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Aleksandra versucht als Braut verkleidet Aufmerksamkeit für ihr Aktion für vegane Ernährung zu erzeugen.

TV-Kritik: 37 Grad

Anstrengend kompromisslos

"37 Grad: jung.radikal": Eine ZDF-Reportage über drei junge Menschen in Deutschland, die für eine bessere Welt kämpfen.

Von David Segler

Junge Menschen, die sich engagieren und die Welt nicht so hinnehmen,  wie sie diese vorfinden, gibt es überall. Die Reportage der ZDF-Reihe „37 Grad“ begleitet diesmal drei von ihnen in Deutschland und versieht sie zusätzlich mit der Eigenschaft „radikal“.  Doch was bedeutet es, radikal zu sein?  Ist man es nur dann,  wenn man keine Kompromisse macht und bereit ist, auch Opfer zu bringen? Oder kann radikal auch einfach bedeuten, ohne Zweifel fest an seine Sache zu glauben, wie es die Reportage als Fazit zieht?

Die erste der drei Protagonisten ist Aleksandra aus Frankfurt – seit 18 Jahren Veganerin aus voller Überzeugung. Schon beim Wort Nutztier läuft es ihr kalt den Rücken herunter.  Immer wieder zieht sie in der Innenstadt die Aufmerksamkeit auf sich, sei es durch Aktionen vor großen Einkaufzentren oder dem simplen Bemalen des Bordsteins mit Kreide, meist einfach die Worte „Youtube: Milch“. Wer den Begriff bei der Videoplattform eingibt, wird direkt zur Adresse „Earthlings“ geführt. Interessanter als die Art, wie Aleksandra ihre Überzeugung ausdrückt, ist die junge Studentin als Persönlichkeit.

Darauf hätte die Reportage intensiver eingehen können; lediglich in Nebensätzen erfährt der Zuschauer, welche Schwierigkeiten sich als Folge ihres Kampfes für den Veganismus und gegen die Tierausbeute ergeben. Aleksandra kommt mit ihrem Studium kaum hinterher und hat viele ihrer Freunde verloren – sie ist ihnen einfach zu „anstrengend“ geworden. Doch sie rückt von ihrer Meinung nicht ab, ist fest von der Sache überzeugt. Ihrer Mutter, bei der sie noch wohnt, hat sie sogar den Joghurt verboten – das ist auf alle Fälle eine Form von Radikalität.

Dagegen wirkt Christopher wie das Gegenteil eines Radikalen. Er hat sich im Garten seines Elternhauses seinen eigenen Bio-Supermarkt, wie er ihn nennt, angepflanzt und fühlt sich mit der Natur verbunden. Christopher lebt auch in diesem Garten in einer Hütte, seit er nach einigen großen Reisen nach dem Abitur zurückgekehrt ist. Eine Ausbildung hat er nicht, studieren möchte er auch nicht, er will lieber ökologische Projekte vorantreiben. Seine Eltern sind die typischen liebenden Eltern, wie man sie sich vorstellt; sie sitzen bei Kuchen im Garten und können bei aller Liebe ihre ebenfalls typischen Eltern-Sorgen nicht verbergen:  Wenn Christopher mal Geld verdienen soll, habe er ja nichts vorzuweisen. Der Sohn hält „meinen Erfahrungsschatz“ dagegen. Er wirkt wie ein Weltenbummler, der etwas zu verträumt für diese deutsche Realität ist, aber man ist als Zuschauer geneigt, ihn gerne dort ein wenig träumen zu lassen, denn er wirkt wirklich grundsympathisch. Wohin ihn dieser Lebensstil führen wird, mag die Reportage natürlich nicht zu beantworten.

Der dritte Protagonist beschäftigt sich mit einem Thema, das Ronald Pofalla von der CDU einst voreilig für beendet erklärt hat: dem NSA-Skandal. Oliver will dafür sorgen, dass die Erinnerung an die Bespitzelung durch den US-Geheimdienst in den Köpfen der Leute präsent bleibt. Er plant, mit Hilfe eines riesigen Projektors den Satz „NSA is in da House“ auf die Fassade der  amerikanischen Botschaft in Berlin zu projizieren. Er hat sich rechtlich abgesichert: Karikaturen fallen unter Freiheit der Kunst, und mit seinem nur projizierten Bild schützt er sich vor dem Vorwurf der Sachbeschädigung, doch nervös ist er trotzdem.

Oliver selbst hat die Presse eingeladen, damit die Medien das Bild von der Aktion nachts um eins verbreiten. Sein Unterfangen an sich ist wahrscheinlich im Endeffekt wenig wirkungsvoll, doch das Kamerateam von „37 Grad“ filmt den ungemein spannenden Prozess, der sich während dieser Protestaktion abspielt. Es dauert nur kurz, bis die ersten Polizisten auftauchen und bis Bedienstete der Botschaft und weiterer Sicherheitsdienst (in einem roten Polizeiauto – besonders bedrohlich) sich um Oliver versammelt haben. Es redet aber keiner mit ihm direkt, sie alle diskutieren in einer Runde, und es dauert eine Stunde, bis Oliver seinen Personalausweis zurückbekommt. Zum Verdacht, dass auch die deutsche Polizei und der BND von der NSA unterwandert seien, wollen sich die anwesenden Streifenpolizisten natürlich nicht äußern. Olivers Aktion wird keine Folgen haben. Es wäre ungemein spannend gewesen, die Beratung der Staatsgewalt mitzuhören, um zu erfahren, was da diskutiert wird. Wahrscheinlich ging es darum, wie radikal man in dieser Sache vorgehen darf...

"37 Grad: jung.radikal", ZDF, Dienstag, 23 Uhr.

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