Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Filmkritik Nymphomaniac

Anglerlatein

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
    schließen

Das dicke Ende kommt erst noch: Lars von Trier hat sein Sexdrama „Nymph()maniac“ in zwei Teile geschnitten – den besseren zeigt er zuerst. Trier zeigt Charlotte Gainsbourg als eine tragische Figur, die Hilfe beim asexuellen Bücherwurm sucht und eine Lebensbeichte ablegt.

Jetzt sollen wir den Tag also schon vor dem Abend loben, das hat sich Lars von Trier schön ausgedacht.

Zwecks besserer Verwertbarkeit hat er seinen Fünfeinhalbstundenfilm „Nymph()maniac“ zerstückelt und bringt nun den ungleich besseren Teil zuerst ins Kino. Die Strategie – man kennt sie von Quentin Tarantinos „Kill Bill“ – ist nicht gerade publikumsfreundlich. Erst im April kann dann jeder in „Volume 2“ erleben, wohin die in Monologen vorgetragenen Memoiren der von Charlotte Gainsbourg gespielten Nymphomanin Joe noch führen werden. Und zu welch pseudo-kontroverser Soße sich auch die interessanteren Ideen und teils wunderbar ausgespielten Szenen vom Meister noch verrühren lassen.

Aber wenn man dann wenigstens alles gesehen hätte. Auch nach beiden Lieferungen bleiben immer noch rund anderthalb unbekannte Stunden übrig, als Summe kleiner Auslassungen – vorgesehen für eine spätere Veröffentlichung. Einen Vorgeschmack gab es auf der Berlinale, wo ein längerer Teil 1 eher Entbehrliches bescherte: die erkennbar mit Pornodarstellern gedoubelten Sexszenen wirkten länger ausgespielt.

Die Qualität des ersten Teils lässt alle Neugier auf Triers Arbeit berechtigt erscheinen

Auch Fans des Regisseurs mögen sich so zu Statisten in einer Marketingkampagne degradiert fühlen, die bald nach Abschluss der Dreharbeiten in Nordrhein-Westfalen begann. Monatlich veröffentlichte der Däne Ausschnitte seines angeblichen „Pornos“ im Internet. Eine Plakatserie zeigte Porträts vieler Darsteller beim (vorgetäuschten) Orgasmus, und – damit nicht genug – dänische Kritiker in gleicher Verzückung. Das Ergebnis ist, wenn überhaupt, ein Intellektuellen-Porno – und zugleich Lars von Triers zugänglichster Film seit der Fernsehserie „Hospital der Geister“.

Der erste Teil hat alle Qualitäten, die unsere Neugier auf Lars von Triers Arbeit berechtigt erscheinen lassen. Man sollte ihn genießen – ganz gleich, was uns später noch bevorsteht.

Es beginnt mit verführerischem Bühnenzauber. Geräusche in der Dunkelheit, dann leiser Schnee über einer dreckigen Gasse – so könnte eine Inszenierung der Oper „La Bohème“ an der Met beginnen. Die Leidensfigur am Boden ist Joe (Charlotte Gainsbourg), deren geschundener Körper sie in eine Reihe stellt mit ähnlichen Trier-Figuren aus „Breaking the Waves“, „Dancer in the Dark“ oder „Dogville“. Widerwillig lässt sie sich von einem Passanten auf die Beine helfen – einem asexuellen Bücherwurm namens Seligman (Stellan Skarsgård). Zum Dank für seine Hilfe, mehr noch jedoch, um ihre Unwürdigkeit zu beweisen, beginnt sie in seiner kargen, aber warmen Wohnung mit der Erzählung dessen, was man zu Zeiten von Josephine Mutzenbacher eine Lebensbeichte nannte. Nur, dass es für sie eigentlich nichts zu beichten gibt: Denn ihre Sexsucht, die schon den Teenager umtreibt, ist für sie ein natürlicher Bestandteil ihres Wesens. Erst wenn die Lust ausbleibt, hat sie ein Problem, dem sie im zweiten Teil noch mit den härtesten masochistischen Praktiken zuleibe rücken wird.

