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Anne Will (ARD): Ukrainische Publizistin mit emotionalem Appell – Im „Winter keine Ukraine mehr“

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Von: Michael Meyns

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Publizistin Marina Weisband bei Anne Will (ARD): Auf Social Media berichtet sie von ihren Angehörigen in der Ukraine.
Publizistin Marina Weisband bei Anne Will (ARD): Auf Social Media berichtet sie von ihren Angehörigen in der Ukraine. © IMAGO/Jürgen Heinrich

Bei Anne Will im ARD-Talk geht es erneut um den Ukraine-Krieg. Eine ukrainische Publizistin wirft der Bundesrepublik vor, zu wenig zu tun.

Berlin – Seit fast vier Wochen herrscht Krieg in der Ukraine, zehn Millionen Menschen sind auf der Flucht, so viele wie nie in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. „Putins Angriff – Krieg ohne Ende?“, war dementsprechend das Thema bei Anne Will am Sonntagabend in der ARD.

„Was kann man tun“, fragen sich Menschen in aller Welt, vor allem auch die Politiker des Landes, „um den Krieg in der Ukraine möglichst bald zu beenden?“ Zumindest im Bundestag diskutieren wäre eine Idee gewesen. Doch nachdem sich am Donnerstag der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj mit einer Videobotschaft an den Bundestag gewandt hatte, leitete Bundestagspräsidentin Katrin Göring-Eckart sofort zur Tagesordnung über, was Christine Lambrecht (SPD), Bundesministerin für Verteidigung, inzwischen als Fehler ansieht. Bei Anne Will in der ARD stimmten auch die Gäste der anderen Parteien in bemerkenswerter Einigkeit zu, vom FDP-Politiker Alexander Graf Lambsdorff bis zum CDU-Mitglied Christoph Heusgen, Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz.

Ukraine-Krieg bei Anne Will (ARD): Kann man mehr tun als Reden, Solidarität versprechen und Putin verdammen?

Stefanie Babst, Principal & Global Policy Advisor, Brooch Associates und langjährige Nato-Strategin meinte, dass der Ukraine-Konflikt nicht so bald beendet werden kann. Wladimir Putin werde nicht zurückrudern, sondern versuchen, Gebiete in der Ukraine als Pufferzone zu etablieren und vor allem zu verhindern, dass die Ukraine in absehbarer Zeit NATO-Mitglied wird. Emotionaler wurde bei Anne Will in der ARD mit Marina Weisband, deutsch-ukrainische Publizistin, die in den sozialen Medien über ihre in der Ukraine lebenden Verwandten berichtet. Sie warf der Bundesrepublik vor, nicht genug zu tun, mit dem Kauf von Gas und Öl aus Russland im Gegenteil sogar dazu beizutragen, den Krieg zu finanzieren.

Ob ein sofortiger Import-Stopp allerdings am Kriegsverlauf etwas ändern würde, ist die Frage, die Christine Lambrecht bejahte: Die Sanktionen wirken zwar langsam, aber sie wirken. Die Folgen seien in Russland immer stärker zu spüren, der Druck auf Putin wächst. Graf Lambsdorff gab allerdings zu bedenken, dass Putin in seinem Auftritt vor Zehntausenden keineswegs den Anschein erweckte, von seinen Zielen abzuweichen.

Die 100 Milliarden Euro, mit der Bundeskanzler Olaf Scholz die Bundeswehr aufrüsten will, sorgt fraglos bei den globalen Rüstungskonzernen für Begeisterung, könnte aber auch die Position Deutschlands in den internationalen Organisationen stärken. Ob das allerdings den Menschen in der Ukraine helfen würde, ist eine andere Frage, doch wie Christoph Heusgen betonte: Deutschland muss Verantwortung übernehmen, zumal es wie kaum ein anderes Land vom internationalen Handel abhängig ist. - Und von billiger Energie, die nun mal nicht zuletzt aus Russland kommt.

Ukraine-Krieg bei Anne Will (ARD): Wo liegt die rote Linie des Westens?

Wie es zu dieser Abhängigkeit kommen konnte, versuchte Heusgen bei Anne Will in der ARD mit der deutschen Geschichte zu erklären, dem Versuch, ein gutes Verhältnis zur Sowjetunion und nach 1990 zu Russland aufzubauen, ein Versuch, der nun als gescheitert gilt. Und so wird weiter geredet, abgewogen, ausgeschlossen, dass die NATO in den Konflikt eingreift.

Anne Will zum Ukraine-Krieg: Das waren die Gäste
Christine Lambrecht (SPD)Bundesministerin für Verteidigung
Alexander Graf Lambsdorff (FDP)stv. Vorsitzender der FDP-Fraktion, Außen-, Sicherheits-, Europa- und Entwicklungspolitiker
Stefanie BabstPrincipal & Global Policy Advisor, Brooch Associates und ehemalige Nato-Strategin
Marina Weisbanddeutsch-ukrainische Publizistin
Christoph HeusgenVorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz

Wenn nicht bald etwas passiert, könnte es im nächsten Winter keine Ukraine mehr geben, meinte Marina Weisband dagegen. Doch gibt es wirklich keine roten Linien? Was wird passieren, wenn russische Truppen in Odessa oder dem nahe an der Grenze zu Polen und damit dem NATO-Raum gelegene Lwiw einmarschieren? Was, wenn der massive Widerstand der Ukraine zu noch extremerer Gewalt vonseiten Russlands führt?

„Die rote Linie der NATO ist das NATO-Gebiet“, betonte Graf Lambsdorff, doch das hilft der Ukraine im Moment natürlich in keiner Weise. Am Ende der Diskussion bei Anne Will (ARD) blieb somit die Erkenntnis, die sich seit Beginn des Ukraine-Kriegs zeigt: Putin hat mit seinem Angriffs-Krieg den Westen in eine Lage gebracht, in der kaum eine Möglichkeit zum Handeln bleibt. Bis auf dezente Waffenlieferungen und Geheimdienstinformationen ist nicht viel möglich, die Ukraine retten können nur die Ukrainer selbst. (Michael Meyns)

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