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Anke Engelke in ihrem neuen Film „Mein Sohn“.
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Anke Engelke in ihrem neuen Film „Mein Sohn“.

Interview mit Anke Engelke

„Mein Sohn“ mit Anke Engelke: „In der Frau steckt ein schwarzer Klumpen Furcht“

  • VonChristina Bylow
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Die Schauspielerin über ihren neuen Film „Mein Sohn“, die innere Distanz zu ihren Figuren und darüber, wie man lernt, loszulassen.

Frau Engelke, dem Film „Mein Sohn“ hat die Regisseurin Lena Stahl ein Gedicht von Rainer Maria Rilke vorangestellt: „Wir haben, wo wir uns lieben/ ja nur dies: einander lassen/denn dass wir uns halten/ das fällt uns leicht/ und ist nicht schwer zu erlernen.“ Warum ist es für die Mutter, die Sie spielen, so schwer, ihr Kind gehen zu lassen?

Der Film setzt sich mit dem Prozess des Loslassens auseinander, der irgendwann auf Eltern zukommt. Ich finde das interessant. Denn eigentlich lebt man mit Kindern im Moment, man denkt nicht sechzehn Jahre voraus. Wir haben uns während der Vorbereitung dieses Films einmal ein paar Tage in ein Haus auf dem Land zurückgezogen, Lena Stahl, Jonas Dassler, der den Sohn spielt, und ich. Und dort haben wir viel über Mütter gesprochen, natürlich erst einmal über unsere eigenen und uns gefragt, welche erstrebenswerten Mütter-Konzepte es gibt.

Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen? Als Mutter dreier Kinder zwischen 25 und 13 Jahren konnten Sie da eigene Erfahrungen mitbringen.

Wie immer habe ich mich und meine privaten Erfahrungen aus der Rolle total herausgezogen. Ich arbeite so gar nicht, dass ich mich frage, was ich an Erfahrung mitbringe und was ich davon in eine Rolle hineingebe. Natürlich ist es wichtig, so authentisch wie möglich zu spielen. Denn nur das, was man selber fühlt, kann man nachher auch auf der Leinwand oder auf dem Bildschirm sehen. Ich kann aber zwischen mir und der Rolle sehr gut trennen. Ich weiß nicht, ob das ein Automatismus ist oder etwas Erlerntes. Aber mich interessiert ja die Figur, in diesem Fall die Mutter und Fotografin namens Marlene. Ich interessiere mich nicht für mich als Marlene. Als ich das Drehbuch gelesen habe, war ich sofort elektrisiert.

Anke Engelke: „Manchmal hilft der Humor, wie im Leben auch“

Diese Mutter ist voller Angst. Einerseits. Und andererseits ist sie pragmatisch und tatkräftig. Konnten Sie diese Frau enträtseln?

Nicht ganz. Sie hat so vieles in sich, Zweifel, Kummer und einen schwarzen Klumpen Furcht. Der liegt schwer in ihr. Ich hatte immer dieses Bild eines schwarzen Brockens vor Augen, mit keinem Meißel kommt sie da ran, sie kann ihn nicht zerkleinern. Manchmal hilft der Humor, wie im Leben auch. Dann entsteht im Film plötzlich eine andere Verbindung zwischen ihr und dem Sohn. Es gibt es sehr viel nonverbale Kommunikation, denn sie kriegen so vieles einfach nicht gesagt. Am Ende taucht eine andere Seite von Marlene auf, und ich fragte mich, woher kommt das nun, diese Leichtigkeit, hätte sie davon nicht schon früher etwas haben können?

Anke Engelke: „Ich kann zwischen mir und der Rolle sehr gut trennen.“

Sie sprechen mit großer Distanz über die Frau, die Sie spielen. Ist Ihnen die Figur so fremd?

Ja, ich glaube schon. Ich wollte sie kennenlernen. Mich selber kenne ich ja ganz gut. Mit mir lebe ich nun schon lange zusammen.

Anke Engelke - erst mit 30 Jahren vor die Kamera

Sind Sie sich selbst nie ein Rätsel?

Ich glaube, ich bin da ein wenig ein Sonderfall. Weil ich schon recht früh öffentlich wahrgenommen wurde, war ich schon früh damit konfrontiert, dass Menschen eine Meinung über mich hatten. Das fand ich gar nicht so gut und habe mich wahrscheinlich aus einem Schutzbedürfnis heraus abgegrenzt und spreche ungern über mich.

Sie sind vor den Augen der Öffentlichkeit erwachsen geworden.

Und das war ja gar nicht mein Wunsch gewesen. Ich habe ja nicht als Kind schon moderiert, weil ich wollte, dass Menschen mich sehen. Das war erst mal ein toller Ferienjob, und dann weitete sich das aus, ich habe zwölf Jahre beim Südwestfunk in Baden-Baden gelernt. All das fand ich sehr interessant, aber dass damit einherging, dass ich wahrgenommen wurde, das ist am Anfang ein Kollateralschaden gewesen. Dass ich vor der Kamera schauspielerisch tätig wurde, begann sehr spät. Da war ich ja schon dreißig.

