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Der scheinheilige Familienvater und seine Frau: Gardner Lodge (Matt Damon) und Margaret (Julianne Moore).

Neu im Kino: "Suburbicon"

Der amerikanische Surrealismus

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George Clooney verfilmt die Coen-Brüder, blickt aber nur oberflächlich in die Abgründe der amerikanischen Mittelschicht.

Schwer zu sagen, wer als erster in Hollywood die sauberen Vorgärten amerikanischer Wohnviertel nach vergrabenen Leichen durchforstete. Jedenfalls lange bevor David Lynch in seinem modernen Klassiker „Blue Velvet“ dekorativ ein abgeschnittenes Ohr hinter einem weißen Gartenzaun platzierte, erzählte schon Alfred Hitchcock in gesitteter Umgebung von bösen Onkeln mit guten Manieren („Im Schatten des Zweifels“). Oder von verscharrten Leichen, die einfach nicht verschwinden wollten („Immer Ärger mit Harry“).

George Clooney muss also seiner neuesten schwarzen Komödie keine lange Einführung vorausschicken. Wer einen Film über eine archetypische amerikanische Grusel-Vorstadt „Suburbicon“ nennt, kann sich auf wohlige Erwartungen stützen: Bald schon werden sich jene Abgründe auftun, die Susan Sontag einmal den „amerikanischen Surrealismus“ genannt hat.

In erlesenen Bildern führt Clooney in eine 50er-Jahre-Kleinstadt, deren Pastellfarben das makabre Geschehen nicht zu überdecken vermögen. Schon in der ersten Szene zeigt eine biedere weiße Mittelschicht ihre grimmigste Fratze, wenn sich vor dem Haus der neuen Nachbarn ein Mob versammelt. Die Neuankömmlinge Mr. und Mrs. Mayers mögen zwar an Fleiß und Ordnungsliebe den Idealen der typischen Vorortbewohner entsprechen, nur sind sie schwarz und deshalb unerwünscht.

Dies könnte der Beginn eines historischen Dramas von politischer Aktualität sein – zumal es tatsächlich 1957 im Städtchen Levittown in Pennsylvania ein afroamerikanisches Ehepaar namens William und Daisy Myers gab, das monatelang unter der Gewalt seiner weißen Nachbarn leiden musste. Dann aber passiert George Clooney, was ihm nicht passieren dürfte: Er verliert das Interesse an ausgerechnet diesen Figuren, ja er verliert sie förmlich aus den Augen. Mr. und Mrs. Mayers sind nicht mehr als das, was Hitchcock einen „McGuffin“ nannte – eine falsche Fährte, gerade einmal gut genug, eine bestimmte Stimmung anzuschlagen. 

Vom Sozialdrama zum Thriller zur pechschwarzen Komödie

Hitchcock ist tatsächlich den ganzen Film hindurch präsent als unerreichtes Vorbild, insbesondere für Komponist Alexandre Desplat, der sich am stechenden Blech und den orchestralen Dissonanzen seines Hauskomponisten Bernard Herrmann orientiert. Und damit die finsteren Pläne jenes Musterexemplars des bigotten weißen Bürgertums untermalt, das Clooney so viel mehr interessiert als dessen schwarze Nachbarn.

Matt Damon spielt einen scheinheiligen Familienvater, der seine von Julianne Moore gespielte Frau von bestellten Einbrechern ermorden lässt (das ist nicht zu viel verraten, denn man ahnt es unmittelbar). Unrettbar verstrickt sich der Versicherungsbetrüger bald in seinem eigenen schlechten Plan, und der Ton des Films wandelt sich nun schon zum dritten Mal: Aus dem Sozialdrama ist nach einem bösen Thriller nun eine pechschwarze Komödie geworden. Müssten wir nicht zugleich um das Leben seines kleinen Sohns fürchten, schadenfroh würden wir dabei zusehen, wie sich der denkbar unbegabte Missetäter seine eigene Grube gräbt. Tatsächlich aber ist es vor allem Clooney, der sich eine Falle nach der nächsten stellt.

Clooneys Ironie ist zu laut für einen film noir

Immer wieder gelingen ihm pointierte Szenen, und für den makellosen Look hat er einen der besten Kamerakünstler engagiert, Robert Elswit, der für „There will Be Blood“ einen Oscar bekam. Doch die Szenen stellen sich dar wie eine Art makabrer Slapstick. Das Genre, das hier Pate steht, der film noir, ist gut geeignet für feine Ironie, doch Clooneys Ironie ist eher laut.

Gerne sagt man über Regisseure, sie seien so wie ihre Filme, und irgendwie gilt das auch für Clooney. Seine Filme sehen sehr gut aus, sie sind smart, intelligent und schlagfertig. Aber man ist sich nie sicher, wie viel es unter ihren Oberflächen zu entdecken gibt oder ob gar ein großes Herz in ihnen schlägt. Das Drehbuch, das er nach gründlicher Bearbeitung verfilmte, stammt von Joel und Ethan Coen. Die Brüder schrieben es 1986, ganz am Anfang ihrer Karriere, und vielleicht ließen sie es erst mal liegen, als sie im selben Jahr David Lynchs „Blue Velvet“ in den Kinos sehen konnten. 

Es ist schon erstaunlich, wie gut sich ihre pessimistischen Notizen aus der Provinz gehalten haben: Der Coen-Film „Fargo“ ist als erfolgreiche Fernsehserie zurückgekehrt, Lynchs „Twin Peaks“ erlebte in seiner dritten Staffel ein grandioses Comeback. Dagegen wirkt Clooneys Film wie das Werk eines gelehrigen Schülers: Seine hervorstechenden Tugenden sind Fleiß und Ehrgeiz, sind das Gutgemachte. Also eigentlich genau die Ideale der Menschen von Suburbicon.

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