Bei Anne Will (ARD) dominierte die US-Wahl 2020 als Diskussionsgrundlage.
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Bei Anne Will (ARD) dominierte die US-Wahl 2020 als Diskussionsgrundlage.

Talkshow im Ersten

Anne Will über die US-Wahl in der ARD: Eine Frage zu Kamala Harris löst Begeisterung aus

  • Rolf-Ruediger Hamacher
    vonRolf-Ruediger Hamacher
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Anne Will diskutiert in ihrer ARD-Talkshow über die US-Wahl und den Machtwechsel im Weißen Haus. Auf Joe Biden und Kamala Harris kommt eine schwere Aufgabe zu.

Die Fragestellung zu der Anne Will in ihre sonntägliche Talkrunde eingeladen hatte, war nicht gerade originell, wurde sie doch seit Tagen in den Medien rauf und runter diskutiert - und dem entsprechend fielen auch viele Fragen und Antworten aus. Als Anne Will von Talkshow-Dauergast Armin Laschet wissen wollte, ob er Donald Trump zutrauen würde, dass der sich mit allen Mitteln an sein Amt klammert, kam wenig überraschend die Antwort: „Schwer zu sagen, wie er sich da verhält, das war ja in den letzten vier Jahren nie kalkulierbar.“ Und ganz staatsmännisch schiebt Laschet hinterher, dass er „großes Vertrauen in die amerikanischen Institutionen hat.“

Anne Will (ARD): „Aber Sie halten Donald Trump doch gar nicht für anständig!?“

Heiko Maas hofft auf das Umfeld von Donald Trump und lässt sich auch durch ein Zitat von ihm („Anständige Verlierer sind für das Funktionieren der Demokratie wichtiger als strahlende Sieger“) und Anne Wills Nachhaken („Aber Sie halten Donald Trump doch garnicht für anständig!?“) nicht aus der Reserve locken.

Lora Anne Viola bezweifelt bei Anne Will (ARD), dass es für Donald Trump letztlich einen Weg gibt, im weissen Haus zu bleiben: „Wenn die Wahlmänner am 14. Dezember abstimmen, wird der Kongress am 6. Januar die Stimmen auszählen, damit der Präsident am 20. Januar vereidigt werden kann.“ Hedwig Richter stimmt ihr bei, verweist aber auf einen kuriosen Fall aus dem Jahre 1877, in dem die Südstaaten aufgrund eines unklaren Wahlausgangs der umstrittenen Präsidentschaft des Republikaners Rutherford B. Hayes zustimmten, wenn gleichzeitig alle US-Truppen die ehemaligen Südstaaten verlassen würden.

Anne Will (ARD): Donald Trumps Leugnen ist „unredlich“

Der nun aus Washington zugeschaltete Peter Rough, der schon George W. Bush jr. beraten hat, zweifelt zwar nochmal das System der Briefwahl an, gibt sich aber sonst moderat und verweist bei Anne Will auf das Einlenken vieler republikanischer Gouverneure und Mandatsträger, die dem Präsidenten lediglich zugestehen, dass er mit der Anerkennung seiner Niederlage noch bis zum endgültigen Auszählen aller legitimer Stimmzettel wartet.

Klaus Brinkbäumer glaubt, dass hauptsächlich die Trump-Familie Einfluss auf den Präsidenten hat, wünscht sich bei Anne Will in der ARD aber republikanische Politiker, die ihm seine Grenzen aufzeigen. Ähnlich wie in der Watergate-Affäre, als die eigene Partei Präsident Richard Nixon zum Rücktritt aufgefordert hatte. Da will selbst der stramme Republikaner Rough nicht zurückstehen und bezeichnet Trumps ständiges Leugnen der Niederlage als „unredlich“.

Talkshow bei Anne Will (ARD): „Biden ist ein erfahrener Politiker“

Für Heiko Maas tragen Trumps Äußerungen zur weiteren Spaltung des Landes bei und er hofft auf eine schnelle Klärung, damit Biden das Land heilen kann. „Trauen Sie das Joe Biden zu“, hakt Anne Will nach. - „Ja - es wird zwar eine Herkulesaufgabe sein, aber Biden ist ein erfahrener Politiker.“

Brinkbäumer pflichtet ihm bei, sieht Joe Biden und Kamala Harris in der Pflicht, die Sorgen der Amerikaner ernst zu nehmen: „Sie müssen entscheiden, was das Wesentliche ist. Amerika steckt in einer Bildungs- und Wirtschaftskrise. Hinzu kommen der Rassismus, die soziale Ungerechtigkeit und die Pandemie. Die Menschen können kaum noch miteinander reden.“ Dass Biden schon für die nächsten Tage die Bildung einer Covid-19 Kommission angekündigt hat, sieht er als positives Zeichen.

