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Ziemlich allein unter Männern: Felicity Jones als Ruth Bader Ginsburg.

„Die Berufung“

Das andere Amerika

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„Die Berufung“: Mimi Leders eindrucksvoller Spielfilm über die US-Richterin Ruth Bader Ginsburg.

Das erste, was man in diesem Biopic über die Supreme-Court-Richterin Ruth Bader Ginsburg hört, ist die Hymne „Ten Thousand Men of Harvard“. Man sieht schwarze Lederschuhe, die übers Pflaster gehen, und plötzlich – inmitten dieses Männerheers – zwei Pumps. Auch wenn es tatsächlich neun Studentinnen waren, die 1956 unter 500 Studenten ein Jurastudium an der Eliteuniversität begannen, hätte man kaum eindrucksvoller in Szene setzen können, dass sie Ausnahmeerscheinungen waren.

Es fehlt in dem Film der Regisseurin Mimi Leder auch nicht die Szene, in der der Dekan diese neun darauf hinweist, dass jede von ihnen einem Mann seinen Platz wegnehme. Dies geschieht bei einem festlichen Abendessen, und jede von ihnen hat aufzustehen und ihre Gründe für die Wahl des Studiums darzulegen. Ruth Bader Ginsburg (Felicity Jones) sagt, sie wolle ihren Mann, bereits im zweiten Studienjahr, unterstützen und besser verstehen. Ganz schön frech, könnte man denken. Aber Ruth Bader Ginsburg konnte sich darauf verlassen, dass dem Fragesteller die Ironie entging. Dozenten, die Frauen nichts zutrauen, beeindruckt sie dann mit ihrer Brillanz.

Die heute 85 Jahre alte Ruth Bader Ginsburg ist eine Ausnahmejuristin. Seit 1993 gehört sie dem Supreme Court an, dem Obersten Gericht der USA, dessen Angehörige nicht unbedingt in der Öffentlichkeit stehen. Ginsburg aber ist im Lauf ihrer Tätigkeit zur Pop-Ikone geworden, deren Konterfei T-Shirts ziert und Kaffeetassen. Und wenn sie sich drei Rippen bricht, wie vergangenen November, dann macht das Schlagzeilen in der „New York Times“.

Der Spielfilm, dessen Drehbuch ein Neffe Ginsburgs geschrieben hat, beschränkt sich auf die Studienzeit und den Beginn von Ginsburgs Karriere. Von den Hindernissen, die ihr in den Weg gelegt werden, denn sie scheitert nach abgelegtem Prädikatsexamen bei sämtlichen New Yorker Anwaltskanzleien, bei denen sie sich bewirbt. Die Ehefrauen der Partner könnten womöglich eifersüchtig auf die neue, hübsche Kollegin werden, begründet einer seine Absage. Der einzige Mann, der Gleichberechtigung praktiziert, ist Ginsburgs eigener. Er kocht und setzt sich mit der pubertierenden Tochter auseinander, und so hollywoodesk diese ideale Ehe einem vorkommen mag, es hat diesen liebevoll unterstützenden Ehemann Marty tatsächlich gegeben. Er war als Steueranwalt erfolgreich.

Ein Mann wird diskriminiert

Im Zentrum des Films steht Ruth Ginsburgs erster bekannter Fall im Jahr 1972, in dem es um Diskriminierung geht. Ein Mann ist betroffen und Bader Ginsburg erkennt sofort die einmalige Chance, die in dieser Konstellation steckt. Charles Moritz, ein Vertreter aus Denver, beschäftigt eine Krankenschwester, die sich um seine kranke Mutter kümmert, wenn er unterwegs ist. Doch er kann die Kosten dafür nicht steuerlich absetzen, weil er Junggeselle ist, während eine Frau oder ein Witwer es tun könnten. Das macht Paragraph 214 des Steuergesetzes zu einem Gesetz, das auf der Grundlage von Geschlecht diskriminiert. All dies wird im Film komplex ausgeführt, ohne dass das schwerfällig wirkt oder die Spannung minimiert. Im Gegenteil, man würde am liebsten noch viel mehr Fälle verhandelt sehen.

„Die Berufung“ ist bereits der zweite Film über Bader Ginsburg in kurzer Zeit, er folgt der Dokumentation „RGB“, man kann das als Ausdruck von Sehnsucht nach einem anderen, einem besseren Amerika deuten. Auch „Die Berufung“ ist eine Liebeserklärung an diese besondere Frau, doch gelingt ausgerechnet der etwas artig erzählten Fiktion etwas, das man eher dem Dokumentarfilm zugetraut hätte: Mit Hilfe einiger Details verortet und verankert er das Individuum in seiner Zeit. Da sind das Kleid mit grafischem Muster und die großen Ohrringe von Ginsburg, eine Anti-Vietnamkrieg-Demonstration, an der sie auf dem Weg zur Arbeit vorbeikommt und die aufmüpfige Tochter, die mit großer Klappe drei Bauarbeiter zurechtweist, die ihre Mutter und sie provoziert haben. Und so erklärt einem ausgerechnet der Spielfilm, dass Ruth Bader Ginsburg nicht nur deshalb Erfolg hatte, weil sie eine brillante Juristin ist.

Ein Film, der zum Nachdenken über das Verhältnis von Gesetzgebung und Gesellschaft anregt, passt gut in diese Zeit.

Die Berufung. USA 2018. Regie: Mimi Leder. 120 Min.

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