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Talkrunde bei Anne Will.

ARD und ZDF: Talkshows am Sonntag

Anne Will und Maybrit Illner zu Corona: Aufhebung des Stillstands nach Ostern gefordert

Die Talkshows am Sonntag diskutierten über den Ausstieg aus dem Shutdown und die Nutzung von Handydaten zur Eindämmung der Pandemie.

  • Am Sonntag senden ARD und ZDF parallel eine Talkshow.
  • Anne Will und Maybrit Illner lassen über Corona diskutieren.
  • Diskussionen waren sehr ähnlich. 

Jetzt senden sie schon parallel: Anne Will begann um 22 Uhr ihre Talkshow zur Entwicklung der Krise, Maybrit Illner folgte mit einer Spezialausgabe einige Minuten später. Und in beiden Sendungen ähnelten sich die Themen der Diskussion. Zum einen ging es um den Mangel an Geräten, Masken und Schutzkleidung, zum anderen um die Folgen für die Wirtschaft und den Zeitpunkt einer Lockerung der Ausgangsbeschränkungen. Und da war Carsten Linnemann jüngst vorgeprescht. Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende und Chef der Mittelstands- und Wirtschaftsunion der CDU/CSU hatte ein Wiederanfahren der Wirtschaft nach Ostern gefordert, denn „vier, fünf Monate“ könne man den Stillstand nicht durchhalten. Damit war das Thema im Lande und nicht mehr kleinzuhalten – obwohl es weder von der Bundesregierung noch von den Virologen Signale für Entwarnung gegeben hatte, sondern die Fachleute im Gegenteil immer wieder darauf hingewiesen hatten, dass wir erst am Anfang der Ausbreitung der Pandemie in Deutschland stünden.

ARD und ZDF: Ende der Corona-Krise nicht in Sicht

Das taten sie auch jetzt wieder: Wirtschaftsminister Peter Altmaier erklärte bei Anne Will, es sei „falsch, wenn wir sagen: Wir werden dann und dann die Maßnahmen lockern.“ Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) warnte davor, jetzt „falsche Signale in die Welt zu setzen“. Beide Politiker bekamen Unterstützung vom Epidemiologen Gérard Krause: Man könne noch keine Kriterien oder Zeitpläne festlegen. Das entscheidende Kriterium sei, wie stark das Gesundheitssystem belastet werde. Es gehe weniger um Verdoppelung der Fallzahlen als um die Zahlen der schwer Erkrankten. „Die Epidemie ist noch nicht so richtig bei der älteren Bevölkerung angekommen“, so Krause. Wir müssten uns darauf einstellen, „dass es noch schlimmer wird“ und dass die Versorgungskapazität in der intensivmedizinischen Betreuung an ihre Grenzen komme.

Sahra Wagenknecht bei Maybrit Illner im ZDF

Dass die Gefahr besteht, machte Susanne Johna deutlich, die Vorsitzende des Marburger Bundes ist derzeit als Expertin in Talkshows ebenfalls gefragt, und sie erklärte unmissverständlich, ihre größte Sorge sei: „Können wir das Personal gesund halten?“ Denn es gebe nicht genügend Schutzkleidung, und sie wünsche sich von der deutschen Industrie, die sollte in die Produktion dieser Kleidung einsteigen. Ähnlich wies Sahra Wagenknecht von der Linken bei Maybrit Illner auf diesen Mangel hin, dessen Beseitigung Vorrang haben müsse, wie es bei Illners Sendung am vergangenen Donnerstag auch die Krankenschwester Yvonne Falckner gefordert hatte.

