„Anne Will“ im Ersten: Diskussionen zur Flüchtlingspolitik.
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„Anne Will“ im Ersten: Diskussionen zur Flüchtlingspolitik.

„Anne Will“, ARD

Talk bei Anne Will über Moria: „Warum behandelt ihr uns wie Tiere?“

  • Rolf-Ruediger Hamacher
    vonRolf-Ruediger Hamacher
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Anne Will diskutiert in ihrem ARD-Talk über das Thema „Europas gescheiterte Migrationspolitik – welche Rolle soll Deutschland übernehmen?“.

  • Thema bei „Anne Will“, ARD: Europas gescheiterte Flüchtlingspolitik.
  • Zu Gast im Studio unter anderem Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen) und Manfred Weber (CSU).
  • Am eindringlichsten wird die Sendung durch eine Live-Schalte nach Lesbos.

Da sitzt eine Flüchtlingsfrau aus dem abgebrannten Lager in Moria mit ihren Kindern mitten auf der Straße um eine offene Feuerstelle, auf der sie aus einer Handvoll Reis und drei Eiern eine kärgliche Mahlzeit zubereitet hat. Für die war sie stundenlang gelaufen und hatte genauso lange angestanden, während der Lidl-Supermarkt neben dem Lager geschlossen ist. Eine zugleich absurde wie einen fassungslos machende Situation, mit der Anne Will ihre Talk-Show durch die Live-Schaltung nach Lesbos zu Isabel Schayani einleitet. Und langsam dämmert es einem, dass diese Katastrophe eine mit Ansage war: „Wir sind schon über ein Jahr hier und wollen nicht wieder in dieses Gefängnis. Was ist, wenn es wieder brennt? Unsere Kinder sind schon jetzt traumatisiert“, berichtet die Frau. Um sie und die WDR-Korrespondentin herum lauschen 50-60 Menschen dem Interview, in der Hoffnung, irgendeine positive Nachricht aus dem Sehnsuchtsland Deutschland aufzuschnappen. Denn um die politischen Entscheidungswege in Europa zu verstehen, fehlen den Flüchtlingen die nötigen Informationen.

„Anne Will“ in der ARD: Die Frau fragt: „Warum behandelt ihr uns wie Tiere?“

„Warum behandelt ihr uns wie Tiere?“, fragt die Frau verzweifelt. Anne Will gibt den Ball an Manfred Weber, den Parteigenossen von Innnenminister Horst Seehofer, weiter: „150 von 13.000 Flüchtlingen aufnehmen - ist das praktizierte Menschlichkeit?“. Der flüchtet sich in die üblichen politischen Phrasen der Zauderer. Es sei doch schon besser geworden, seit der Flüchtlingskrise 2015, aber natürlich noch nicht befriedigend. Und: „Alle wollen nach Deutschland - das geht nicht!“

Das ruft die Grünen-Politikerin Annalena Baerbock auf den Plan, die ihn daran erinnert, dass die EU einst als Werteunion gegründet wurde. Sie fordert vehement eine sofortige Nothilfe vor Ort, eine zeitnahe Evakuierung aufs griechische Festland und die zügige Registrierung der Flüchtlinge, um ihre Asylverfahren zu beschleunigen. Auch Ulrich Ladumer stellt Weber die berechtigte Frage, was die EU eigentlich gemacht hat in den letzten Jahren, um die Flüchtlingskrise in den Griff zu bekommen. Und Marie von Manteuffel stellt die provokative Frage: „Was für ein Menschenbild haben wir eigentlich?“

„Anne Wil“ in der ARD: Die Korrespondentin vor Ort beschreibt die Zustände

Sie, die als einzige aus der Runde ständig vor Ort ist, beschreibt die Zustände in den griechischen Festland-Lagern als genauso chaotisch wie auf den Inseln: „Die griechische Regierung ist weder in der Lage noch Willens, die Situation in den Griff zu bekommen.“

Gerald Knaus erinnert noch einmal an den Bluff, mit dem Horst Seehofer sich als Menschenfreund hinstellt: „Die Aufnahme von 400 kranken Kinder und ihren Angehörigen war schon vor der Brandkatastrophe in Moria beschlossen.“ Er plädiert für neue Verhandlungen mit der Türkei, damit die ihr zynisches Spiel nicht weiter betreibt und abgewiesene Flüchtlinge wieder zurücknimmt, was sie seit März nicht mehr tut.

„Anne Will" in der ARD: Geplänkel zwischen Annalena Baerbock und Manfred Weber

Annalena Baerbock möchte weder von Erdogans Gnade abhängig sein, noch auf die zerstrittene EU warten. Sie möchte am liebsten jenen deutschen Kommunen grünes Licht geben, die sich bereit erklärt haben, Flüchtlinge aufzunehmen. Weber hält es da eher mit Seehofers „flexibler Solidarität“, mahnt aber auch die EU, endlich Humanität und Recht zusammenzubringen.

Es kommt zu einem kleinen Geplänkel mit Annalena Baerbock, deren Partei er vorwirft, hierzulande die Rückführung abgelehnter Asylbewerber und die Europas Aussengrenzsicherung durch Frontex zu torpedieren, während ihre Schwester-Partei in Österreich die Abschottungspolitik von Kanzler Kurz mitträgt. Da windet sich Baerbock mit Floskeln heraus, was Will ihr leider durchgehen läßt.

Apropos Schwester-Partei: Ulrich Ladurner möchte dann doch allzu gerne wissen, wie es Weber als Vorsitzender der EVP-Fraktion im Europäischen Parlament mit seinem ungarischen Kollegen Victor Orbans hält, der jede Flüchtlingsaufnahme ablehnt. „Wird Orban mitgehen?“, hackt Will diesmal nach, lässt sich dann aber von Weber einlullen, der, statt Farbe zu bekennen, eine neue Idee aus dem Hut zaubert: „Ich bin für humanitäre Visa, die wir den Schutzsuchenden in den Camps in Jordanien und im Libanon ausstellen. Die heute vorherrschende Annahme, dass der, wer es nach Europa schafft, auch bleiben kann, darf sich nicht weiter verfestigen. Das hat keine Akzeptanz in der Bevölkerung!“

So bestechend die Idee ist, so peinlich die Erkenntnis am Ende der Talk-Show, dass Europa in der Flüchtlingspolitik in den letzten vier Jahren keinen Schritt weiter gekommen ist, was Marie von Manteuffel noch einmal auf den Punkt bringt: „Die aktuelle griechische Regierung hat mit dem Versprechen der Abschottung die Wahl gewonnen. Sie haben angekündigt, die Standards so weit wie irgend möglich herunterzusetzen, damit bloß niemand kommt. Man kann nur darauf hoffen, dass Europa sich endlich darauf besinnt, wofür es steht.“

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