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Marion Cotillard als ätherische Sängerin in Leos Carax’ „Annette“.
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Marion Cotillard als ätherische Sängerin in Leos Carax’ „Annette“.

Cannes

„Annette“ von Leos Carax: Schokolade mit Pfeffer

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Das Festival von Cannes meldet sich grandios zurück: Leos Carax’ Eröffnungsfilm „Annette“ und weitere Wettbewerbsfilme von François Ozon und Nadav Lapid.

Stellen Sie sich vor, es ist wieder Kino und der Saal ist voll. Auch wenn bei der Eröffnungsgala in Cannes am Dienstagabend Maskenpflicht herrschte, war es doch fast ein Bild wie aus alten Tagen. Die Saalkameras konnten jedenfalls nicht genug bekommen von der Vogelperspektive auf das rappelvolle Auditorium.

Den wahren Hingucker aber lieferte ihnen Leos Carax, der streitbare Maverick des französischen Autorenfilms, als die Lichter wieder angingen. Inmitten des stehend applaudierenden Publikums gönnte er sich eine Zigarette, um sie dann lässig an Hauptdarsteller Adam Driver weiterzureichen.

Mit seinem Musical „Annette“ hatte er Cannes-Programmchef Thierry Frémaux die wohl begehrteste Rarität im internationalen Festivalgeschäft beschert – den perfekten Eröffnungsfilm: Großes Kino in jedem Augenblick, trunken vom Erbe des alten Hollywood und seinem schwelgerischen Leinwandzauber. Aber zugleich doch allergisch gegen Zuckersoße: Die ungleiche Liebesgeschichte eines für seinen Sarkasmus gefeierten Komikers (Adam Driver) und einer ätherisch-engelhaften Chanteuse (Marion Cotillard) schmeckt eher wie Schokolade, die man mit Pfeffer bestreut hat.

Erzählt in originalen Songs der britischen Glam-Rock-Veteranen vom Duo Sparks, kommt das Drama erst nach dem tragischen Tod der Heldin in Fahrt: Die gemeinsame Tochter erweist sich als Wunderbaby, in dem nicht nur das Gesangstalent, sondern auch der ruhelose Rachegeist der Mutter fortlebt. Dargestellt von Handpuppen und Marionetten, ist diese Figur ideal für Carax’ ebenso verführerischen wie stacheligen Anti-Naturalismus.

Unterstützt von der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen, wo auch Teile des in Los Angeles spielenden Films gedreht wurden, ist „Annette“ das Produkt jahrelanger Vorbereitung. Schon 1999 erzählte Carax uns in einem seiner seltenen Interviews vom Plan einer Hommage an King Vidors Stummfilm „Ein Mensch der Masse“, die erst jetzt tatsächlich in diesen Film eingewoben ist. Einen solchen Liebesfilm wolle er machen, der erst nach dem Endetitel anfängt, wenn sich das Liebespaar gefunden hat.

Damals fühlte sich Carax in seiner Heimat allerdings völlig unverstanden: „Je weiter man von zu Hause weggeht, desto geringer sind die falschen Erwartungen. Dort nimmt man die Filme als ein Rätsel, das man entschlüsseln muss. Im eigenen Land bezahlen die Leute und glauben, der Film gehöre nun ihnen und sie hätten das Recht, etwas Bestimmtes davon zu erwarten. Sie erwarten, dass man Ihnen erklärt, mit welcher Art Wirklichkeit sie es zu tun haben, und das tun meine Filme nun einmal nicht. Deshalb, glaube ich, laufen sie in Frankreich so schlecht.“ Dieser Triumph von Cannes war nun so etwas wie eine späte Aufnahme ins Allerheiligste der französischen Filmkultur.

Umso fester mag sich ein anderer im Sattel der hiesigen Filmindustrie fühlen: Der 53-jährige François Ozon kann es an Produktivität mit seinem Idol Rainer Werner Fassbinder aufnehmen. Erst diese Woche feiert sein vorletzter Film, die schwule Coming-of-Age-Geschichte „Sommer 85“ seinen deutschen Kinostart. Immer leichtgängiger gelingen Ozon gerade seine realistischen Stoffe. „Tout s’est bien passé“ („Everything Went Fine“) wäre als verfilmte Fallstudie über selbstbestimmtes Sterben leicht zum Lehrstück verkommen.

Tatsächlich nähert sich Ozon den Erinnerungen der Tochter eines Mannes, der nicht mehr leben will, mit bezwingender Lebendigkeit. Sophie Marceau gelingt in der weiblichen Hauptrolle die vielleicht reifste Leistung ihrer Karriere. Die Komplexität der Konflikte müsste ihre Rolle eigentlich bleischwer machen: Trotz einer traumatischen Kindheit stellt sie sich dem Sterbewunsch des Vaters erst entgegen, um ihn dann doch aus Liebe erfüllen zu wollen. Doch wie soll sie sich verhalten, als er trotz erklärter Absicht sein Leben wieder zu genießen scheint? Es ist ein kleiner Film, der kaum nach einer Goldenen Palme greift, aber alles, was er sich vornimmt, prächtig erfüllt.

Und noch eine dritte Sorte Kino, für die Cannes einmal berühmt war, hat der erste Festivaltag zu bieten: Das agitative Politidrama in der Tradition des frühen Godard. Der israelische Beitrag „Ha’Berech“ („Ahed’s Knee“) von Nadav Lapid ist eine messerscharfe Abrechnung mit der Realität politischer Zensur in der Kulturpolitik. Der Choreograf Avshalom Pollak spielt die Hauptrolle eines Regisseurs, der in einem kleinen isrealischen Wüstenort einen Film zeigen soll. Vor Ort soll er eine Erklärung unterschreiben, dass dabei nur bestimmte staatstragende Themen Erwähnung finden. Lapid verarbeitet hier ein Erlebnis aus dem Jahr 2018; tatsächlich übt das Kulturministerium auf diese Weise Zensur aus.

Der Gewinner des Goldenen Berlinale-Bären 2019 für „Synonymes“ inszeniert den eskalierenden Streit des Regisseurs mit der örtlichen Bibliotheksleiterin als verbalen Kriegsfilm, als Choreografie der Worte. Gleichermaßen konkret wie metaphorisch gelingt ihm dabei eine erstaunliche Allgemeingültigkeit: Ohne die Realität der politischen Situation in Israel aus den Augen zu verlieren, lässt sich sein Film auch auf die bedrohten Demokratien etwa in Ungarn oder Tschechien übertragen. Das einzig Versöhnliche daran ist der Abspann: Solange der israelische Film Fund ein derart kritisches Werk fördert, ist der Kampf noch nicht verloren.

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