Die verständliche Sorge um die Folgen für die großen wie kleinen Unternehmen im Lande dürfe nicht zur falschen Debatte führen: Retten wir die Wirtschaft oder die Gesundheit, mahnte Clemens Fuest, der Präsident des Ifo-Instituts. Er verwies auf die gesellschaftlichen Folgen, wenn viele Existenzen bedroht oder zerstört würden und plädierte dafür, die „Exit“-Strategien „im Hintergrund“ zu entwickeln. Altmaiers Kollege Olaf Scholz (SPD) wies bei Illner darauf hin, mit den Entscheidungen über Soforthilfe und dem Schutzschirm könne man länger durchhalten als geplant (auch wenn sich in der Diskussion herausstellte, dass es bei der Zuteilung der finanziellen Hilfen hier und da noch ziemlich knirscht).

Olaf Scholz bei Maybrit Illner im ZDF

Gesundheitsminister Jens Spahn hatte für die nähere Zukunft das Modell von Bremsen und Beschleunigen ins Spiel gebracht, und Fuest fand es unvermeidlich, dass nach einer auch nur partiellen Öffnung die Epidemie zurückkomme. Gérard Krause sprach sich dafür aus, später dann „sachte Maßnahmen“ der Lockerung zu erwägen und bei einem lokal erkennbaren Ausbruch dort erneut massive Beschränkungen einzuführen. Susanne Johna fand es generell zu früh, auf Wirkungen und Nebenwirkungen zu achten. Sie wollte mehr Tests. Auch Antikörper-Tests, die feststellen, ob jemand immun ist, „würden uns irre viel bringen“.

Bei der Verwendung von Tests gilt Südkorea ja als vorbildlich. Aber dieser Staat ist viel autoritärer strukturiert als Deutschland (was in der aktuellen Debatte gerne außer Acht gelassen wird). So wird dort eine Handy-App genutzt, um anhand von Bewegungsprofilen festzustellen, wer mit welchem Infizierten in Kontakt gekommen ist. Bei Maybrit Illner sprach sich VDMA-Vizepräsident Karl Haeusgen, der für sein Hydraulik-Unternehmen auch in China produzieren lässt, entschieden für die Nutzung der Kontrolle per Handy aus. Auch Gabriel Felbermayr, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, sah in der Erhebung von Daten per Tests und App ein Heilmittel. Die Politiker waren zögerlich und nicht eindeutig in ihren Urteilen: Altmaier äußerte bei Anne Will „Verständnis“ und wollte die Einführung „nicht völlig ausschließen“, während Olaf Scholz bei Illner von einer „Plattform“ sprach, an der möglichst viele „freiwillig“ teilnehmen sollten. Sahra Wagenknecht warnte: Was einmal gespeichert sei, bleibe gespeichert, und selbst Journalist Gabor Steingart, eher im konservativen Spektrum zuhause, war skeptisch. Man habe ja noch nicht einmal das Wichtigste hinbekommen sagte er mit Hinweis auf die fehlenden Schutzmasken.

Handy-Ortung wegen Corona „nicht verhältnismäßig“

Die überzeugendsten Argumente gegen die Handy-Ortung allerdings lieferte der Epidemiologe: Gérard Krause urteilte, die Benutzung der App sei nicht nur verängstigend, die physische Nähe sei allein gar nicht ausschlaggebend. Deshalb fand er es nicht verhältnismäßig, wenn für diese Maßnahme „die Bürgerrechte zur Disposition gestellt“ würden.

Anne Will, ARD, von Sonntag, 29. März, 22 Uhr

Im Netz: https://daserste.ndr.de/annewill/Der-Corona-Ausnahmezustand-wie-geht-es-weiter-in-Deutschland,annewill6474.html

Maybrit Illner, ZDF, von Sonntag, 29. März, 22.20 Uhr

Im Netz: https://www.zdf.de/politik/maybrit-illner/maybrit-illner-corona-spezial-vom-29-maerz-2020-100.html

Corona-Talk bei Maybrit Illner: Christian Lindner offenbart mal wieder seine Ignoranz. Auch eine Woche später wurde bei Illner über Corna geredet. Diese smal ging es um die Lockerung der Maßnahmen.

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