Über die US-Proteste gegen Rassismus diskutieren Norbert Röttgen, Cem Özdemir, Alice Hasters, Christoph von Marschall, Samira El Ouassil und Stefan Simons.
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Über die US-Proteste gegen Rassismus diskutieren Norbert Röttgen, Cem Özdemir, Alice Hasters, Christoph von Marschall, Samira El Ouassil und Stefan Simons.

Anne Will, ARD

Özdemir: „Die Weißen müssen ihren Rassismus aufarbeiten“

  • Daland Segler
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Anne Will nimmt bei ihrer Talkshow über die Proteste gegen US-Präsident Trump die falsche Gewichtung vor.

  • Thema der Sendung sind die US-Proteste gegen Rassismus
  • Gäste bei Anne Will sind  Norbert Röttgen, Cem Özdemir, Alice Hasters, Christoph von Marschall, Samira El Ouassil und Stefan Simons
  • Es geht um die USA - ein Blick nach Deutschland hätte nicht geschadet

Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus – wie viel Verantwortung trägt Präsident Donald Trump für die Eskalation?“ lautete das Thema bei Anne Will am Sonntagabend. Mal ganz ehrlich: Interessiert es jemanden, ob Trump fünf oder fünfzig Gramm? (Kilo?) „Verantwortung trägt“? Inzwischen weiß hier jeder halbwegs aufgeklärte Mensch, dass Donald Trump ein notorischer Lügner, Hetzer und Rassist ist. Dass er sein Land spaltet, wie ihm selbst sein Ex-Verteidigungsminister James Mattis jüngst bescheinigte. Dass ihn nichts und niemand kümmert außer sein Ego, und dass er dafür über Leichen zu gehen bereit ist.

Bei Anne Will nichts Neues zu Donald Trump

Im Deutschen Fernsehen wird über den US-amerikanischen Präsidenten debattiert. Gab es neue Erkenntnisse? Kaum. „Er schlägt um sich“, wusste Norbert Röttgen, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag. Haben wir uns auch schon irgendwie gedacht. Er „hat eigentlich nicht die Mehrheit der Wähler“, sagte Christoph von Marschall vom Berliner "Tagesspiegel". Ist bekannt. Dass er der „Anti-Präsident der Unvereinigten Staaten“ ist, war immerhin ein hübsches Bonmot von Spiegel-Kolumnistin Samira El Ouassil.

Sie versuchte, Entstehung und Geschichte des Rassismus in den USA zu skizzieren und kam damit dem angemessenen Thema schon näher, das Autorin Alice Hasters („Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen — aber wissen sollten“) dann konkreter fasste. Sie war die einzige Vertreterin der People of colour in dieser Runde. Sie glaubt, dass die Bewegung „Black Lives Matter“ das Zeug zu echter Veränderung habe, weil die Aufmerksamkeit weltweit und damit viel größer als zuvor sei.

Anne Will mit dem gleichen Fehler wie Sandra Maischberger

Die Bewegung sei 2016 auch schon groß gewesen, aber es habe „Entgleisungen“ gegeben, erklärte von Marschall, und die seien letztlich für Trumps Sieg verantwortlich gewesen, eine abenteuerliche Deutung – als ob es nicht auch damals schon Hetze von Rechtsaußen (wie etwa dem Sender Fox News) gegeben hätte. Und passend dazu stellte auch der Einspieler zu Beginn der Sendung die friedlichen Proteste und einige Plünderungen in nahezu gleichem Verhältnis dar – ein schlimmer Fauxpas der Redaktion. Ähnlich hatte es auch Sandra Maischberger bei ihrer unsäglichen letzten Moderation getan. Seriöser Journalismus sieht anders aus.

Der kam dann von Stefan Simons, Korrespondent der Deutschen Welle, live zugeschaltet aus Washington D.C.. Bei seiner Arbeit selbst von Polizisten beschossen, schilderte er die Militarisierung der US-Polizei, und konnte nun tatsächlich Trumps Verantwortung für die zunehmende Polizeigewalt belegen. Allein in einer Woche habe es 279 Überfälle von Uniformträgern auf Journalisten gegeben. Zutreffend sei der Satz, Rassismus werde nicht schlimmer, er werde inzwischen aber gefilmt. Die Ermordung von George Floyd (vor laufenden Kameras) habe viel Wut erzeugt. Alice Hasters bekräftigte: Würde Trump im November wieder gewählt, dürften viele AfroamerikanerInnen das als Signal verstehen, dass ihr Leben eben nicht zähle. Ein Einspieler bestätigte: Es werden mehr als doppelt so viele Schwarze von Polizisten getötet wie Weiße.

