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Angst und Schrecken

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Von: Harald Keller

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Die scheinbar perfekte Fassade von Neil (Matt Passmore) und Grace Truman (Stephanie Szostak) bröckelt.
Die scheinbar perfekte Fassade von Neil (Matt Passmore) und Grace Truman (Stephanie Szostak) bröckelt. © WDR/Richard DuCree/USA Network

Eine neue Serienstrecke im WDR startet mit der satirischen US-Familienserie „Satisfaction“, in der sich ein Finanzmakler und Familienvater nebenberuflich als Callboy betätigt.

Neil Truman (Matt Passmore) hat alles, was sich jeder Mann in Amerika wünscht. Einen 3-D-Fernseher mit über zwei Metern diagonaler Spannweite. Gelegentlich, wenn Ehefrau Grace (Stephanie Szostak) abgelenkt ist, wirft er schon mal einen schnellen Blick auf einen Softporno. Da gibt es diese Bilder von willigen Haus- und begierigen Geschäftsfrauen. Pornokitsch halt. Exotisch, auch für Truman. Obwohl er und seine Frau berufstätig sind und auch noch eine 16-jährige Tochter erziehen müssen, findet sich immer Zeit für einen intimen Moment. Erzählt er jedenfalls.

Karriere, Familie, Luxus. Nach außen hin alles perfekt. Doch es häufen sich die Momente diffusen Unbehagens. Als Truman, geschäftlich unterwegs, stundenlang in einem Flugzeug ohne Klimaanlage eingepfercht wird, weil sich der Start immer wieder verzögert, die Flugbegleiterin die Ausgabe von Getränken verweigert und schließlich mit Blick auf Truman genüsslich selbst einen Schluck aus der Flasche nimmt, brennen bei Truman die Sicherungen durch. Er ruft zum Widerstand auf und löst die Notfallrutsche aus.

Ein Verstoß gegen die Luftfahrtgesetze, für Truman aber ein Akt der Befreiung, der sein übriges Leben beeinflussen wird. Er pfeift auf das gnädige Krisenmanagement seines Chefs, kündigt und will zu seiner Frau, die als Maklerin gerade ein Haus vorführt. Er ertappt sie in inniger Umarmung mit einem drahtigen Liebhaber.

Noch ein Anstoß, aus der Routine auszubrechen. Truman stellt den Nebenbuhler, zieht bei der Prügelei den Kürzeren, ergattert aber das Handy des jungen Mannes namens Simon (Blair Redford). Der ist, wie Truman entgeistert erfährt, ein Callboy. Er möchte aber lieber Escort genannt werden.

American Gigolo

Noch unter dem Eindruck der jüngsten Ereignisse folgt Truman einem Anruf auf Simons Handy. Und gerät blindlings selbst in die Escort-Branche. Eher unabsichtlich und planlos, aber mit wachsender Faszination. Absurderweise festigt seine Rebellion seine berufliche Position, er erhält das Angebot, zurückzukehren und zum Partner aufzusteigen. Das Familienleben verbessert sich; er ist dabei, als seine Tochter in der Schule ihr Debüt als Liedermacherin gibt. Und einen Skandal auslöst, weil sie über zwei übergriffige Lehrer singt.

In einem Hollywood-Film wäre jetzt das Happy End gekommen. In der Serie „Satisfaction“ aber gehen die Kalamitäten erst richtig los. Denn obwohl sich die Trumans wieder näherfinden, kann sich Neil von seinem Nebenjob nicht lösen. Und Ehefrau Grace nicht von dem schmucken Callboy, der aussieht wie der junge Johnny Depp, der ganz altmodisch Bücher liest und vor allem echtes Einfühlungsvermögen aufbringt für Frauen, deren Ehemänner angesichts der ökonomisch angespannten Situation rund um die Uhr ihrem Beruf – oder mehreren – nachgehen.

