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Das Herumschleppen von Babypuppen gehört zum pastoralen Sexualkundeunterricht. Hier Francesca Reale und Natalia Dyer.
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Das Herumschleppen von Babypuppen gehört zum pastoralen Sexualkundeunterricht. Hier Francesca Reale und Natalia Dyer.

Amazon-Film

„Yes, God Yes“: Gottes vergessene Kinder

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Karen Maines Debütfilm „Yes, God, Yes“ ist eine hinreißend ironische Abrechnung mit dem christlichen Fundamentalismus.

Man hat viel gelesen über den Bible Belt, die Bastion des konservativen Protestantismus in den Südstaaten. Dieser unheimliche Nährboden für antidemokratisches Gedankengut ist seit den vergangenen Präsidentschaftswahlen auch außerhalb der USA zum Begriff geworden und hat schon lange eine eigene Ikonografie hervorgebracht. Zuletzt schwelgte Ron Howards Netflix-Spielfilm „Hillbilly Elegy“ in den bekannten, urig-schaurigen Bildern des Lumpenproletariats. Wer fotografiert, muss nicht lange suchen, um zu finden, wofür schon Susan Sontag ein Wort geprägt hat – den „amerikanischen Surrealismus“.

Hier ist nun ein ganz anderer Film über christlichen Fundamentalismus in den USA, erzählt im Gewand einer leichten Coming-of-Age-Komödie und weit entfernt von den erwartbaren Bildwelten. Debüt-Regisseurin Karen Maine sagt uns nicht, wo genau im Mittleren Westen sie „Yes, God, Yes“ in den frühen 2000ern angesiedelt hat. Auch ist es zur Abwechslung eine katholische Jugendgruppe, in die es die etwa 15-jährige Protagonistin Alice verschlägt, nicht nur weil es ihre Eltern wollen. Auf der Klosterschule, die sie besucht, ist das Abzeichen, das man bei den externen Seminaren erhält, ein begehrtes Statussymbol. Abwechslung gibt es in der Kleinstadt ohnehin nicht viel.

In einem gewöhnlichen Highschool-Film wäre die schüchterne Alice der unentdeckte schöne Schwan und auf dem besten Weg, kurz vor dem Abschlussball doch noch von allen ins Herz geschlossen zu werden. Doch so gerne sie dazugehören will, schwelt da eine Revolution in ihrem Innern, die nur auf den Ausbruch wartet.

Denn genau das macht dieses Milieu so interessant für einen Coming-of-Age-Film: Das Thema, das Pubertierende am meisten interessiert, ist zugleich das größte Tabu in dieser Welt. Wie können nur all ihre Mitschülerinnen und Mitschüler einen Sexualkundeunterricht ertragen, der Selbstbefriedigung zum direkten Ticket in die ewige Verdammnis erklärt? Und welcher Geheimsprache bedienen sie sich, um unerkannt doch darüber zu reden? Von Alice beispielsweise geht das Gerücht, sie habe mit einem Jungen „Salat angemacht“. Was immer das bedeuten mag. Weitere Schwerpunkte der pastoralen Sexualkunde sind Abtreibungsvideos oder – als Wochenprojekt – das Herumschleppen von Babypuppen.

Gespielt wird diese Alice im Kummerland von der für die Rolle mit heute 26 Jahren eigentlich viel zu alten Natalia Dyer, bekannt aus der Serie „Stranger Things“. Mit großen Augen und dem Talent zu ausdrucksvoller Mimik könnte sie auch für die Hauptrolle in Disneys „Die Schöne und das Biest“ Modell gestanden haben. In ihren besten Szenen spielt sie ohne Dialog und lässt ahnen, wie es unter der Maske der abverlangten Unschuld brodelt.

Regisseurin Maine integriert sie in einen ungewöhnlichen visuellen Erzählstil, der sie in weiten statischen Einstellungen eine von kirchlichem Ordnungssinn bestimmte Welt erkunden lässt. Immer wieder macht sie sich Alice’ Perspektive zu eigen, wenn diese Dinge sieht, die sie nicht sehen darf. Etwa das anzügliche Foto eines Unbekannten in einem AOL-Chatroom (wir erleben die Internet-Steinzeit), das sie auf unschuldige Weise belustigt und fasziniert. In einer Welt, die alle Sexualität verteufelt, können auch flüchtige Einblicke zu Schlüsselreizen werden.

Bildgestalter Todd Antonio Somodevilla lässt den klinisch-sterilen, muffig-unverfänglichen Stil sakraler Zweckbauten für sich selbst sprechen. Der unaufgeregte visuelle Stil ist eine angenehme Abkehr vom modischen Handkamera-Realismus.

Karen Maine hat die Geschichte schon einmal als Kurzfilm verfilmt, ebenfalls mit Natalia Dyer, sie sind ein eingespieltes Team. Besonders lang ist der Film mit seinen 73 Minuten noch immer nicht, aber dafür hat er auch keine Zeit zu verschenken; gerade recht, um die vielen Details mit ihrer sanften Ironie wirkungssicher zu platzieren.

Schon die ersten Highschool-Szenen faszinieren: Wie können es die Jugendlichen akzeptieren, von der gouvernantenhaften Lehrerin Mrs. Veda Strafzettel zugesteckt zu bekommen, wenn ein Rocksaum ein paar Zentimeter zu weit oben ist oder ein Junge die Hose ohne Gürtel trägt? Warum, könnte man fragen, braucht es überhaupt eine Aufpasserin, wenn Gott ohnehin auch die kleinste Sünde mitbekommt?

In der Jugendfreizeit wird das scheinheilige Selbstverständnis des strammen Christentums unübersehbar, und das führt zu einer hinreißenden Genre-Travestie: Wer sich etwa an den Ferienlager-Klassiker „Kleine Biester“ erinnert, weiß, welchen Stellenwert in diesem Genre sexuelle Erfahrung in der Rangordnung der Jugendlichen einnimmt. Hier ist es umgekehrt: Alice’ beste Freundin kann ihr die Sünde nicht verzeihen, zu der diese sie verführt hat – auf der Videokassette von „Titanic“ die Sexszene dreimal nacheinander anzuschauen. Natürlich ist es in dieser verhinderten Ferienlageridylle undenkbar, den attraktiven Sportgruppenleiter anzuflirten: Als Alice kurz seinen behaarten Unterarm berührt, beschämt ihn das zutiefst.

Aber Alice trägt ihren Namen in dieser Geschichte nicht von ungefähr. Staunend wandert sie durch eine verkehrte Welt, nicht ohne immer mehr Zeichen aus der verschütteten echten darin aufzuspüren. Denn natürlich werden Jugendliche unter Sommercamp-Bedingungen ganz unvermeidlich miteinander anbändeln – selbst und gerade wenn der Allmächtige dabei zuschaut. Wie zu erwarten, ist der Priester, der in der Schule auch den Religionsunterricht gibt, der Scheinheiligste von allen. Umso überraschender ist der Augenblick, wenn Alice ihn auf subtile Weise damit konfrontiert. Soll er doch auch mal etwas zu beichten haben.

Yes, God, Yes. USA 2020. Regie: Karen Maine. Im Streaming-Angebot von Amazon Prime.

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