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Ein hochauflösendes Video mit 96 Einzelbildern in der Sekunde rückt die Sujets in eine irreale Nähe.

„Aquarela“

„Aquarela“ im Kino: Im Rausch der Tiefe

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Der russische Filmemacher Victor Kossakovsky hat einen schwelgerischen Experimentalfilm über das Wasser gedreht: „Aquarela“ ist ein Ereignis.

Als die Bilder laufen lernten, um die Wende zum 20. Jahrhundert, machte man keinen Unterschied zwischen Dokument und Fiktion. Was diese ersten Kinobilder auf die Leinwand brachte, was über ihren Erfolg beim Publikum entschied, war ihre Eignung, bestaunt zu werden.

Später ordneten die Kameraleute ihre visuellen Sensationen den Wünschen der Erzähler unter. Aber noch immer gibt es Filmemacher, die es anders sehen und sogar großen Erfolg damit haben. Der Russe Victor Kossakovsky gehört in eine Reihe mit Godfrey Reggio, dem Regisseur von „Koyaanisqatsi“ und dem verstorbenen österreichischen Dokumentarkünstler Michael Glawogger. Wie diese entwickelt er visuelle Sensationen aus dem Staunen über die Wirklichkeit heraus und fügt sie zu Geschichten, die weit hinter diese Realitäten blicken lassen. In „Vivan las Antopodas!“ porträtierte er den Globus durch Schnittlinien durch den Mittelpunkt – und reiste an die gegenüberliegenden Enden.

„Aquarela“ handelt von der Naturgewalt des Wassers und verwendet eine neuartige Aufnahmetechnik, hochauflösendes Video mit 96 Einzelbildern in der Sekunde, um sein Sujet in eine irreale Nähe zu rücken.

Schon die allerersten Filmemacher liebten das sich stets verändernde Element, das die Möglichkeiten des Kinos besonders sichtbar machte. Doch mit dem Staunen ist es nicht getan.

Schon in den ersten Szenen kollidiert das Erhabene mit dem Menschlich-Banalen auf eine skurrile und sehr persönliche Art und Weise. Auf dem zugefrorenen sibirischen Baikalsee sind Männer damit beschäftigt, ein versunkenes Auto zu bergen. Welches Ungeschick mag diesen Einsatz nötig gemacht haben? Was hat sich denn hier jemand für eine Abkürzung ausgesucht?

Dann aber sieht man, ganz am Horizont, ein weiteres Auto in eine Eisspalte rutschen. Offensichtlich realisiert Kossakovsky hier ein absurdes, nihilistisches Theaterstück. Doch wie bei Chaplins „Goldrausch“ bringt die Landschaft einen eigenen Realismus in die Inszenierung und der körperliche Einsatz berührt etwas Existentielles. Wenn ein Helfer mehrfach selbst im Eis einbricht, um gleich darauf munter wieder heraus zu klettern, ist endgültig klar: Dies ist eine andere Art des Slapstick. Ohne diese kleinen Brechungen wäre dieser Film leicht ihn Gefahr geraten, das Imposante zum Selbstweck werden zu lassen.

Dann aber beginnt die Natur selbst zu agieren und die Menschen mehr und mehr aus dem Film zu verdrängen.

In der Antarktis filmt Kossakovsky Eisberge wie schwimmende Wolkenkratzer. Schmelzende Kolosse zerbersten. Es gibt keinen Kommentar, der auf die Auswirkungen des Klimawandels verweisen würde, und wir erfahren nichts über die Hintergründe dieser Szenen. Welche geophysikalischen Phänomene auch immer ihnen zugrunde liegen, sie verdichten die Not des Planeten zu Bildern von allgemeingültiger Symbolkraft. Man denkt unwillkürlich an Caspar David Friedrichs berühmte Darstellung des Eismeers. Lange glaubte man fälschlich, es trage den Titel „Die gescheiterte Hoffnung“, der sich nun unwillkürlich über die Bilder der vom Klimawandel verwüsteten Naturräume legt.

Im weiteren Verlauf führt der 90-Minuten-Film zum Hurrikan Irma nach Miami und zum weltweit höchsten Waasserfall, dem Salto Àngel in Venezuela, wo sich die Fluten auf halben Weg zu Wolken zerstäuben. Doch die eindrucksvollsten Bilder zeigen nichts Exotischeres als die Wellen des Atlantik.

Wie der Filmemacher in einem Interview erklärte, kam ihm die Idee, als er eine Zeitlang auf der Insel Bornholm lebte und täglich auf das sich stets verändernde Wasser blickte. Gemeinsam mit seinem Bildgestalter Ben Bernhard findet er beim buchstäblichen Eintauchen in die visuelle Wucht der Wellen zu semiabstrakten Bildern, denen man ihre technische Avanciertheit nicht mehr ansieht. Sie erneuern die Sensationen der spätromantischen und realistischen Malerei des 19. mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts. Einige der eindrucksvollsten Werke der damaligen Salonmalerei zeigen Schiffskatastrophen, oft in riesigen Formaten. Der Aufstieg des Kinos zum Überwätigungsmedium Nummer eins setzte der Kunstfertigkeit ihrer Maler ein Ende. An die Stelle ihrer Handwerklichkeit sind in der Folge sich beständig verändernde Bildmedien getreten.

Schwelgerische Naturdarstellungen bergen stets die Gefahr der Verselbstständigung – aber auch etwas Unwiderstehliches. Die morbide Lust, einen Wasserfall hinabzustürzen oder unter Eisschollen zu tauchen, lässt sich durch Kameradrohnen und moderne Bildstabilisatoren in traumhafter Präzision erfüllen. Die Dramaturgie dieses Films folgt dieser Sehnsucht in einer surrealen Rauschhaftigkeit. Einmal scheint uns aus einer schwarzen Wolke ein Monster anzugrinsen oder war es nur der Schatten eines Seevogels? Man kann es nicht erwarten, dass ein Künstler wie Kossakovsky endlich auch eine würdige Verfilmung von „Moby Dick“ angeht.

Aquarela.  GB/D/DK/USA 2019. Regie: Voctor Kossakovsky. 89 Min.

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