Die Not zur Selbstvermarktung

Die Wahrnehmung US-amerikanischer Serien in Deutschland beschränkt sich meist auf das Kriminal- oder Fantasy-Genre. Nur ein Ausschnitt der Gesamtproduktion, denn nicht zuletzt wird die Familienserie, die in den 1940ern und 1950ern, vom Hörfunk kommend, das fortgesetzte Erzählen im neuen Medium Fernsehen begründete, weiterhin gepflegt und fortentwickelt. Inhalte und Formen spiegeln die jeweils aktuellen gesellschaftlichen Gegebenheiten.

In den vergangenen Jahren schien immer wieder die Krise des US-amerikanischen Mittelstandes an, die ökonomischen Zwänge und deren Folgen, der Wandel der Geschlechterrollen. Oft wählten die Autoren die Satire, um bittere Wahrheiten bekömmlich zu machen. 2006 erzählten Mark V. Olsen und Will Scheffer in „Big Love“ kühn von einer Familie, deren biblische Religion die Polygamie erlaubt. Bill Paxton in der Rolle des dreifachen Ehemannes und mehrfachen Vaters kam kaum zu Atem im Bemühen, den Anforderungen der vielköpfigen Familie, der Gesellschaft und seines Glaubens gerecht zu werden.

Colette Burson und Dmitry Lipkin griffen 2009 in ihrer Serie „Hung – Um Längen besser“ bereits das Thema der männlichen Prostitution auf. Thomas Jane verdiente als Sportlehrer Ray Drecker kaum den Lebensunterhalt, wurde von seiner Frau verlassen und geriet endgültig in finanzielle Not, als sein ohnehin renovierungsbedürftiges Haus abbrannte. Die Lösung ergab sich durch Zufall: Er ließ sich seine Liebesdienste bezahlen.

Buddhismus und Led Zeppelin

Sean Jablonski nimmt dieses Motiv in „Satisfaction“ auf, ebenso andere typische Bestandteile der Familienserie. Bekanntes wird aufgefrischt, sehr reizvoll mit neuen Ideen verschnitten und gerät, ganz ohne abgedroschene Krimimätzchen, auf gewisse Weise spannend. Es ist selten absehbar, was Neil, Grace und Tochter Anika (Michelle DeShon) erwartet und wie sie sich verhalten werden. Auch Nebenpersonen kommen zu ihrem Recht, der Callboy Simon, die Agentin Adriana (Katherine LaNasa), die es mit der Vermittlung von Escorts zu einigem Wohlstand gebracht hat und hartnäckig daran arbeitet, Neil für ihre Mannschaft zu gewinnen.

Die dramatischen Ereignisse sind, wie im Kinofilm „American Beauty“ oder auch in der Serie „Six Feet Under“, mit galligem Humor durchsetzt, der sich in geschärften Dialogen ausdrückt und in Szenen von unaufdringlicher Metaphorik, in denen die Autoren das Geschehen augenzwinkernd pointieren. Oder reflektieren, so wenn Neil regelmäßig den Rat eines buddhistischen Mönches sucht, der als Antwort auch mal einen Led Zeppelin-Text zitiert. Kein getakteter Sitcom-Humor also, sondern subtile Satire, die von genauer Kenntnis der Ängste und Nöte des heutigen Mittelstandes und insbesondere seiner männlichen Vertreter zeugt. Und damit auch Gültigkeit für deutsche Verhältnisse besitzt.

Mit dem Start von „Satisfaction“ etabliert der Westdeutsche Rundfunk in seinem Regionalprogramm am Samstagabend eine Serienstrecke. Der Sender zeigt ab 23. Juli um 21.40 Uhr je zwei Folgen von „Satisfaction“ und im Anschluss je eine Folge der flamboyanten britischen Serie „Cucumber“, zusammen mit der Schwesterserie „Banana“ der jüngste Streich von Russell T. Davies („Queer as Folk“; „Doctor Who“).

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