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Joseph Gordon-Levitt als Edward Snowden und Shailene Woodley als Lindsay.
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Joseph Gordon-Levitt als Edward Snowden und Shailene Woodley als Lindsay.

„Snowden“

Amerikas Natural Born Hero

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Oliver Stones Filmbiografie „Snowden“ überrascht mit einer für diesen Regisseur ungewohnten Geradlinigkeit – das macht ihn so aufrichtig.

Ein junger Mann sucht seinen Weg. Nach dem 11. September 2001 tritt er den Special Forces der Armee bei, um etwas für sein Land zu tun. Doch Patriotismus allein macht noch nicht unbesiegbar. Nach einer Verletzung im Training wechselt er in die geheimen Dienste der CIA, später der National Security Agency, der NSA. Es ist ein typischer Anfang für einen Action- oder Spionagefilm, doch sein Genreheld stammt in diesem Fall aus der Wirklichkeit.

Edward Snowden heißt der junge Mann, und auch wenn es nicht auf dem Plakat stehen würde: Joseph Gordon-Levitts Darstellung ist unverkennbar. Vor allem im ruhigen, scheinbar emotionslosen Sprachduktus hat der Schauspieler das reale Vorbild auf den Punkt getroffen. Es ist jene Ausstrahlung jungenhafter Unbeirrbarkeit, die Edward Snowden schon bei seinem ersten Interview mit Glenn Greenwald vor Laura Poitras Kamera in einem Hongkonger Hotel auszeichnete – auch wenn man damals nicht recht wusste, ob nun das erlernte Pokerface des Geheimdienstlers hinter diese Coolness steckte oder einfach nur die Lässigkeit des Nerds.

So geradlinig wie „Snowden“ beginnt, setzt sich dieses Biopic fort, erzählt in chronologischen Rückblenden vor dem Hintergrund der Geschichte seines Leaks im Jahre 2013. Biografisch ausgerichtete Filme sind Denkmalfilme, und Oliver Stone, der Regisseur, hat sich dabei eher für glatte Bronze als für experimentelle Kunst entschieden. Diesmal ist nicht der Bilderstürmer von „Natural Born Killers“ am Werk, der mit formalen Experimenten mindestens so gerne polarisierte wie mit politischen Inhalten. Der 1940 geborene Filmemacher verlässt sich bei seiner Hommage an den von ihm fraglos zutiefst verehrten jungen Helden auf klassisches Filmhandwerk.

Es ist formal Oliver Stones wohl geschlossenster Film, und fast ist man überrascht, dass dieser Regisseur zu einer so – man muss wohl sagen – unscheinbar-gefälligen Form überhaupt fähig ist. Aber nichts soll sich diesmal offenbar der guten Absicht in den Weg stellen.

Edward Snowden und Oliver Stone: Zumindest in den USA rufen beide Namen ganz ähnliche Schwingungen hervor. Der Treuebuch des Geheimdienstdienstlers, der mit seinem persönlichen Verrat einen höheren Verrat anklagt, den des Staates an seinen Verfassungswerten, rührt an ein ewiges Dilemma: Oliver Stone, der selbst damals als Vietnamkriegsteilnehmer zum Kriegsgegner wurde, legte bereits in seinen frühen Filmen den Finger in diese Wunde. Es waren kriegskritische Kriegsfilme, die den Boden legten für ein Filmwerk voller Zweifel am eigenen Land: Vom kapitalistischen Dogma der „Wall Street“ über die offizielle Aufarbeitung des Kennedy-Attentats („JFK“) wandte sich Stone schließlich in seinen Dokumentarfilmen noch umstritteneren Positionen zu: Er weckte beispielsweise Sympathien für Palästinenserpräsident Arafat („Persona non grata“), für Kubas Staatschef Castro („Comandante“) oder und den Venezolaner Hugo Chávez (in „South of the Border“).

Lediglich seine Bush-Satire „W“ vermochte nicht mehr ernsthaft zu polarisieren – Gegner wie Anhänger des Produzenten konnten sich bald darauf einigen, dass Oliver Stone hier künstlerisch einfach nicht ganz auf der Höhe war. Das, wie gesagt, soll diesmal nicht passieren.

Der Vorwurf der Heldenverehrung steht im Raum, aber andererseits – welchen zweiten Helden gäbe es denn derzeit zu verehren? Stone muss schon eine ganze Weile suchen, um doch noch einen kleinen Makel an seiner Lichtgestalt zu finden: Da treibt diesen für einen Augenblick die heillose Eifersucht, und er gibt die Handynummer seiner Freundin Lindsay – gespielt von Shailene Woodley – in die omnipotente Suchmaschine ein. Dass ausgerechnet dieser doch recht harmlose Missbrauch seiner Arbeitsmittel dem Vorgesetzten auffällt, wird dem Edward Snowden dieser Geschichte freilich eine Lehre sein. Nächstes Mal geht er vorsichtiger zur Sache.

In den Vereinigten Staaten reagierte die Kritik äußerst gespalten auf „Snowden“ – relativ schwach startete er dort auch in den Kinos –, doch oft hat man dabei das Gefühl, dass formale Kritik lediglich ein Vorwand dafür ist, die Denkmalwürdigkeit gerade dieses modernen Helden anzuzweifeln.

Nein, dieser Film ist genau das, was er sein soll, geworden, nicht mehr nicht weniger. Eine durchaus mitreißende, sachlich stimmige Nacherzählung der Geschichte. Geheimnisse gibt es nicht darin zu entdecken – dafür sind die wirklichen schon mächtig genug.

Snowden. F/USA/D 2016. Regie: Oliver Stone. Mit Joseph Gordon-Lewitt, Shailene Woodley, Melissa Leo. 134 Minuten.

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