie es ihr gelungen sei, solche Beschimpfungen an sich abperlen zu lassen. Da erzählt Schuchardt die Geschichte mit dem BH.

Siebzig Jahre Gleichberechtigung im Grundgesetz: Es sind die – sehr, sehr unterhaltsamen – Originalaufnahmen und es ist das Reflektieren dieser Aufnahmen, die Susanne Brahms’ und Rainer Krauses Filmdokumentation „Als Mutti arbeiten ging“, produziert für Radio Bremen, so sehenswert machen, auch wenn man im Großen und Ganzen weiß, wie die Dinge vonstatten gingen. Man sieht hier, wie lahm es ging. Beziehungsweise wie rasend schnell. Vieles lief parallel. Mit der wachsenden Freiheit wuchs die Verunsicherung auf allen Seiten. Ein Vorwärts und Zurück, aber es ging nie so weit zurück wie es vorwärts ging. Ein großer Unterschied zudem zwischen der Situation in der BRD und in der DDR.

Manchmal können die Frauen von heute die Aufnahmen von damals sehen. Die Frau, die damals gesagt hat: „Draußen bin ich eine Null“, kann sich an den Satz nicht mehr erinnern. Sie staunt über sich (später ist sie berufstätig gewesen). An solchen Stellen ist „Als Mutti arbeiten ging“ auch eine Dokumentation über Erinnerung und Wahrnehmung.

Die Interviews, darunter Dreigenerationengespräche, verlaufen sympathisch entspannt. Das Potpourrihafte ist Programm, ein sinnvolles Programm. Ein buntes Bild, wie hier draußen im Leben.

„Als Mutti arbeiten ging – 70 Jahre Gleichberechtigung“, ARD, 23.30 Uhr (Themenabend 70 Jahre Grundgesetz).

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