Der Filmregisseur Francesco Rosi am Set von "Carmen", 1984.
+
Der Filmregisseur Francesco Rosi am Set von "Carmen", 1984.

Francesco Rosi Nachruf

Annäherung ohne Herablassung

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
    schließen

Unter den großen Filmemachern der italienischen Nachkriegszeit war Rosi der hellwache Realist: Zum Tode des großen italienischen Filmregisseurs Francesco Rosi.

#bigimage[0]

Der Körper ruht in gekrümmter Haltung. Das linke Bein ist ausgestreckt, das rechte leicht angezogen. Es bildet fast einen rechten Winkel...“ Was klingt wie eine Bildanalyse, ist der Anfang eines Films von Francesco Rosi. Die Stimme aus dem Off gehört keinem Kunsthistoriker, sondern einem Polizeikommissar, und was er beschreibt, ist kein Gemälde, sondern eine Leiche in einem sizilianischen Hinterhof. Die Frage, die es für den Polizisten zu klären gilt, ist auch der (deutsche) Titel des Films: „Wer erschoss Salvatore G.“?

In den Filmen Francesco Rosis kommt dem gesprochenen Wort eine besondere Rolle zu. Die Sprache ist Ausgangspunkt einer visuellen Hinterfragung, die nicht immer zu ihrer Bestätigung führt.

Erst spät in seinem Werk fand Rosi Worte, denen er trauen konnte. „Christus kam nur bis Eboli“ (1979) gehört zu den ganz wenigen Literaturverfilmungen, die sich vollkommen in den Dienst des geschriebenen Wortes stellen. In den 210 bzw. 151 Minuten, die dieser Film im Fernsehen und im Kino dauert, fungiert der gesprochene Text aus Carlo Levis autobiographischem Roman wie eine musikalische Partitur. Wie ein Metronom gibt die Rezitation den Takt vor und versetzt den Zuschauer in die seltene Lage, selbst zu beurteilen, ob Rosis Bilder ihm gerecht werden oder nicht.

Sein puristischer Stil

Wenn wir heute glauben, das amerikanische Qualitätsfernsehen habe das epische, psychologische Erzählen neu erfunden, muss man nur noch einmal diesen Klassiker dagegen halten. Rosis puristischer Stil, sein Verzicht auf artistische Ausschmückung entspricht hier der Geisteshaltung des Protagonisten: Die Begegnung des verbannten Intellektuellen Levi mit den weltvergessenen Bauern in einem von der Zivilisation abgeschnittenen Gebirgsort ist ja ebenfalls ein Beispiel für eine Annäherung ohne Herablassung.

Wie kaum ein zweiter Filmemacher hat sich Rosi in seinem Werk mit den Problemen der Wahrheitsfindung auseinandergesetzt. Seine Suche galt dabei filmischen Ausdrucksformen, die einem problematisierten Verhältnis zu Fakten und ihren Interpretationen entsprach. Wer gewöhnt ist, in einem Polizei- oder Gerichtsfilm die gezeigten Ereignisse für gegeben zu halten, konnte in Rosi einen beharrlichen Zweifler kennenlernen. Seit seinem ersten Film „La Sfida“ behandelte er Informationen als Produkte von Recherche, mühsam abgerungen einer Gesellschaft im Zustand der Undurchschaubarkeit. Seine Vorliebe für Aufnahmen aus der Vogelperspektive sollte man dabei nicht als göttliche Weltsicht missverstehen. Der entrückte, starre Blick in bis in die letzten Winkel erfasste Hinterhöfe seiner frühen Filme greift dem automatisierten Auge moderner Videoüberwachung vor.

Aus der Distanz nähern

Auch seinen Themen näherte sich Rosi aus erkennbarer Distanz, so aktuell die Probleme auch waren, die ihn interessieren. Ausgangspunkt von „La Sfida“ ist die „Affäre Pupetta“: Eine junge Frau hatte 1955 in Neapel einen Camorraboss erschossen, der zuvor ihren Verlobten hatte hinrichten lassen. Doch während sie behauptete, allein gehandelt zu haben, ließen 50 Einschüsse in der Leiche auf eine größere Abrechnung schließen. Rosis Film war noch vor Prozesseröffnung fertig und nahm so – wie viele seiner späteren Arbeiten – Einfluss auf die öffentliche Meinung. „Zu der Zeit schien mir die Anklage mittels des Films die, sagen wir, wirksamste Waffe zu sein“, erklärte Rosi. Zum Zwecke einer „Überprüfung des Geschriebenen“ hatte Rosi, wie er sagte, seine Recherche in Neapel begonnen. Die stete Bereitschaft, das „Geschriebene zu überprüfen“ scheint Rosis Arbeitsweise auch im ästhetischen Sinn besser als alles andere zu charakterisieren.

#bigimage[1]

Mit ähnlicher Genauigkeit erforschte Rosi in seinem zweiten Film, dem Hamburger Ganovenstück „I Magliari“, das bundesdeutsche Klima der späten 50er Jahre. Die Handlungsführung ist komplexer und weniger eingängig als im ersten Film. Er misstraue Geschichten, hat Rosi dazu erklärt, „wenn dahinter nicht ein großer Roman und damit ein großes Denken stehe.“

Der hellwache Realist

Dem verantwortlichen Umgang mit Macht, den Rosis Filme immer wieder einfordern, entsprach in seiner Filmsprache ein grundsätzliches Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Information selbst, das weit in die künstlerische Ethik des Filmemachers hineinreicht und heute nicht weniger aktuell erscheint als in den frühen 60er Jahren.

In „Der Fall Mattei“ zeigte sich Rosi auch im Bild. Man sieht ihn am Schneidetisch das Material montieren, das er im Film auch selbst dreht. Der Regisseur zeigt sich als Bildjournalist, der seine eigenen Inszenierungen wie Dokumentaraufnahmen behandelt: Im Brecht’schen Sinne suchte Rosi den Bruch mit dem Traum der Inszenierung, selbst wenn dieser sich als Alptraum erwies.

Unter den großen Filmemachern der italienischen Nachkriegszeit war Rosi der hellwache Realist. Bereits 1963 erhielt er Venedigs „Goldenen Löwen“ für seine filmische Kritik am moralisch fragwürdigen Auswuchs des Wirtschaftsbooms, „Hände über der Stadt“, sein Polit-Thriller „Der Fall Mattei“ erhielt 1972 in Cannes die Goldene Palme. Am Samstag starb Rosi, 92-jährig, in Rom.

Mehr zum Thema

Kommentare