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Ryan Gosling (links) und Harrison Ford in einer Szene des Films "Blade Runner 2049".
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Ryan Gosling (links) und Harrison Ford in einer Szene des Films "Blade Runner 2049".

"Blade Runner 2049"

Was Androiden wirklich träumen

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Die Fortführung von Ridley Scotts Meisterstück: "Blade Runner 2049" ist mehr als der Replikant eines Klassikers.

Ginge es nach Regisseur Denis Villeneuve, dann stünden wohl nur ein paar Bilder und die Namen der Mitwirkenden seiner Blade-Runner-Fortsetzung auf dieser Seite. Jeder Pressevorführung auf der Welt hatte er eine Bitte vorangestellt, unterzeichnet jovial mit seinem Vornamen: „Meine lieben Freunde, lasst die Zuschauer den Film so sehen, wie Ihr ihn gesehen habt und verratet keine Details, die für die Handlung relevant sind.“ Diese Chance sei an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich gegeben: Wer nichts über „Blade Runner 2049“ wissen möchte, der lese ab jetzt einfach nicht mehr weiter.

Gewiss, viele Science-Fiction-Filme führen in Gesellschaftssysteme, in denen Informationen einer strengen Zensur unterliegen oder gar das Lesen selbst unter Strafe steht. Aber diese Zukunft muss ja nicht schon heute beginnen.

Tatsächlich ist die Bedeutung von Einzelheiten für das Verständnis einer Geschichte sogar ein zentrales Motiv dieser neuerlichen Selbstfindungsgeschichte eines Replikanten-Jägers. Auch dreißig Jahre nach der Handlung des ersten Films heißt dieser traurige Beruf „Blade Runner, und der von Ryan Gosling gespielte „K“ ist einer von ihnen. Selbst ausgewiesen als Replikant einer neuen, auf Gehorsam gedrillten Replikantengeneration, spürt er in detektivischer Präzision die Vorgängermodelle seiner eigenen Spezies auf, um einem möglichen Aufstand dieser künstlichen Untermenschen zuvor zu kommen.

Wie verlässlich sind Erinnerungen?

In einer der schönsten Szenen will der Mann, dessen verkürzte Typenbezeichnung schon etwas auffällig nach Kafka klingt, wissen, was er in seinem Kopf trägt: Sind seine Kindheitserinnerungen lediglich Implantate oder wurden sie von ihm tatsächlich erlebt? Und wer wüsste dies besser, als jene Spezialisten, die diese falschen Erinnerungsfilme produzieren? So stattet er einer professionellen Traumweberin einen Besuch ab, Dr. Ana Stelline, der, wie es heißt, besten in diesem Geschäft.

Welche Überraschung, dem Schweizer Nachwuchstalent Carla Juri in dieser Rolle zu begegnen: nach den allzu menschlichen „Feuchtgebieten“ umweht sie diesmal eine geradezu jenseitige Feenhaftigkeit. Als ätherische Medienkünstlerin, ist sie auf Grund einer Krankheit in einer gläsernen Labor-Kuppel gefangen. Hier illustriert sie, ganz aus ihrer Phantasie, Kindheiten, die nie gelebt wurden.

Welche Fortschritte diese Trugbilder doch in der Zwischenzeit gemacht haben, seit den Tagen, als man sie noch an der Mitwirkung ominöser Einhörner erkennen konnte! „Es ist nicht die Menge der Details, an denen man wahre Erinnerungen erkennt“, erklärt sie ihrem Besucher, „es ist die Dichte des Gefühls.“

Ein hochemotionaler und dabei kluger Film

Und was ihr der Replikant da aus seinem Gedächtnisspeicher in einen altmodischen Guckkasten überspielt, der aussieht wie aus der Vorgeschichte des Kinos, das treibt ihr gar die Tränen in die Augen: Eine solche Gefühlsdichte wie in der Geschichte des kleinen Jungen, der ein geschnitztes Pferd vor einer gierigen Kinderbande versteckt, könne man wirklich nicht selber machen. Gern geben wir dieses Kompliment weiter an Regisseur Villeneuve, auch wenn ihm unser Schweigen lieber wäre: „Blade Runner 2049“ ist ein hochemotionaler und dabei geschliffen kluger Film, ein Augenschmaus und eine dunkel-melancholische Ballade. Kurz gesagt, er hat genau die Qualitäten, die Ridley Scotts Film zum Klassiker gemacht haben.

