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„Angela Merkel - Im Lauf der Zeit“ im TV: Von der totalen Berechenbarkeit

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Von: Stephan Hebel

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Angela Merkel, für einige Zeit die ewige Kanzlerin.
Angela Merkel galt für einige Zeit als die ewige Kanzlerin. Dokumentarfilmer Torsten Körner zeigt die ehemalige Bundeskanzlerin in einem Film-Porträt. © MDR/BROADVIEW TV

Bei dem Film „Angela Merkel – Im Lauf der Zeit“ handelt es sich um ein TV-Porträt der ehemaligen Bundeskanzlerin, inszeniert von Dokumentarfilmer Torsten Körner.

Frankfurt – Eineinhalb Stunden Filmporträt sind schon fast vorbei, da spricht Angela Merkel einen Satz, der sie vielleicht besser beschreibt als 90 Fernsehminuten. Gefragt nach einer für ihre Verhältnisse leidenschaftlichen Bundestags-Rede zum Thema Corona sagt sie: „Das war der Versuch, durch eine sehr starke Emotionalität in Erinnerung zu rufen, dass das Virus eigentlich total berechenbar ist.“

Ein „politisches Roadmovie“ über die bis vor kurzem ewige Kanzlerin habe er machen wollen, sagt Torsten Körner, der Autor von „Angela Merkel – Im Lauf der Zeit“, aber so politisch nun offenbar auch wieder nicht. Es geht, so Körner, auch um „Empfindungen, die wir mit ihr geteilt haben“. In der Tat, darum geht es auch, und zwar vor allem in den peinlichsten Momenten dieses Films.

Film-Porträt über ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel: Innere Distanz geht nicht verloren

Wie gesagt: Zum Thema „Empfindungen“ hätte Merkels eigener Satz über den „Versuch“, durch „Emotionalität“ die Menschen von „totaler Berechenbarkeit“ zu überzeugen, voll und ganz ausgereicht. Was für eine wunderbare Selbstbeschreibung einer öffentlichen Person, für die – und das ist nicht unbedingt ein Vorwurf – selbst Emotionen noch Teil einer Versuchsanordnung sind, in der es vor allem um Berechenbarkeit geht.

Aber wir leben nun mal in Zeiten von Personalisierung und Emotionalisierung, und deshalb dürfen wir während der eineinhalb Stunden noch mehrfach bewundernd staunen, dass es sich bei dieser Frau offenbar um einen echten Menschen handelt.

Da strahlt die (auch der FR-Leserschaft nicht unbekannte) Berlin-Korrespondentin Kristina Dunz über „die Selbstironie“, „die diese Kanzlerin auch hat“, und der Schauspieler Ulrich Matthes schwärmt, privat sei sie „so viel impulsiver, lustiger“ und, Achtung: Den Matthes hat sie am Ende eines Gesprächs über private Sorgen sogar einmal in den Arm genommen.

Wer es braucht, mag all das genießen, und unfair gegenüber diesem Film wäre die Unterstellung, dass er mehr nicht zu bieten hätte als dieses vom Boulevard entlehnte Niveau. Tatsächlich scheint das „Politische“ am „Roadmovie“ deutlich auf: Vor allem die differenziert-kritischen Interviewpassagen mit der Grünen-Politikerin Aminata Touré, der Klimaaktivistin Luisa Neubauer, der Migrationsforscherin Naika Faroutan und der Virologin Melanie Brinkmann sorgen dafür, dass Körners Stück nicht in die gefährlichste Porträt-Falle läuft: vor lauter Annäherung an eine Person die innere Distanz zu verlieren. Dass auch Barack Obama, Christine Lagarde und Theresa May zu Wort kommen, ist sehr schön, aber nicht ganz so erkenntnisfördernd wie die Anmerkungen der zuerst genannten Frauen.

Angela Merkel im Film-Porträt: Kanzlerin mit Souveränität

Allerdings, und das lässt das Ergebnis trotz aufwendiger Inszenierung im Graubereich zwischen Bedeutungsschwere und Belanglosigkeit verharren: Der Film macht nicht einmal den Versuch einer gewissen analytischen Tiefe. Nicht beim Thema Finanzkrise, nicht beim Klimaschutz, nicht bei Migration, Corona oder Außenpolitik. Am ehesten dort, wo fundamentale Kritik tatsächlich eher fehl am Platze wäre: Die Souveränität, mit der Angela Merkel sich in einer männerdominierten Welt durchgesetzt hat, kommt überzeugend zum Ausdruck.

Aber da, wo es kritisch wird, bleibt das Ganze doch sehr an der Oberfläche. Beispiel Flucht: Da schildert die ehemalige Bundeskanzlerin die Entwicklung bis zum Herbst 2015 in ihrer ganz speziellen Art als „Zuspitzung einer sich aufbauenden Situation, die dann kulminierte mit dieser ungarischen Situation“ – als hätte es sich bei den Fluchtbewegungen bis an die ungarisch-österreichische Grenze und bei den unzähligen Toten im Mittelmeer um ein Naturereignis gehandelt und nicht um das Ergebnis auch deutscher und europäischer Politik. Und die Journalistin Dunz jubelt: „Dann haben Sie eine Kanzlerin, deren erste Aufgabe, die sie sich selbst gestellt hat, war, Humanität zu zeigen.“

„Angela Merkel – im Lauf der Zeit“

Arte, 20.15 Uhr – ARD, So., 21.45 Uhr. Schon jetzt in den Mediatheken von Arte und ARD.

Es ist schon skurril, dass es Merkel selbst ist, die zugegeben hat, sich zu lange auf das Dublin-Verfahren verlassen zu haben, das vor allem den Zweck erfüllte, Geflüchtete von den deutschen Grenzen fernzuhalten. Dass dann aber das EU-Türkei-Abkommen faktisch dem selben Ziel diente, nur dass die Abschottung jetzt an die europäischen Außengrenzen verlegt wurde, findet nicht einmal Erwähnung. Da gehen die kritischen Anmerkungen, etwa von Aminata Touré, zur insgesamt restriktiven Asylpolitik fast unter.

Der Film, der bei den TV-Sendern Arte und ARD ausgestrahlt wird und der auf eigene Kommentare ganz verzichtet, sei „deutungsoffen“, hat Autor Körner gesagt. Er wolle „nicht behaupten, ich wüsste, wie es hätte besser sein können“. Ja, dass Körner das weiß, hätte sicher auch niemand verlangt. Aber sich ein bisschen mehr dafür zu interessieren, „wie es hätte besser sein können“, das hätte dem Film sicher gutgetan. (Stephan Hebel)

„Angela Merkel – ihr Weg, ihre Geheimnisse, ihre Zukunft“: RTL hat der deutsch-deutschen Karriere der ehemaligen Kanzlerin zum Abschied im vergangenen Jahr einen vierstündigen Themenabend gewidmet.

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