Die ersten vier Kapitel von „Volume One“ sind lediglich die Exposition – archetypische Stationen einer erotischen Initiation, wie sie in den siebziger Jahren für Softporno-Filme typisch war. Shia LaBeoufs Jerome kommt dabei die altbekannte Rolle des herzlosen Entjungferers zu, der gleichwohl für Joe zum emotionalen Fixpunkt wird. Doch von Trier, der einer der besten seines Faches ist, wenn er es nur will, nimmt jede dieser Szenen ernst, er inszeniert sie mit einer Meisterschaft, die dem pornographischen Klischee entgegensteht.

Immer wieder unterbrechen kulturgeschichtliche Einordnungen des Zuhörers die Erzählung dieser modernen Scheherazade. Seligman, Hobbyangler und Privatgelehrter, fühlt sich bei der Männerjagd der Schülerin auf Zugreisende an seine Erfahrungen im Fliegenfischen erinnert – und zitiert ausgiebig aus dem von Izaak Walton im 16. Jahrhundert verfassten Standardwerk zum Thema, „The Compleat Angler“. Und wenn Joe erklärt, wie sich drei parallele Liebhaber in ihrem Bewusstsein zum perfekten Sexpartner addieren, belehrt sie der Bach-Liebhaber um die Geheimnisse des Kontrapunkts

Alle Schönheit hat seinen Preis

Der „Cantus Firmus“ bleiben indes die mitunter hinreißend ausgespielten Episoden der Erinnerung. Selbst für einen genialischen Abstecher ins Psychodrama ist noch Raum, wenn Uma Thurman als betrogene Ehefrau eines der Männer mit drei Jungen in Joes Liebeshöhle einbricht, um den untreuen Vater vorzuführen.

Doch wie stets bei Lars von Trier hat alle Schönheit seinen Preis – und die Rechnung für den filmischen Genuss folgt im zweiten Teil. In der Nachfolge zu „Dogville“ repräsentiert der freundliche Herr Seligman, noch immer ein Stück weit Identifikationsfigur als Repräsentant des bildungsbürgerlichen Publikums, dann Doppelmoral und wohlfeile Empörung. Kann man den ersten Teil noch loben, wenn man den zweiten kennt?

Polternd wie bei seinem unseligen Selbstvergleich mit Hitler lässt Lars von Trier da seine Protagonistin in Bezug auf zwei afrikanische Sexpartner eine rassistische Terminologie verteidigen – da es doch undemokratisch sei, „politisch unkorrekte“ Wörter aus dem Vokabular zu tilgen. Bei Herrn Seligman stößt sie auf Empörung – bevor er sich in derselben Terminologie verplappert. An anderer Stelle ertappt sie den vorgeblichen Atheisten bei einem Blasphemie-Vorwurf. Oder entlockt ihm eine pauschale Verurteilung von Pädophilen, selbst wenn diese ihre Sexualität unterdrücken und sich an Recht und Gesetz halten. Und natürlich ist es auch mit seiner Sexualmoral, wenn er nur Gelegenheit bekommt, nicht weit her.

Wieder einmal statuiert Lars von Trier ein Exempel am Zuschauer, denn seine Überrumpelungsdramaturgie setzt auf simple Identifikation mit den vermeintlich unwidersprochenen Ansichten intellektuellen Spießertums. Das wird zugleich zur Kasse gebeten, gerne auch zweimal für denselben Film, denn dies ist, wie gesagt, ein zerschnittenes Einzelwerk. Weshalb es auch wenig Sinn machen würde, einen der Teile für sich zu betrachten – auch wenn das Ende nicht verraten werden soll. Letztlich gilt auch für erotisches Kino das, was Lars von Triers Heldin für ihre Liebesabenteuer reklamiert: Was bleibt übrig von der Lust, wenn am Ende des Akts ein übler „downer“ steht?

Nymph()maniac, Volume 1. Regie: Lars von Trier. DK/D/E 2013. 118 Min.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare