Herr Rossi sucht das Glück und findet einen sympathischen Hund. Bruno Bozzetto
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Herr Rossi sucht das Glück und findet einen sympathischen Hund. Bruno Bozzetto

Trickfilmfestival Stuttgart

Der Animator und das Glück

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Das Stuttgarter Trickfilmfestival feiert Bruno Bozzetto, den Erfinder des Herrn Rossi – und in einem famosen Wettbewerb den Kunstanspruch des Mediums.

Das Glück suchen viele, doch die Wenigsten machen ihre Suche öffentlich. Eine Ausnahme bildet Herr Rossi, den wir gerne für die bekannteste Trickfigur Italiens halten würden, aber ihr Schöpfer wehrt bescheiden ab. „In Italien kennt kaum jemand Signor Rossi“, erklärt Bruno Bozzetto. „Wirklich bekannt ist er nur in Deutschland.“

Man darf wohl eher von Ruhm sprechen. Wo immer der 79-jährige Ehrengast des Internationalen Trickfilmfestivals in Stuttgart angekündigt ist, warten Autogrammsammler, viele erkennen ihn bereits auf der Straße. Der kleine Mann lächelt versonnen. Auch wenn er in seinem Leben mehr als 300 Filme drehte, für einen Oscar nominiert war und einen Goldenen Berlinale-Bären gewann, scheinen sich alle immer nur für diesen Herrn Jedermann zu interessieren, der bereits 1960 das Licht der Leinwand erblickte. Taucht man freilich ein in Bozzettos immenses Schaffen, das ihm drei Berlinale-Wettbewerbe bescherte, wirken Rossis Glücksversprechen fast exotisch. In oft pechschwarzen Satiren bläst Bozzetto der Menschheit ein ums andere Mal den fatalistischen Trauermarsch.

„Alles begann damit, dass ich als Kind Walt Disneys ‚Bambi‘ sah. Da stieg in einer Szene Rauch über dem Wald auf, und es hieß: ‚Der Mensch ist da.‘ Damit war alles gesagt.“ Bozzetto wusste schon damals, dass er Trickfilme machen wollte, allerdings erschien ihm Disneys Perfektion unerreichbar.

„Dann aber brachte Disney 1953 den modernen Kurzfilm ,Die Musikstunde‘ in vereinfachter Animation heraus, den der Zeichner Ward Kimball inszeniert hatte. Da wusste ich: So etwas könnte ich auch schaffen.“ 1977 schlug er Disney mit den eigenen Mitteln – einer satirischen Antwort auf „Fantasia“. Mit dem Gewinn aus seinen Werbefilmen produzierte er den Musikfilm „Allegro non Troppo“. Zu Ravels Bolero marschiert zum Höhepunkt die göttliche Schöpfung ihrem unaufhaltsamen Untergang entgegen. „Neben Disney gab es eine zweite Schule im Animationsfilm, die in Osteuropa gepflegt wurde, besonders in Zagreb. Ich liebte Disney, aber es war diese andere Richtung, in die es mich zog.“

Tatsächlich fand Bozzetto wohl seinen persönlichen Stil gerade darin, Disneys Märchenhaftigkeit mit dem Realismus der Osteuropäer zu verbinden. Und erfolgreicher noch als Signor Rossi fand er dabei auch sein Glück. Dafür müsse man natürlich etwas tun: „Stellen Sie es sich so vor: Man legt einen Garten an mit tausend Samenkörnern, und zufällig erwischt ein Regentropfen drei davon. Meinen ersten Kurzfilm schickte ich nach Cannes, wo sich ein Kritiker in die einzige Nachmittagsvorstellung verirrte und ihn besser fand als den mit Sophia Loren. Am nächsten Tag stand in der Zeitung eine Riesenschlagzeile: ‚Bozzetto-Film besser als Loren.‘ Das ist doch Glück.“

Auch im Schwabenland hält man Glücksversprechen in Ehren, wie beim Stuttgarter Festival regelmäßig der vielleicht bekannteste regionale Animationskünstler ins Bewusstsein ruft. Jochen Kuhns Traumerzählungen konfrontieren sein filmisches Alter Ego immer wieder mit rätselhaften Momenten der Selbstbespiegelung. In „Zentralmuseum“ findet sich der Protagonist plötzlich im Besitz eines Museums, das ihm sein Onkel vererbt hat. Mit Kennerblick scheint der Erblasser allerdings genau jene Sorte Konzeptkunst gekauft zu haben, die niemandem etwas sagt. Auf den ersten Blick möchte man den Kurzfilm für eine populistische Generalabrechnung mit zeitgenössischer Kunst halten. Doch wie meist bei Kuhn besteht die Kunst gerade darin, der Alltagskultur gleichsam ihre äußere Hülle abzustreifen, auf dass sich diese ohne Inhalt, aber mit all ihrem Bedeutungsanspruch präsentiere. Die gemalte Ausstattung dieses Films ist von gespenstischer Präzision in ihrer Nähe und zugleich doch Ferne zu tatsächlicher Museumskunst.

In seiner 24. Ausgabe machte sich das Stuttgarter Festival vor allem darum verdient, hinter die äußeren Hüllen der Animation zu schauen. Gerade im Umfeld der Ludwigsburger Filmhochschule kann man das nicht genug betonen. Es ist höchste Zeit, die eine Doktrin dieser Lehranstalt auf den Prüfstand zu stellen, die sich einmal gegen den Autorenfilm ausrichtete und vorrangig industriefreundliche Team-Worker produzieren wollte. So entsteht gerade im Animationsfilm immer noch vieles, das zwar technisch brillant ist, aber doch recht unpersönlich. Nichts jedoch ist im künstlerischen Animationsfilm beglückender als die individuelle Handschrift. Der diesjährige Gewinner des Hauptpreises ist das beste Beispiel.

Wie Jochen Kuhn führt auch die Polin Marta Pajek in ihrem hauptsächlich mit Tusche gezeichneten Film „Impossible Figures and Other Stories“ in ein imaginäres Gebäude. Doch welcher imaginative Reichtum ist in seinen sich stets ändernden Dimensionen verborgen. Eine Frau stolpert durch ihren Lebens- und Seelenraum, ein Labyrinth, das sich in der Selbstverortung ständig wandelt. In einer gerechten Welt würde man diesem Film in einem Kunstmuseum einen festen Raum einrichten. Mit den klassischen Mitteln der Zeichnung schreibt die Künstlerin gleich mehrere vermeintlich betagte Kunstrichtungen weiter: Den Surrealismus, Fluxus und Body Art – und natürlich den Zeichentrickfilm selbst.

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