Anne Will (ARD): „Man kann auch mit einem Kurs der Mitte Wahlen gewinnen.“

Rough hofft auf eine gemäßigte Politik Bidens und keinen Linksrutsch der Demokraten, was Laschet schon durch den sachlichen Wahlkampf Bidens gegenüber dem populistischen von Trump erfüllt sieht: „Man kann auch mit einem Kurs der Mitte Wahlen gewinnen.“ Diese Mitte vermisst Viola bei beiden Parteien: „Es gibt immer weniger liberale Republikaner, immer weniger konservative Demokraten.“

Rough sieht bei Anne Will (ARD) auch bei den Republikanern Potential zur Veränderung: „Der Stil wird sich ändern, die Partei wird sich zu einer multiethnischen Arbeiterpartei entwickeln. Sie sieht sich als ein Bollwerk gegen nicht demokratisch legitimierte Machtkonzentrationen wie Hollywood, das Silikon-Valley, die Universitäten, die großen Medien und die Finanzhäuser.“

Hedwig Richter erinnert an die Präsidentschaft von Georg W. Bush jr. , deren katastrophale Folgen immer noch spürbar sind und Brinkbäumer sieht den Beginn der Polarisierung in der Gesellschaft schon in den 60er und 70er Jahren: „Die Gründung des Talk-Radios hat das Land in den Hass geführt, Fox News wa ein weiterer Schritt. Die Deregulierung der Medien führte dazu, dass Facebook und Twitter nicht verantwortlich sind für das, was auf ihren Plattformen veröffentlicht wird, hat natürlich zur Radikalisierung der Gesellschaft beigetragen.“

Anne Will (ARD): Donald Trump hat Europa nie verstanden

Armin Laschet erinnert bei Anne Will (ARD) noch einmal daran, dass Donald Trump nie verstanden hat, was der europäische Einheitsgedanke beinhaltet. Mit dem uns zugewandten Biden sieht er nun die Chance, die beiden ähnlichen Wertesysteme zusammenzuführen und in der Weltpolitik wieder mitzureden. Peter Rough sieht die Demokraten zwar auf Umarmungskurs gegenüber Deutschland und Europa, aber auch harte Fragen auf uns zukommen, z. B. bei der Erhöhung der Verteidigungskosten und der Haltung gegenüber Chinas ständigen Urheberrechts-Verletzungen.

Lora Anne Viola hebt Bidens außenpolitische Erfahrung hervor, der ja maßgeblich in Obamas Chinapolitik involviert war. Und sie sieht neben den konservativen Zentristen und Globalisten um Joe Biden eine starke progressive Bewegung aus Linksliberalen, Umweltschützern und die Nachhaltigkeit der weltweiten Militäreinsätze hinterfragenden Demokraten. Anne Wills in Anbetracht von Bidens Alter etwas flapsig formulierte Frage an Hedwig Richter, ob Kamala Harris schneller, als man denkt, die erste schwarze Präsidentin der USA wird, löst bei dieser geradezu Begeisterung über die theoretischen Aussichten aus.

Anne Will (ARD): Donald Trump – „Die Schwarzen, die für ihn gestimmt haben, haben auch verloren.“

Anne Will gießt mit einem Einspieler einen Wermutstropfen in diesen Freudenbecher: 18 % der afroamerikanischen Wähler und + 8 Prozent der afroamerikanischen Wählerinnen stimmten überraschend für Trump. Der aus New York zugeschaltete Reverend und Bürgerrechtler Al Sharpton, der die Trauerrede für den von Polizisten getöteten George Floyd spricht angesichts des Wahlergebnisses von einem Gefühl der Erleichterung und Freude in der Black Community: „Die meisten von uns haben das Gefühl gehabt, dass Donald Trump die rassistischste und vorurteilsbeladene Person im weissen Haus Zeit unseres ganzen Lebens war.“

Und Sharpton findet auch klare Worte für jene schwarzen Wähler, die Trump mit falschen wirtschaftlichen Versprechen umworben hatte: „Die Schwarzen, die für ihn gestimmt haben, haben auch verloren.“ „Was müssten Joe Biden und Kamala Harris tun, um endlich das Knie vom Hals der Schwarzen zu nehmen?“, fragt Anne Will nach. Und Sharpton hat ganz klare Vorstellungen davon, wie man den seit 400 Jahren bestehenden systemischen Rassismus bekämpfen kann: Das Justizministerium muss Verfehlungen der Polizisten endlich konsequent verfolgen. Es geht aber auch um Bildung und Schulsysteme.“

Brinkbäumer relativiert bei Anne Will (ARD) noch mal die Wahlergebnisse bei der schwarzen Bevölkerung, die ja letztlich doch Biden und Harris mit überwältigender Mehrheit ihre Stimme gegeben haben. Und Hedwig Richter setzt sich noch einmal enthusiastisch für Verfassungsreformen und Wahlrechtänderungen ein, die ihrer Meinung an einem starken „Auserwähltheitsgefühl“ und dem Glauben der „größten Nation“ anzugehören, scheitern. Das lässt zum Abschluss der Talk-Runde Peter Rough steil mit geschichts- und realitätsklitternden Behauptungen aus dem Gebüsch kommen, deren „Aufklärung“ Anne Will aber leider auf den St. Nimmerleinstag“ schieben muss. (von Rolf-Ruediger Hamacher)

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