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Anime „The Deer King“ im Kino: Wolfsblut

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Von: Daniel Kothenschulte

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Sparsamkeit ist Trumpf: Ausdrucksvolle Gesichter in kaum bewegten Großaufnahmen. Plaion Pictures
Sparsamkeit ist Trumpf: Ausdrucksvolle Gesichter in kaum bewegten Großaufnahmen. Plaion Pictures © Plaion Pictures

Ein betörend-altmodischer Anime auf den Spuren Miyazakis: „The Deer King“ von Masashi Ando und Masayuki Miyaji.

Für Fans des Studios Ghibli wird das Warten lang. Altmeister Hayao Miyazaki hatte schon für 2020 zu den Olympischen Spielen in Tokio sein Abschiedswerk „How Do You Live“ angekündigt. Dann kam eine Pandemie, und ein neuer Termin wurde nie veröffentlicht. Da kommt die erste Regiearbeit des Animation-Direktors von „Prinzessin Mononoke“ und „Chihiros Reise ins Zauberland“ gerade recht: Masashi Ando inszenierte „The Deer King“ gemeinsam mit Miyazakis Regieassistenten bei letzterem, Masayuki Miyaji.

Tatsächlich fiele es schwer, die sattgrünen Waldlandschaften in ihrem verschwenderischen Detailreichtum von den Hintergrund-Gouachen der Ghibli-Filme zu unterscheiden. Auch die in einer undefinierten, vorindustriellen Zeit angesiedelte Geschichte nach einer Vorlage von Nahoko Uehashi hätte Miyazaki und seinen kongenialen Ghibli-Partner Isao Takahata interessieren können. Zwei despotische Monarchen liegen im Krieg, und als litten ihre Untertanen nicht genug, ist auch noch eine Seuche ausgebrochen.

Tatsächlich scheint sich die Natur mit dieser „schwarzen Wolfsseuche“ förmlich als weiteres Übel aufzuschwingen, um die menschlichen Mächte ihren Krieg vergessen zu lassen. Rätselhafterweise befällt sie allerdings nur eine der verfeindeten Nationen – und die Ärmsten zuerst: Sklaven, die in einer Mine schuften, werden in einer dramatischen Szene gleich zu Beginn Opfer eines Wolfsangriffs.

Die Suche nach dem Serum

Der einzige Überlebende, ein ehemaliger Aufständischer namens Van, und das Mädchen Yuma, das er aufliest, sind die Helden der Geschichte. Vans offensichtliche Abwehrkräfte machen ihn zum Hoffnungsträger für ein Serum – diese für die Zeit beachtliche medizinische Perspektive müssen wir einmal für gegeben halten. Eine Spurenleserin und ein Arzt machen sich auf die Fersen der Flüchtenden – und geben der Odyssee die Richtung vor.

Doch es ist weniger die äußere Aktion, die den Film in Gang hält, als eine fast meditative Tonspur aus versonnenen Dialogen, die manchmal ein wenig bemüht nach philosophischer Tiefe stochert („Dein Leib ist nicht mehr als eine Hülle für dein Ich ...“). Ein zweites „Ghost In the Shell“ wird nicht daraus, aber es geht doch ein eigenartiger Sog von der Tonebene dieses epischen Abenteuers aus – maßgeblich dank einer betörend-melodischen Filmmusik der Komponistin Harumi Fuuki („Miss Hokusai“). Es sind dann auch eher Stimmen aus der Erinnerung als sichtbare Gefahren, die dem recht furchtlosen Helden zusetzen.

Schon in den klassischen Animeserien der 70er Jahre wie Isao Takahatas „Heidi“ kam der Tonebene eine oft unterschätzte Wirkung zu. Exzellente Drehbucharbeit kompensierte damals produktionstechnische Beschränkungen in der Animation. Mit deutlich geringerem Budget ausgestattet als bei ihren Ghibli-Filmen, erinnern sich die Filmemacher an diese Tugenden aus der Zeit, als Sparsamkeit Trumpf war im Anime. Aber auch in ihrer Animation ist weniger mehr: Gesichter entfalten in kaum bewegten Großaufnahmen allein durchs Zeichnerische ihre Expression.

In meditativem Blau

Eine kluge Farbdramaturgie nutzt die tiefen Blautöne der Nachtszenen für meditative Wirkungen. Beim imponierend animierten Angriff der Wölfe ziehen sich lilafarbene Schlieren durch nunmehr surreale Landschaften. Und die detaillierte Hintergrundmalerei entwirft für das technisch hochstehende Phantasie-Mittelalter einen deutlich von Miyazaki entwickelten Retro-Futurismus. Es ist ein Fest der klassischen 2-D-Animation, wie sie nur noch in Japan Teil der Filmindustrie ist – inklusive der bilderbuchhaften Raumillusionen von Multiplankamera-Fahrten durch die tiefen Wälder. Wann immer Gefahren im Diffusen bleiben können, sind sie in ihrem Element: Etwa wenn die Übriggeliebenen des Wolfsangriffs gleich zu Anfang von schattenhaften Wesen verfolgt werden, die offenbar fürchten, ihr Überleben könnte auf die Ursprünge der Seuche schließen lassen.

Diffus bleibt allerdings auch der mögliche Hintergrund der Geschichte – offensichtlich wird hier nur ein Ausschnitt eines längeren Epos erzählt. Auch verschenkt der Film ein gewisses dramatisches Potenzial, indem er die distinguierten Jäger der Flüchtenden – die schamanische Spurensucherin und den Mediziner – recht schnell zu freundlichen Reisegefährten macht. Andererseits verleitet der meditative Erzählfluss auch dazu, sich wenig um den narrativen Ballast zu kümmern. In jedem Fall sieht man einen auf schwelgerische Weise altmodischen Film, der die Schönheiten dieser Kunstform mehr als zu schätzen weiß.

The Deer King. Animationsfilm. Japan 2021. Regie: Masashi Ando und Masayuki Miyaji. 114 Min.

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