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„Ambulance“ im Kino: Sekundenarbeit

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Von: Daniel Kothenschulte

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Jake Gyllenhaal als Danny Sharp in einer Szene des Films „Ambulance“. Foto: Andrew Cooper/Universal Pictures/dpa
Jake Gyllenhaal als Danny Sharp in einer Szene des Films „Ambulance“. © dpa

Michael Bays „Ambulance“ ist eine Rettungsfahrt des Kinos: Ein überraschend virtuoser Blockbuster

Wenige Tage vor den Oscars steht das US-amerikanische Kino am Scheideweg – und mit ihm das Überleben der kommerziellen Filmtheater in aller Welt. Keiner der großen Qualitätsfilme, wie sie üblicherweise zu den Favoriten zählen, spielte seine Kosten auf der Leinwand ein, nicht „West Side Story“, „Licorice Pizza“, „King Richard“ und erst recht nicht die Netflix-Produktion „The Power of the Dog“. Wie es scheint, wird man in absehbarer Zeit nur noch im Blockbusterformat mit teuren Filmen Kasse machen können. Zu groß ist die Konkurrenz der Streamingdienste.

Einem Regisseur und Produzenten wie Michael Bay kann da gelingen, was sonst nur seinen Muskelmännern und Transformern vergönnt ist: Er kann zum Helden werden. Sein neuer Actionfilm „Ambulance“ kommt genau zur rechten Zeit: Die Maskenpflicht fällt, die Kinos dürfen bald wieder Menschenmassen aufnehmen – wenn sie denn kommen. Und das werden sie, denn dieser Film ist eine echte Überraschung. Diese Verfolgungsjagd zweier Bankräuber auf der Flucht in einem Krankenwagen ist reines Kino. Ein „No-Brainer“, wenn man so will, aber wie viel Expertise steckt dahinter und vor allem wie viel Gefühl für das Elementare eines Kinoerlebnisses. Hinzu kommt die Symbolik eines Ausbruchs aus der Pandemiezeit.

Die Heldin ist eine Notfallretterin, die an ihrem gestohlenen, rollenden Arbeitsplatz einen angeschossenen Polizisten operiert. Hilfreiche Anweisungen geben ihr gönnerhaft per Smartphone Chirurgen vom Golfplatz. Rund zwei Stunden rast, nein fliegt die Ambulanz durch die Straßen und Freeways von Los Angeles. Die Anzahl der Streifenwagen, die ihr auf den Fersen sind, potenziert sich ins Absurde. Bemerkenswert ist die soziale Komponente: Der Mann am Steuer ist ein afroamerikanischer Kriegsveteran, ein von seinem Land vergessener Afghanistan-Heimkehrer, der sich widerstrebend vom kriminellen weißen Stiefbruder für den Coup hat anheuern lassen. Eigentlich hatte er sich nur Geld für die Operation seines Babys leihen wollen. Ja, es ist eine absurd konstruierte Backstory, doch so ist es nun einmal im formelhaften Genrekino, wenn es sich zum Blockbusterspektakel aufplustert.

Die Themen, die Bay seinem Virtuosentum zugrunde legt, können nicht einfach genug sein. Daraus errechnet sich so etwas wie das Gegenteil von Fallhöhe, wie sie Klassikeradaptionen zu fürchten haben: die Sprunghöhe. Er kann nur gewinnen. Formal firmiert sein Film als Remake des dänischen Films „Ambulance – Rette sich wer kann“ von 2005, doch von Laurits Munch-Petersens Low-Budget-Produktion ist nicht mehr als die Handlungsidee geblieben.

Mindestens 30 Wendungen

So funktionierte schon immer die Kunst der Variation. Tatsächlich erfindet Bay mindestens 30 Wendungen für diese einfache Idee. Das Ähnlichste, was es in den letzten Jahren im virtuosen Montagekino gab, war „Mad Max – Fury Road“, zugegeben als surreales Kunstwerk auf anderer Ebene angesiedelt. George Millers Film erhielt damals den Jahrespreis des Weltkritikerverbands.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich das Kino in Zeiten der Krise auf seine einfachen technischen Wunder besinnt. Erfunden wurde es schließlich, um Bewegungen darzustellen, und sein erster Star war 1895 ein ankommender Eisenbahnzug. Als das Hollywoodkino in den frühen Siebzigerjahren in einer schweren Krise steckte, erfand Steven Spielberg sich selbst und das neue Blockbusterkino mit dem Auto-Horrorfilm „Duell“. 1994 schließlich gab der Niederländer Jan de Bont dem Genre einen neuen Schub mit dem archetypischen Verfolgungsjagdenthriller „Speed“. Wenn sich Bay nach seiner mit Digitaleffekten hochgezüchteten „Transformers“-Serie und der enttäuschenden Netflix-Produktion „6 Underground“ gerade für dieses Projekt entschieden hat, hat das auch etwas von gesunder Rockstareitelkeit. Vergleichbar einem Unplugged-Konzert – aber bitte weltweit übertragen: Minimalismus und Maximalismus liegen nahe beieinander.

Auf der einen Seite ist es ein Kammerspiel an einem denkbar reduzierten Schauplatz, das dem Darstellertrio mehr abverlangt als ein gewöhnlicher Actionfilm. Jake Gyllenhaal lässt die Exzesse des Gelegenheitskriminellen und Drahtziehers der Operation psychologisch überraschend, aber glaubhaft erscheinen. Yahya Abdul-Mateen II verleiht diesen Zwischentönen als liebender und doch distanzierter Stiefbruder zusätzliche Substanz. Und Eiza González spielt ihre absurde Actionrolle als heroische Notfallhelferin mit einer Portion Ironie – etwa wenn sie bis zum Ellenbogen im Körper des Verletzten wühlend nach der Kugel sucht.

Aber auch das waren Verfolgungsjagdenfilme schon immer – Alibis für abstruse Verwicklungen. Im Rausch der Geschwindigkeit landen eben nicht wie in anderen Filmen alle Handlungsdetails auf den Goldwaagen der Glaubwürdigkeit.

Zum Ende allerdings meint es Michael Bay dann ernst mit seinem Inhalt, und sein Rockkonzert gewinnt an Pathos. Aber auch hier macht er einen Punkt: Als der afroamerikanische Verdächtige hilflos am Boden liegt, warten weiße Polizisten nur darauf, dass er verblutet. Kein Augenblick bei diesen zwei Stunden und sechzehn Minuten verstreicht ungenutzt. Und diese Szene braucht nur wenige Sekunden, um ihren politischen Zündstoff zu entfachen. Wer hätte das gedacht, vom „Pearl Harbour“-Regisseur? Man staunt nicht schlecht in „Ambulance“.

Ambulance. USA. Regie: Michael Bay. 136 Min.

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