Diese neuerliche Identitätssuche eines Replikanten-Jägers, der fürchten muss, sein eigenes Ziel zu sein, übertrifft alle Erwartungen, und das nicht nur wenn man die Maßstäbe von Hollywoods Franchise-Industrie zu Grunde legt. Auch wenn natürlich weitere Blade-Runner-Filme in Gestalt unaufgelöster Handlungsstränge in den Startlöchern stehen, wendet sich Produzent Ridley Scott an ein Erwachsenenpublikum. Es ist zum Glück kein Actionfilm geworden, aber auch keine Wiederholung der alten Muster.

Nicht einmal die berühmte Filmarchitektur erlebt eine Wiederauferstehung. Nur in wenigen Szenen zeigt sich die futuristisch-verkommene Downtown von Los Angeles noch im schwelgerisch-flackernden Neonlook. Eine ökologische Katastrophe hat die Landschaft verwüstet und den Dauerregen des Originalfilms durch ebenso poetischen Schneefall ersetzt.

Der Erzählton ist wie ehedem getragen, aber auch deutlich konzentrierter. Ryan Goslings faszinierende Erscheinung mag wie einst Harrison Ford einen schlafwandlerischen Fatalismus ausstrahlen – die Erzählführung selbst ist hellwach in ihrer Langsamkeit. Und wenn K schließlich auf seiner Reise, die ihn vom Kopf- zum Sinnjäger gewandelt hat, auf seinen Ahnen trifft, ist dies nicht weniger als ein historischer Kinomoment: Länger als eine normale Spielfilmdauer warten wir auf diesen Augenblick, doch wie lange mag der Blade Runner, auf seine drohende Enttarnung gewartet haben? Mit einem Hund und Tausenden von Whiskyflaschen hat er es sich in einer verlassenen Luxusetage gemütlich gemacht. Ford zelebriert seinen feinsten Minimalismus. Gerade so als hätte er Villeneuve gesagt: „Gut, ich spiele euch das, aber gebt mir nicht mehr als zwanzig Zeilen Text.“

Im dekadenten Bar-Ambiente ist das Neo-Noir-Genre, das Ridley Scott im Jahr 1982 maßgeblich prägte, noch einmal ganz bei sich. Aus einer retro-futuristischen Jukebox singt Frank Sinatra als holographische Miniatur sein „One More For The Road“. Und unterbricht damit vorübergehend die elegischen Keyboard-Harmonien des Scores von Hans Zimmer und Benjamin Walfisch.

Die Fragen von Identität und Originalität

Wie gut müssen sie die Originalmusik von Vangelis kennen, um ihr derart subtil huldigen zu können, ohne sie zu bestehlen.Und wie lässig kehrt der 79 Jahre alte Drehbuchautor Hampton Fancher nach all den Jahrzehnten zurück in seine Adaption des Romans von Philip K. Dick, den er forterzählt, ohne ihm etwas von seinem Geheimnis zu nehmen.Die Fragen von Identität und Originalität, von Einmaligkeit und Reproduzierbarkeit von Schöpfung und Kultur haben die Postmoderne, die sie groß machte, schadlos überdauert. Nur ihre pompösen Paläste sehen wir in schwelgerischer Dekadenz verfallen.

Deutlicher noch als im vorangegangenen Werk durchdringt das kapitalismuskritische Motiv der Ungleichheit den Film. Goslings Replikant scheint zur Willenlosigkeit programmiert, doch welch subtile Liebesbeziehung entwickelt er seinerseits zu einer virtuellen Geliebten, die nichts ist als ein Computerprogramm? Ana de Armas spielt sie als herzergreifend animiertes Pin-Up, eine Männerphantasie, die gerade entdeckt, dass in ihr wohl auch eine geheime Seele schlummert. Androiden, nun wissen wir es, träumen nicht mehr von elektrischen Schafen, es ist noch etwas trauriger geworden: Sie haben sich in eben jener digitalen Ersatzwelt eingerichtet, die auch uns Menschen jeden Tag mehr verführt.

Blade Runner 2049. USA 2017. Regie: Denis Villeneuve. 163 Min.

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