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Klingbeil drückt sich bei „Anne Will“ vor Russland-Embargo

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Von: Daland Segler

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Lars Klingbeil bei Anne Will
Lars Klingbeil bei „Anne Will“ am Sonntagabend (03.04.2022). © Jürgen Heinrich/Imago Images

Bei Anne Will (ARD) diskutieren die Gäste um die Kriegsverbrechen in der Ukraine und den Streit um russisches Öl und Gas. Soll Deutschland den Import stoppen?

Berlin – Die Sendung von Anne Will (ARD) stand unter dem Eindruck der schrecklichen Bilder aus dem ukrainischen Dorf Butscha, wo Putins Mörder unschuldige Zivilisten niedergemetzelt hatten. Und auch deshalb stand die Diskussion im Zeichen einer Kontroverse zwischen der sich aus Entsetzen und Empörung speisenden Forderung nach rascher Reaktion des Westens und der eher auf Weitsicht und vorsichtig abwägendes Handeln setzenden Politik der Bundesregierung.

Die nahm in Gestalt von Lars Klingbeil eine Rationalität des Blicks auf das Große Ganze für sich in Anspruch, die sie abgrenzte gegen die vermeintliche Emotionalität etwa der Ungeduld von Marieluise Beck. Die ehemalige grüne Staatssekretärin, bis vor kurzem noch in Kiew, plädierte entschieden für rasche und wirksame Hilfe für die Ukraine wie eine Flugverbotszone, mehr Waffenlieferungen und ein sofort wirksames Embargo, „um Putins Kriegskasse nicht mehr zu füllen“.

Beck kritisiert Ampel bei „Anne Will“ (ARD) – Deutschland tue zu wenig

Und natürlich fragte Anne Will den SPD-Chef, welche Argumente denn gegen ein Embargo sprächen. Der aber wand sich mehr schlecht als recht heraus und bezweifelte, dass der sofortige Stopp von Öl- und Gaslieferungen den Krieg beende. Was die Bundesregierung tue, übe Druck auf Putin aus; man drehe Russland jeden Tag den Gashahn mehr zu.

TV-Talk mit Anne Will am Sonntag, 03.04.2022.
TV-Talk mit Anne Will am Sonntag, 03.04.2022. (Screenshot) © ARD

Becks Verdikt, das sei alles zu spät und zu wenig, denn die Ukraine befinde sich im Wettlauf mit der Zeit, wurde von Robin Alexander noch nachgeschärft. Der als zuverlässiger Kritiker der Ampelkoalition bei Markus Lanz bekannte Journalist verwies in der ARD darauf, dass Deutschlands Verbündete mehr täten. Auch seien die Sanktionen nicht gegen Putins Machtapparat gerichtet und müssten ohnehin richtigerweise nicht peu à peu, sondern auf ein Mal in Kraft treten. Seine Kritik an den deutschen Waffenlieferungen („wir reden über altes Zeug von der NVA“) weckten ebenfalls Zweifel an Klingbeils Beteuerungen. „Putin“, so Alexander, „hätte schon gewonnen, wenn die Ukraine allein auf deutsche Waffen angewiesen wäre.“

„Anne Will“ (ARD): Wirtschaftsweise Grimm positioniert sich zu Embargo

Heftiger als dieser Sarkasmus dürften dem SPD-Oberen aber die Ausführungen der Wirtschaftsweisen Veronika Grimm in den Ohren geklungen haben. Ihre Zunft war ja von Kanzler Scholz bei Anne Will letztens als Rechenkünstler abgewatscht worden. Nun aber legte die Expertin dar, warum ein Embargo eben doch wirksam wäre.

„Anne Will“ (ARD) – Sendung vom 03.04.2022Die Gäste der Sendung
Lars KlingbeilSPD-Parteivorsitzender
Markus SöderCSU-Parteivorsitzender und Ministerpräsident von Bayern
Veronika GrimmWirtschaftswissenschaftlerin
Marieluise BeckBündnis 90/Die Grünen, Zentrum Liberale Moderne
Robin AlexanderStellvertretender Chefredakteur der Welt

Zwar sei ein Rückgang der Wirtschaftskraft zu erwarten und Hilfen nötig wie auch Kurzarbeit einzukalkulieren. Die derzeit verfolgte Linie aber käme einer Aufforderung an Putin gleich, einfach weiterzumachen. Es seien doch auch Zwischenschritte wie Importzölle oder ein Embargo nur auf Öl möglich. Es gehe schließlich um langfristige Sicherheit für Europa. Marieluise Beck stützte das mit dem Verweis auf die westlichen Nachbarn Russlands wie Polen, Moldawien und das Baltikum. Die seien schon jetzt „bestürzt“ und „die Hälfte Europas“ frage sich: „Was ist mit den Deutschen los?“, wusste Alexander – woher auch immer.

Beck bei „Anne Will (ARD): Es braucht einen „kurzen harten Schnitt“

Dagegen verfing Klingbeils Argument nicht, Russland werde „langfristig wahnsinnig hart getroffen“, und seine Warnung, bei einer Wirtschaftskrise könnten Unternehmen nach China abwandern, wirkte etwas spekulativ. Es brauche einen „kurzen harten Schnitt“, befand Marieluise Beck, sonst werde in zwei, drei Jahren nichts mehr von der Ukraine übrig sein. In einem Zeitraum von drei Jahren, so Grimm, könnten Russland und China sich neu sortieren. Denn nach der vielzitierten Zeitenwende werde sich die Weltordnung von einer regel- zu einer machtbasierten geändert haben.

Zur Sendung

Anne Will, Das Erste, von Sonntag, 3. April, 22 Uhr. Die Sendung im Netz.

Es war auch ein Experte für machtbasierte Ordnung bei Anne Will (ARD) zugeschaltet, Bayerns Ministerpräsident und CSU-Chef Markus Söder. Der hatte zunächst einen gewohnt markigen Spruch auf Lager: Russland habe sich mit den Morden von Butscha aus dem Kreis der zivilisierten Nationen verabschiedet, um später mit der Forderung zu glänzen, es müsse „alles auf den Tisch“ kommen und noch einmal Reklame für die Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke zu machen – wobei ihm Veronika Grimm übrigens zustimmte. Sie schlug vor einen „Aktionsplan Energieeffizienz“ zu machen, mit vielen kleinen Schritten, auch – Achtung: dem Tempolimit...

Da wäre nun wieder die Entscheidung durch Kanzler Scholz gefragt, der diese überfällige Maßnahme noch immer nicht durchgesetzt hat, obwohl er ja explizit Führung beansprucht. Aber ein kluger Kopf namens Kurt Tucholsky schrieb schon vor ziemlich genau 90 Jahren: „Was einer recht auffällig ins Schaufenster legt, das führt er gar nicht.“ (Daland Segler)

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