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Panzerfrage bei Anne Will: „Die Kommunikation des Kanzlers ist verheerend“

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Von: Daland Segler

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Verteidigungsminister Boris Pistorius bei Anne Will.
Verteidigungsminister Boris Pistorius bei Anne Will. © Screenshot ARD

Auch Anne Will widmete sich der aktuellen Gretchenfrage der deutschen Politik: Wie sieht es mit den Panzerlieferungen für die Ukraine aus? Eine TV-Kritik.

Hamburg – Jan Böhmermann ist nicht als Verschwörungstheoretiker bekannt, im Gegenteil, er nimmt die Schwurbler gerne satirisch auf die Hörner. Wenn aber Böhmermann nun twittert: „Was weiß Putin über Olaf Scholz, das wir nicht wissen?“, dann muss man sich nicht in schlechter Gesellschaft wähnen, falls man einen ähnlichen Verdacht hat. Denn Misstrauen gegenüber einem Mann, der sich je nach Bedarf nicht oder doch erinnern kann an ein Gespräch mit Hamburger Bankern, ist nicht ehrenrührig. Und so liegen Zweifel nahe an Scholz‘ Begründung, warum er sich sträubt, Kampfpanzer an die Ukraine zu liefern. Es muss also auch nicht die Furcht sein, der Kreml-Herrscher könnte eine derartige weitere Unterstützung der Ukraine zum Anlass nehmen, Deutschland zur Kriegspartei zu erklären. Das sind wir ohnehin längst – wie auch alle Verbündeten.

Pistorius bei Anne Will mit ausweichenden Antworten

„Bedingt abwehrbereit – schafft Deutschland so die Zeitenwende?“, lautete das Thema bei Anne Will in der ARD diesmal, und sie konnte gleich mit dem Mann der Stunde als Gast aufwarten, dem neuen Verteidigungsminister Boris Pistorius. Der führte sich mit einem etwas auffällig platzierten Beleg seiner neu erworbenen Kompetenz ein, indem er erklärte, der Prüfauftrag für die Panzer-Bestände umfasse ja auch die „Interoperabilität“ der Systeme. 

Anne Will (Das Erste)Die Gäste der Sendung vom 22. Januar
Boris Pistorius(SPD), Bundesminister der Verteidigung (zugeschaltet)
Lars Klingbeil(SPD), Parteivorsitzender
Roderich Kiesewetter(CDU), MdB und Oberst a.D.
Sönke NeitzelMilitärhistoriker und Professor für Militärgeschichte 
Nicole DeitelhoffPolitikwissenschaftlerin, Friedens- und Konfliktforscherin

Auf die aktuelle Gretchenfrage der deutschen Politik, „Wie hältst Du‘s mit der Lieferung der Leoparden?“ hatte er trotzdem nur bekannte oder ausweichende Antworten, also: Es gehe um abgestimmtes Handeln, die Meinungen der europäischen Partner gingen auseinander, und Deutschland stehe schon an der Spitze der Ukraine-Unterstützer. Von dem im Spiegel berichteten Knatsch mit dem Kollegen aus den USA habe er „nichts gehört“. Nicht einmal seine persönliche Meinung zur Leopard-Lieferung wollte Pistorius verraten, nur soviel: Es sei völlig klar, das die Ukraine Offensiv-Kräfte brauche. Immerhin.

Lars Klingbeil bei Anne Will: „Wahnsinnig emotionale Debatte“

Was die Frage, warum denn der Kanzler noch zögere, um so drängender erscheinen lässt. Doch auch Scholz‘ Genosse Lars Klingbeil sang anschließend bei Anne Will das gleiche Lied – Inhalt siehe oben – und beklagte die „wahnsinnig emotionale Debatte“. Die habe sich „hochgejazzt, bestätigte Sönke Neitzel, als Folge des Zögerns und Zauderns. Und der Militärhistoriker fragte gleichfalls, was es nach fast einem Jahr Krieg denn noch abzuwägen gebe. Das hätte man vorher tun können. Er sei des Geredes (wie zuvor beim Treffen von Scholz und Macron bei der Feier im Elysee Palast) müde: „hanebüchen“. 

Talkrunde bei Anne Will im Ersten.
Talkrunde bei Anne Will im Ersten. © Screenshot ARD

Vielleicht aber werden Neitzel und die zahlreichen anderen Kritiker des Scholz-Kurses ja bald erlöst. Nicole Deitelhoff jedenfalls hat in der Debatte „noch kein Nein gehört“. Sie spekulierte auf die Münchener Sicherheitskonferenz als Ort und Datum der Verkündung. Und Moderatorin Will verwies auf die neueste Nachricht, derzufolge Annalena Baerbock äußerte, Deutschland würde die Lieferung von Leoparden aus anderen Mitgliedsstaaten nicht länger blockieren. Bewegung also in der „Leopard-Nation“ (Pistorius zuvor bei Anne Will) ?

Militärhistoriker Neitzel bei Anne Will: Es passiert nichts

Klingbeil war sichtlich erleichtert, aus der Defensive herauszukommen und bestätigte: „Die Abstimmungsprozesse laufen gerade“. Und niemand fragte ihn, warum erst jetzt? Aber Neitzel legte nach; von Anne Will lange nicht unterbrochen, zerpflückte er die Argumente des Kanzlers, etwa die Furcht, Kriegspartei zu werden oder die Angst vor einer Eskalation bis hin zum Atomkrieg: „Das glaubt doch kein Mensch!“ Auch die Umfragen, derzufolge die Befürworter einer Panzer-Lieferung nur drei Prozentpunkte mehr verzeichnen (46) als die Gegner, relativierte der Wissenschaftler mit Hinweis auf die Notwendigkeit militärisch definierter Entscheidungen.

Zur Sendung

Anne Will (Das Erste), vom Sonntag, 22. Januar 2023, 21.45 Uhr. Die Sendung im Netz.

Und Deitelhoff legte den Finger in eine andere bekannte Wunde: „Die Kommunikation des Kanzlers ist verheerend.“ Man müsse doch das Vorgehen vom Ende her denken: Was wolle man in der Ukraine erreichen? Sicherlich nicht nur Geschäfte für europäische Firmen beim Wiederaufbau, wie CDU-Mann Kiesewetter einwarf. Aber Klingbeil hatte einen Punkt, als er anmerkte, wir könnten eben nicht gut in Szenarien denken. Das hat historische Gründe in der Distanz zum Militärischen, wie Experte Neitzel erläuterte. Die Deutschen seien nie Pazifisten gewesen, hätten sich aber bei der Nato immer irgendwo in der Mitte eingereiht. Will sagen: Wir haben den Anspruch auf Führung laut vorgetragen (auch von Klingbeil), aber das Handeln danach verlernt. Neitzel sah deshalb keine Zeitenwende: „Es passiert nichts.“

Dass aber der Grund dafür in einer geheimen Abhängigkeit des Kanzlers vom Zaren im Kreml liegen könnte, das wurde in so einer seriösen Unterhaltungssendung selbstverständlich nicht zum Thema. (Daland Segler)

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