Ankunft deportierter Juden in Auschwitz-Birkenau.
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Ankunft deportierter Juden in Auschwitz-Birkenau.

"Mit dem Mut der Verzweiflung", ZDF

Anteilnahme durch Mitgefühl

Mit der 80-minütigen Dokumentation gedenkt das ZDF der Befreiung von Auschwitz. Die größte Überraschung ist der Moderator: Entertainer Hugo Egon Balder.

Von Tilmann P. Gangloff

„Wie kann man begreifen, was eigentlich unbegreiflich ist?“, fragt Hugo Egon Balder zu Beginn der Dokumentation, die das ZDF zum Auschwitz-Gedenktag ausstrahlt. Mit seinem nächsten Satz wird der Unterhaltungsproduzent vermutlich vielen Zuschauern aus der Seele sprechen: Eigentlich sei doch alles gezeigt und alles erzählt.

Das Stimmt natürlich nicht, schließlich könnten allein über Auschwitz-Birkenau über eine Million Geschichten erzählt werden; so viele Menschen sind dort in den Gaskammern von den Nationalsozialisten ermordet worden. Trotzdem hat jeder Autor den Ehrgeiz, neue Ansätze zu finden. Der Ansatz von Dirk Kämper (Mitarbeit am Buch: Winfried Laasch) heißt Balder.

Das klingt zunächst nach einer schlichten Spekulationsstrategie: Man verpflichte einen populären Fernsehmann, der dem Publikum ausschließlich als Entertainer bekannt ist; so eine Besetzung weckt garantiert die Neugier, zumal sich ältere Zuschauer noch lebhaft an die Nonsensshow „Alles Nichts Oder?!“ oder an die Busenparade „Tutti Frutti“ erinnern, die er bis vor gut 20 Jahren für RTL moderiert hat. Von dort ist es ein ziemlich weiter bis zu einer Dokumentation über die Mordmaschinerie Auschwitz.

Tatsächlich ist die Lust an der Provokation und die Freude am Entertainment nur die eine Seite von Hugo Egon Balder. Der Mann kann auch anders, und das beweist er hier. Dass seine Moderation absolut seriös sein würde, war zu erwarten, aber Balder ist auch selbst betroffen: Seine jüdische Mutter überlebte das Lager.

Diese persönliche Ebene kommt spätestens gegen Ende zum Tragen, als Balder erzählt, es sei ihm erst später klar geworden, warum er die Mutter in seiner Kindheit als hart und gefühllos erlebt habe. Dieser Moment ist einer der berührendsten der Sendung, und das ist schließlich das Ziel: Anteilnahme durch Mitgefühl erzeugen.

In Produktionen dieser Art funktioniert das stets nach dem gleichen Muster: Je größer eine Zahl ist, desto weniger kann man sie begreifen. Also werden individuelle Schicksale erzählt, und zwar nach Möglichkeit in Kombination mit Zeitzeugen; selbstredend ist es emotional ungleich wirkungsvoller, wenn jemand Erlebnisse beschreibt, die ihm selbst widerfahren sind, als wenn ein womöglich auch noch junger Historiker Ereignisse aus der Distanz von siebzig Jahren schildert.

Damit solche Sendungen aber nicht nur aus redenden Köpfen bestehen, gibt es szenische Rekonstruktionen, in denen die Erinnerungen der Überlebenden nachgestellt werden. Diese Spielszenen sind meist ein Schwachpunkt, weil sie weder vom Aufwand her noch schauspielerisch mit Spielfilmen konkurrieren können; das Talent der Darsteller ist leider nur selten so groß wie ihr Eifer.

In diesem Fall klingen die Dialoge zudem mitunter synchronisiert; gerade das Gebell der KZ-Schergen hört sich an wie in einem schlechten Hollywood-Film (Regie: Oliver Halmburger). Trotzdem erzielen die Geschichten vor allem dank der Ergänzungen durch Zeitzeugen die erhoffte Wirkung. Neben Balders Mutter erzählt der Film unter anderem von Fredy Hirsch, einem Pädagogen, der sich erst in Theresienstadt und später in Auschwitz um die Kinder im Lager gekümmert hat. Er ermöglichte ihnen kleine Fluchten aus dem furchtbaren Alltag, und viele verdanken ihm ihr Überleben; Hirsch selbst kam seinen Mördern zuvor.

Eine weitere Stärke der Dokumentation ist die Integrierung der digital bearbeiteten Bilder; mal fährt ein Lastwagen über eine Landkarte, mal entsteht aus der Kombination von Aufnahmen der heutigen Gedenkstätte mit zeitgenössischem Schwarzweißmaterial eine ganz neue Ebene. Besonders eindrucksvoll ist eine Szene am Schluss, wenn die Kamera den Weg zu den Gaskammern zurücklegt und ganze Horden schemenhafter Gestalten durchs Bild huschen: als könnten die Geister der Ermordeten diesen Ort einfach nicht verlassen. 

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