„Von außen würde ich mich wahrscheinlich auch interessant finden“

Anke Engelke über sich selbst

Sie sind eine öffentliche Person, das lässt sich nicht leugnen. Ist das eine Bürde, wenn Sie, wie jede andere Schauspielerin, eine Rolle in einem Film übernehmen? Müssen Sie gegen die öffentliche Person anspielen?

Wenn ich von außen auf mich gucken würde, würde ich mich wahrscheinlich auch interessant finden. Na, wie macht die das eigentlich. Das ist ja interessant. Aber da ich ich bin und so vor mich hinlebe, habe ich zu dieser öffentlichen Person eine totale Distanz. Ich habe so eine Distanz zu mir selber, das gibt’s überhaupt nicht. Sobald ich geschminkt bin, arbeite ich. Das hilft schon einmal sehr. Dann stelle ich mich zur Verfügung. Ich nehme es dann nicht persönlich, wenn mich jemand mag oder nicht mag. So viele Menschen haben Meinungen über mich, das kann ich leider nicht verhindern. Ich kann mich vollkommen von all dem lösen, wenn ich arbeite. In dem Moment, in dem von der Regie „Bitte“ kommt, gebe ich 100 Prozent. Und wenn „Cut“ kommt, bin ich fertig. Ich nehme auch keine Rolle mit nach Hause, das hat meine Familie nicht verdient. Was ich gegeben habe, gehört dann jemand anderem. Kontrolle mag ich nicht. Ich vertraue, ich bin ein Mensch, der sehr gerne vertraut.

Sind Sie eitel?

Für meinen Beruf bin ich wahrscheinlich viel zu uneitel. Eigentlich ist das nicht in Ordnung.

Zur Person

Anke Engelke, geboren 1965 in Montreal/Kanada, moderierte bereits als Kind TV- und Radiosendungen.
Als Comedian kennt man sie aus der „Wochenshow“ und ihrer Reihe „Ladykracher“. Als Sychronsprecherin leiht sie unter anderem Marge Simpson ihre Stimme.

Aktuell sieht man Engelke u. a. in der Hauptrolle der Netflix-Serie „Das letzte Wort“ oder bei Amazon Prime Video in der ersten Staffel des Comedyformats „LOL – Last One Laughing“.

In dem Kinofilm „Mein Sohn“ (Regie: Lena Stahl) spielt sie die überbesorgte, von herben Erfahrungen geprägte Mutter eines draufgängerischen Sohns.

Anke Engelke: „Dann sitze ich da wie das Mädchen vom Lande“

Im Gegenteil. Die Eitelkeit ist eine Falle. Wenn man den Schauspielerberuf ernst nimmt, geht es um Wahrhaftigkeit in der Darstellung eines Menschen, sagt die große Schauspielpädagogin Susan Batson.

Ja, aber wenn ich gefragt werde, wie hättest Du gerne Dein Make-Up, sitze ich da wie das Mädchen vom Land und weiß nicht, was ich sagen soll. Und obwohl ich schon so viele Jahre in Maskenmobilen sitze und geschminkt werde, kann ich mich nicht selber schminken. Aber ich vertraue, und ich möchte auch, dass man mir vertraut. in dem Moment, wo dieses „Bitte“ kommt, will ich einfach nur arbeiten. Wenn ich in dem Moment nicht vorher meine Hausaufgaben gemacht hätte, hätte ich am Set nichts verloren. Und müsste auf die Frage nach dem Beruf, „Mutter und Hausfrau“ angeben und nicht „Schauspielerin“.

Ist Mutter ein Beruf?

Absolut. Hausfrau und Mutter, zwei nicht unwichtige Berufe. Ich würde das so gern mal irgendwo als Berufsbezeichnung hinschreiben und gucken, was dann beim Gegenüber passiert. Keine Mutter sagt einem Chef oder einer Chefin, ich kann heute nicht, ich passe auf mein Kind auf. Das sagen Väter.

Also doch mehr als ein Beruf, in dem man sich auch mal krankmelden kann. Es geht in diesem Film um die Sorge für einen ja schon volljährigen Sohn, der durch einen Unfall schwer verletzt wurde, aber durchaus in der Lage wäre, seine Lage selbst in die Hand zu nehmen. Sorge ist ja eigentlich ein sehr schöner Begriff. Wir merken, was passiert, wenn Sorge fehlt. Nimmt Ihre Figur die Sorge vielleicht zu sehr in die eigene Hand? Ist sie eine Überbesorgte?

Anke Engelke: „Da stoßen Welten aufeinander“

Ersetzen wir mal den Begriff Sorge durch den Begriff des Kümmerns. Mich interessieren immer die unterschiedlichen Perspektiven auf ein und dasselbe Phänomen. Man kann so abbiegen oder auch anders. Diese Mutter kümmert sich darum, dass ihr Sohn in eine gute Reha kommt. Sie will das Beste für den Jungen, und das ist ein Satz, der ihren Sohn auf die Palme bringen würde. Der Sohn empfindet das als übergriffig, unverschämt, festhaltend. Was wäre das Beste für den Sohn? Ihn alleine zu lassen mit dem zertrümmerten Bein? Das wäre auch falsch. In der Situation, in der die beiden stecken, gibt es kein richtig, es gibt nur falsch.