Cem Özdemir bringt die Problematik auf den Punkt

Christoph von Marschall demonstrierte dann den typisch ignoranten weißen Blickwinkel: Es gebe doch im schwarzen Milieu auch „wesentlich mehr Kriminalität“ – musste sich aber von Alice Hasters belehren lassen, dass die eben eine Folge von Rassismus und den benachteiligten Lebensverhältnissen sei. Versuche, sich aus der Lage zu befreien, würden immer wieder zerstört. Grünen-Politiker Cem Özdemir brachte es auf den Punkt: Es sei eben kein schwarzes Problem, sondern ein weißes: „Die Weißen müssen ihren Rassismus aufarbeiten“.

Damit war auch endlich die Verbindung geknüpft zu dem Thema, das wichtiger für die bundesdeutsche Gesellschaft ist (und das die Sendung hätte eher verhandeln sollen). „Darüber zu diskutieren, wann es vorbei sein wird, und nicht, ob das Problem überhaupt existiert – das wäre eine deutsche Rassismusdebatte. Eine, die diesen Namen verdient.“ hatte der Journalist Christoph Bangel jüngst bei „Zeit online“ geschrieben. Und selbst Kanzlerin Angela Merkel hatte mit Bezug auf den grassierenden Rassismus gesagt: „Wir haben „alle Hände voll zu tun“.

Anne Will: Die Redaktion setzt die falschen Schwerpunkte

Das hätte die Redaktion von Anne Will vielleicht beherzigen sollen, statt den Großteil der Sendung einem Möchtegern-Diktator zu widmen. Denn Anlässe gibt es mehr als genug. Es gebe so ein „weißes Grundrauschen“ formulierte Samira El Ouassil und erinnerte an die Morde von Halle und Hanau, erwähnte aber auch eine MDR-Talkshow, bei der Weiße darüber diskutiert hätten, ob man das „N-Wort“ benutzen dürfe. Dabei sei das so schlimm, wie wenn man Frauen mit dem Wort belege, das mit F anfängt, sich aber auf „Kotze“ reimt...

Auch CDU-Mann Norbert Röttgen bestätigte: „Wir haben Rassismus“, und das seien mitnichten Einzelfälle. Aber er wollte dann doch unbedingt einen Unterschied zu den USA sehen. Hier gebe es einen breiten Konsens, und „wir haben den Willen, Fortschritte zu erzielen“: Das Wort zum Sonntagabend. Denn Alice Hasters sah sehr wohl ein institutionelles System von Rassismus bei der Polizei und verwies auf unbefriedigend aufgeklärte Fälle. Samira El Ouassil erinnerte an den Fall von Oury Jalloh, der sich in einer Zelle gefesselt, ohne Feuerzeug und auf einer feuersicheren Matratze selbst angezündet haben soll – ein Polizeiskandal, der seit Jahren vergeblich nach Aufklärung geradezu schreit.

Und für die in jüngster Zeit bekannt gewordenen Fälle von Rechtsextremen bei Polizei und Bundeswehr bot die Journalistin die nahe liegende Erklärung, dass bestimmte Milieus von autoritären Strukturen eben angezogen würden. Den von Röttgen beschworenen Konsens, so Özdemir, gab es nicht bei den Brandanschlägen 1992 in Rostock Lichtenhagen, den gebe es erst seit dem Mord an Walter Lübcke: „Dieser Konsens wurde mit Blut geschrieben.“ (Von Daland Segler)*fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Redaktionsnetzwerks

Er unterbricht permanent, er hört nicht zu, er ignoriert Argumente. Hauptsache, er hat recht (hat er aber oft nicht): Markus Lanz.

Eine Reportage in der ARD belegt: Rechtsradikale Attentäter* stehen nicht so allein, wie von den Behörden oftmals angenommen. Oft gehören sie zu einer ganzen Szene. Und sie sind eine Gefahr für uns alle. Die TV-Kritik.

Zur Sendung „Anne Will“

Anne Will, ARD, von Sonntag, 7. Juni, 21.45 Uhr. Zur Sendung in der Mediathek.

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