Ästhetische Würde durch lange Kameraeinstellungen.
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Ästhetische Würde durch lange Kameraeinstellungen.

"Machines"

Arbeiter verlassen nie die Fabrik

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Rahul Jains meisterhafter Dokumentarfilm "Machines" führt in eine indische Textilfabrik, in der noch der Frühkapitalismus herrscht.

Ob es ein Zufall ist, dass diese Reise in eine indische Textilfabrik ausgerechnet zum hundertsten Jahrestag der Oktoberrevolution ins Kino kommt? Hier, im Bundesstaat Gujaret, ist der Frühkapitalismus noch lebendig. Zwölfjährige arbeiten Zwölfstundentage und wissen, dass kaum einer von ihnen älter als fünfzig wird.

Der indische Filmemacher Rahul Jain nähert sich ihrem Arbeitsalltag mit einer Handkamera, die sein Bildgestalter Rodrigo Trejo Villanueva schwerelos durch die dunklen Hallen gleiten lässt. „Machines“ ist ein stiller Film, eine gespenstische Ruhe geht von ihm aus, gerade so, als wolle er niemanden, der sich hier plagt, noch in seinem Leiden aufschrecken. Wir wissen nicht, was der Filmemacher die Arbeiter in ihren wenigen Pausen fragt, ihre spärlichen Antworten müssen genügen.

Anregungen zum Arbeitskampf schlagen auch die Älteren müde aus. Wer sich gar das Geld für die Fahrkarte leihen muss, um in die gewaltige Fabrik zu pendeln, der mag die Entlassung nicht riskieren. „Gujaret ernährt die Ärmsten“, erklärt ein Mann fast schon optimistisch. „Kinder verdienen im Monat 6000 Rupien, davon kann man zwar nichts zurücklegen, aber überleben.“

6000 Rupien, das sind nicht einmal siebzig Euro. In einer Szene sehen wir, wie sich Kinder ernähren, die noch nicht in der Fabrik schuften. Ein Erwachsener fordert sie auf, im Müll der Fabrik nach Verwertbarem zu suchen, schwarzer Schlamm ergießt sich sodann aus einem Eimer.

„Geht das wieder ab?“, fragt ein etwa Achtjähriger. Dies ist nicht der Film, in dem Wissenschaftler erklären, welche Giftstoffe es nun genau sind, denen die Menschen hier tagtäglich ausgesetzt sind. Auch die internationalen Kundenlisten der Textilfabriken sind ausnahmsweise nicht das Thema. Es gibt überhaupt keinen Kommentar, es gibt nur Bilder, diskrete Porträts wie das eines Jungen, der beinahe an einer der schweren Maschinen einschläft, die diesem Film den Titel geben.

„Die Firma ist den Arbeitern egal“

Die wenigen Interviewaussagen reichen, um politische Kontexte zu eröffnen, die diesen Film wie eine Zeitreise in den Frühkapitalismus erscheinen lassen. „Ich weiß weder, wer mein Chef ist, noch wie er aussieht“, sagt einer der Arbeiter, der auf dem Areal haust. „Meine Welt erstreckt sich nur von meinem Zimmer bis zur Arbeit.“ Immerhin wissen wir nun, wie sein Chef aussieht. Er hat eine hellere Hautfarbe und beobachtet von seinem Schreibtisch die Arbeiter, die ihn nicht sehen können, über einen großen Bildschirm. Man mag sich an Chaplins „Moderne Zeiten“ erinnert fühlen, doch hier geht es weit schlimmer zu.

In fließendem Englisch erklärt er sein Credo wie eine Charles-Dickens-Figur: „Was machen diese ungebildeten Leute denn mit einem höheren Lohn? Sie kaufen dann womöglich Tabak oder Alkohol oder andere scheußliche Dinge. 50 Prozent von ihnen scheren sich nicht um ihre Familien. Für Inder ist das einzige Arbeitsmotiv der Lohn. Gib mir mehr, gib mir mehr! Die Firma ist den Arbeitern egal.“

Es gibt hier nichts zu kommentieren, lediglich die Bildmontage setzt wie im klassischen Dokumentarfilm die Informationen in einen Kontext. Die nächste Einstellung zeigt eine Hand monoton in kurzen Abständen den Schalter einer Maschine drücken. Das Kabel ist grob mit Klebeband geflickt.

Es wäre leicht gewesen, im Halbdunkel dieser Fabrik dem Reiz einer trügerischen Schönheit zu erliegen. Wer einmal eine indische Färberei besucht hat, hat die Farben wohl leuchtender in Erinnerung, als sie hier in einer leicht entsättigten Fotografie zu sehen sind. Gift ist nicht unbedingt hässlich, wenn man es fotografiert, als Filmemacher muss man da eine Entscheidung treffen.

Schönheit durch ästhetische Mittel

Der österreichische Dokumentarist globalisierter Arbeitsprozesse, Michael Glawogger, setzte bewusst auf spektakuläre Fotografie, wenn er etwa in „Megacities“ ins Elend eines verarmten Proletariats eintauchte. Filmemacher Rahul Jain behandelt dagegen visuelle und akustische Reize mit größter Vorsicht. Fast mag man an Henri Cartier-Bresson denken, der, als er ein befreites Konzentrationslager filmte, vorrangig Porträts der Überlebenden aufnahm.

Die Schönheit dieses Films liegt nicht in fotografischem Reiz, sie liegt in einer Haltung, die sich wiederum mit ästhetischen Mitteln artikuliert. Also etwa mit der Würde einer langen Kameraeinstellung auf den ritualisierten Handbewegungen eines Arbeiters. Oder in der scheinbaren Unschuld eines maschinellen Prozesses, der stets auf dieselbe Art abläuft und uns gleichsam über die Zeiten hinweg blicken lässt. Zurück zu den Anfängen des Films, als die Brüder Lumière ihre allererste Filmaufnahme auf die Arbeiter ihrer eigenen Fabrik verwendeten. Nur mit einem Unterschied: Sie zeigten sie auf dem Weg in den Feierabend. Das war 1895.

„Meine Schicht dauert zwölf Stunden“ sagt einer der Arbeiter im heutigen Gujaret. „Dann esse ich etwas und eine Stunde später arbeite ich die nächsten zwölf Stunden.“

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