Der Film weist über die Konfliktsituation zwischen Mutter und Sohn hinaus. Es geht auch darum, in welcher Welt die junge Generation leben wird. Man sieht eine andere Familie, die sich als Selbstversorger aufs Land zurückgezogen hat. Wie sehen Sie die Zukunft unserer Kinder?

Auch wenn wir so groß denken und an die Welt denken, kommen wir doch wieder zurück auf die kleine Zelle, diesen Mikrokosmos. In einer Szene bemerkt die Mutter, dass ihr Sohn die Beziehung zu seiner Freundin offensichtlich abgebrochen hat, und zwar per Textnachricht. Da stoßen Welten aufeinander. Diese Mutter kommt aus einer Welt, in der man das in einem Gespräch löst, in der man sich auseinandersetzt. Ich will jetzt gar nicht so in dieses Dinosauriernarrativ hinein gehen, aber ich private Anke habe nicht einmal ein Smartphone, ich würde nie auf die Idee kommen, in einer sehr ernsten Situation einfach eine Message zu senden. Diese Mutter kommt nicht damit zurecht, dass sie ihrem Sohn nicht vermittelt hat, dass sich das nicht gehört. Sie macht, was viele Menschen tun: Sie bewertet sein Verhalten und fragt sich, was sie falsch gemacht hat. In unserer Enklave auf dem Land haben wir uns die Vorgeschichten unserer Figuren in Rollenspielen vorgestellt. Alles hat Einfluss auf uns und unsere Kinder. Wie wir aufgewachsen sind, beeinflusst unsere Kinder auch noch dann, wenn wir selbst abwesend sind.

Natürlich ist es wichtig, dass Alleinerziehende unterstützt werden, nichts ist wichtiger als das

Anke Engelke

Hat die Arbeit an dieser Rolle etwas an Ihrem eigenen Leben verändert?

Nein, weil ich mich mit dem Thema des Loslassens von Kindern immer wieder auseinandersetze. Das ist schon lange Teil meines Lebens. Ich bin durch und durch Familienperson und brauche einige Menschen sehr. Es gehört dazu, dass ich sie gerade deshalb loslasse oder akzeptiere, dass sie loslassen. Diese Situationen hatte ich alle schon, durch den Film ist nichts Neues hinzugekommen. Ich blende mein Privatleben auch aus, wenn ich arbeite, damit ich der Figur, die ich spiele, die Chance gebe, ohne meine Farbe zu existieren. Ich möchte diese Figur Marlene nicht anstreichen, sie soll ihre eigene Farbe sein.

Anke Engelke: Alleinerziehende müssen unterstützt werden, nichts ist wichtiger als das

Kommen wir noch einmal auf die Sorge und auf das Loslassen. Im Familienrecht wird sich für getrennte Eltern vielleicht einiges ändern. Nach Trennungen soll laut Koalitionspartner FDP das Wechselmodell die Regel sein. Die Kinder pendeln zwischen den Elternteilen. Das Loslassen wird also gesetzlich verordnet. Was halten Sie davon?

Es ist so ein individuelles Thema. Jedes Kind ist anders, jede Mutter ist anders, jeder Vater ist anders. Wenn das Kind beim Vater besser versorgt ist, weil die Mutter dazu nicht in der Lage ist, dann soll es dort sein. Und wenn der Vater überfordert ist, keine Zeit, keine Lust, keine finanziellen Mittel hat, dann lass‘ das Kind bei der Mutter. Wenn beide Eltern das prima hinkriegen und sich miteinander absprechen können, dann sollen sie die Betreuung der Kinder unter sich aufteilen. Man wünscht doch eine Gesellschaft, in der Eltern in der Lage und eingeladen sind, ehrlich zu sein und miteinander zu kommunizieren. Wenn wir verlernen, das in der kleinen Zelle hinzukriegen, wird uns die Entscheidungskraft genommen. Dann wird uns von außen diktiert, wie wir leben sollen. Ich denke, dass das nicht passieren darf, auch nicht per Gesetz.

Es gibt das vielzitierte afrikanische Sprichwort: Man braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen. Das Dorf fehlt oft. Auch in diesem Film. Mutter und Sohn sind fast isoliert. Woher kommt das?

Darüber haben wir viel nachgedacht in der Vorbereitung. Ich denke: Wenn der Vater des Sohnes früh gegangen ist, kann es sein, dass diese Mutter sich gesagt hat: Das schaffe ich allein. Aus einem Trotz heraus, einer Verletzung. Natürlich ist es wichtig, dass Alleinerziehende unterstützt werden, nichts ist wichtiger als das. Und wenn dann jemand wahrnimmt, dass eine Mutter überfordert ist, dann wünsche ich mir, dass er oder sie Hilfe anbietet, ohne Bevormundung. (Interview: Christina Bylow)

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